Wie leben wir mit unseren Toten?

 

Studientag der Evangelischen Akademie Baden

Jürgen Fliege

Jürgen Fliege bei seinem Vortrag
(Foto: Horst F. Becker)

(07.11.08) Allerheiligen, Allerseelen, Ewigkeitssonntag – Tage des Gedenkens an die Toten, die uns vorausgegangen sind. In dieser Zeit besuchen Menschen die Gräber ihrer Angehörigen, bringen Blume und Kränze, entzünden Lichter. -
Wie leben wir mit unseren Toten? Diese Frage griff zum Ende des Kirchenjahres die Evangelische Akademie Baden mit einem Studientag in Bad Herrenalb auf.

Als Referent teilte Fernsehpfarrer Jürgen Fliege den über 100 Teilnehmenden seine Beobachtung mit: „Der Tod ist das, was uns am meisten berührt. Und von dem wir uns am wenigsten berühren lassen.“ Menschen entwickelten heute eine Menge kostspieliger Distanzierungsinstrumente zum Tod in Form von Dienstleistungen, die sie bei Bestattungsunternehmen einkauften. Das ersetze die Berührung mit den Toten, weil sie Angst mache. „Wer von ihnen hat seine Mutter, seinen Vater, im Augenblick des Todes im Arm gehalten?“, fragte er.

Die zunehmende Zahl anonymer Bestattungen sei ein Indiz dafür, dass Menschen sich nicht mehr wert fühlten, „die Wurzel für einen anderen zu sein“. Wenn überhaupt, würde der Tod nur im Zusammenhang von Ethik thematisiert. Die passive Seite, das Lauschen auf die Botschaft der Sterbenden, das Schweigen an der Seite der Toten, das Empfinden für das Kraftfeld dessen, der gestorben ist, gehe dabei den Lebenden verloren. „Was ist in dieser Kultur passiert, dass wir nicht mehr am Sterbebett sitzen?“

Die Toten begleiten uns ein Leben lang

Je näher uns die Toten stehen, auch das zeigte die Veranstaltung, desto weniger kann die Erinnerung an die Toten auf die Tage am Ende des Kirchenjahres beschränkt sein. Die Toten, die uns als Lebende wichtig waren, begleiten uns ein Leben lang. In Form von Gedanken, aber auch in Form von Erinnerungsstücken, die wir von ihnen aufheben. Ein Ring, ein Bild, ein Gebrauchsgegenstand, der die Brücke schlägt.

Die Verstorbenen begleiten uns in unseren Träumen. Aber auch in unserem wachen Tun und Handeln, wenn wir insgeheim fragen: Was würde er oder sie wohl sagen zu dem, was ich jetzt tue, wenn sie noch leben würden?

Im christlichen Glaubensbekenntnis ist die „Gemeinschaft der Heiligen“ eine Gemeinschaft, die die Lebenden wie die Toten umfasst. Für die praktische Seelsorge und die Liturgie ist diese Erkenntnis allerdings noch aufzugreifen.

„Welche Möglichkeit habe ich als evangelischer Christ, meiner Toten zu gedenken“, fragte einer der Teilnehmer, „brauchen wir nicht ein Ritual, mit dem wir unsere Verbundenheit über die Gräber hinweg ausdrücken?“ Die Frage blieb: Wie könnte das aussehen, die Toten nicht aus dem Leben auszugrenzen, sondern sich des Segens zu vergewissern, den Lebende wie Tote sich wechselseitig schenken können?

Von Akademiedirektor Klaus Nagorni (Evangelische Akademie Baden)