Bewusster mit dem Essen umgehen
KDL-Tagung in Bad Herrenalb zu Fragen der Ernährung
Thomas Dosch rief zu bewussterem
Umgang mit Lebensmitteln auf.
Für eine "Politik mit dem Einkaufskorb":
Carolin Callenius
Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer stellte
die "Nationale Verzehrstudie II" vor
Herrmann Witter (re.) im Gespräch
mit Roy Kieferle
(17.11.08) Unter dem Motto "Ohne Brot wird der Tisch zum Brett" – ein weißrussisches Sprichwort – hat sich eine Tagung der Evangelischen Akademie Baden mit dem Kirchlichen Dienst Land in Bad Herrenalb mit Lebensmitteln zwischen Genuss, Gesundheit und Sinnstiftung auseinandergesetzt.
Hermann Witter, Landesbeauftragter des Kirchlichen Dienstes auf dem Lande, bezeichnete Tisch und Brot als "Symbole für Gemeinschaft". In einer Zeit, in der es immer mehr Single-Haushalte gebe und das gemeinsame Essen in der Familie immer seltener werde, gelte es, die sozialen und gesamtgesellschaftlich relevanten Dimensionen von Mahlzeiten wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken. Witter erinnerte daran, dass "Tisch und Brot tiefgehende Symbole des christlichen Glaubens sind", die "für die Gemeinschaft der Christen untereinander und für die Gemeinschaft mit Gott stehen".
Zu einem bewussteren Umgang mit Lebensmitteln rief auch Thomas Dosch, Präsident des Bundesverbandes Bioland e.V. (Mainz) auf. Mehr denn je sollten sich Verbraucher klar machen, wo eigentlich ihre Lebensmittel herkommen und wie sie erzeugt werden. Statt täglich Fleisch zu konsumieren, sollte man lieber unter dem Motto "Zurück zum Sonntagsbraten" den Verzicht üben. Die Herstellung von nachhaltig produzierten Lebensmitteln sei aus entwicklungs- und umweltpolitischen Gründen notwendig, betonte Dosch. Die von der einschlägigen Industrie geforderte Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung hingegen sei eine kurzsichtige Fehlentwicklung.
Die Bedeutung globaler Ernährungssicherheit unterstrich die Agraringenieurin Carolin Callenius von Brot für die Welt (Stuttgart). Angesichts des weltweit wachsenden Hungers, von dem besonders Kleinbauern, Fischer und Hirten betroffen seien, sprach sie sich für die Förderung kleinbäuerlicher Landwirtschaft mit entsprechenden Schutzmechanismen im Welthandel aus. Aber auch jeder Verbraucher selbst könne durch die "Politik mit dem Einkaufskorb" dazu beitragen, dass Nahrungsmittel weltweit ökologischer und sozialer hergestellt würden.
Allerdings interessieren sich 1/3 der Bevölkerung gar nicht für Fragen der Ernährung, verdeutlichte Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer, Präsident Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel (Karlsruhe) bei der Vorstellung der "Nationalen Verzehrstudie II". Nach wie vor würden in Deutschland zu wenige pflanzliche Nahrungsmittel, insbesondere Gemüse, gegessen. Die Kehrseite der Medaille wurde durch die repräsentative Untersuchung an 20.000 Deutschen bestätigt: "Wir werden immer dicker". Bereits heute seien 20% der Bevölkerung krankhaft fettsüchtig mit erhöhten Krankheitsrisiken. Wenn sich diese Entwicklung fortsetze, seien die damit entstehenden Folgekosten nicht mehr durch unser Gesundheitssystem zu tragen.
Mahlzeiten als "wichtiges Instrument der Sozialisation" wollte die Ernährungswissenschaftlerin Prof. Dr. Monika Neuhäuser-Berthold (Universität Giessen) begriffen wissen. Die frühkindliche Erziehung am gedeckten Tisch vermittele neben Ernährungswissen und Tischsitten auch die vielfältigen sozialen Funktionen, die mit bestimmten Formen des Essens und Trinkens, aber auch mit besonderen Arten von Speisen und deren Zubereitung verknüpft seien. Die gemeinsame Mahlzeit vermittle, "dass die Nahrungsaufnahme nicht allein der Sättigung dient, sondern dass auch gegessen und getrunken wird, um soziale Kontakte zu pflegen, zu feiern und zu genießen".
Im Anschluss daran erklärte der Starkoch Roy Kieferle (Dobel) den Tagungsbesuchern, warum das Einfache auch Haute Cuisine sein kann: "was an Mutters Herd gekocht wurde, sind und waren oft natürliche unbelastete Lebensmittel, die unserer Ernährung zuträglich sind".
Der Theologe Prof. Dr. Wolfgang Drechsel (Universität Heidelberg) erinnerte an das Tischgebet als christliche Form des Danks für das Essen. Das Gebet vor der Mahlzeit sei heute allerdings alles andere als selbstverständlich. Es wirke eher wie "ein Relikt aus grauer Vorzeit". Beim genaueren Hinsehen berge es doch etwas von der Widerständigkeit gegenüber unseren allgemein geteilten Vorstellungen von der Machbarkeit des Lebens und damit eine "zeitkritische Seite".
Ralf Stieber, Evangelische Akademie Baden
