Vorschein des befreienden göttlichen Richterspruchs über die Welt

 

60 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Elke-Luise Barnstedt

Dr. Elke-Luise Barnstedt



Bernd Thomsen

Bernd Thomsen



Gregor Paul

Prof. Dr. Gregor Paul



Petra Uphoff

Petra Uphoff



Jan Badewien und Wolgang Vögele

Akademiedirektor Dr. Jan Badewien und
Dr. Wolfgang Vögele

(18.11.08) Vor 60 Jahren wurden von der Vollversammlung der UN die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" verabschiedet, die inzwischen von fast 200 Staaten unterschrieben wurde. Die religiösen und kulturellen Kontexte der Menschenrechte waren Thema einer Tagung der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb mit amnesty international Karlsruhe, die von Akademiedirektor Dr. Jan Badewien (Karlsruhe) geleitet wurde.

Dr. Elke-Luise Barnstedt, Direktorin am Bundesverfassungsgericht Karlsruhe bezeichnete die Menschenrechte "von ihrem Inhalt her vor allem als Abwehrrechte gegen den Staat". Dies war bereits die Intention der berühmten Magna Charta von 1215 in England. Die Menschenrechte entfalteten aber auch Wirkung zwischen Bürgern und Bürgerinnen im Falle der Kollision von Grund- oder Menschenrechten. Nur verbindliche Regelungen über Menschenrechte könnten wirksam staatliches Handeln beschränken. Ihre Verwirklichung und Durchsetzung sei nur so gut, wie der Rechtsschutz, der ihre Durchsetzung gewährleiste. Der Kanon der Menschenrechte mit einer fast achthundertjährigen Geschichte sei keinesfalls abgeschlossen. Veränderungen des Staates, aber auch neue Entwicklungen, insbesondere solche auf dem Gebiet der Technik, erforderten eine weitere Entwicklung der Menschenrechte, unterstrich Barnstedt.

Menschenrechte keine Religion

Der Rechtsanwalt Bernd Thomsen (Bremen) von amnesty international betonte, dass Menschenrechte weder eine Religion sind noch "Werte transportieren". Vielmehr seien sie ein "politisch-rechtliches Programm entstanden aus Unrechtserfahrungen". Es mache wenig Sinn, die Menschenrechte ausschließlich im westlichen Kulturkreis zu verankern. Das Beispiel der USA nach dem 11. September 2001 zeige, dass die Menschenrechte auch bei uns gefährdet seien.

Auch Prof. Dr. Gregor Paul, Präsident der Deutschen China Gesellschaft Karlsruhe unterstrich die Gültigkeit der Menschenrechte unabhängig vom kulturellen Umfeld: "relevante asiatische Werte mit anderen moralischen Grundsätzen als im Westen hat es nie gegeben". Anders sehe es mit der Akzeptanz bestimmter Menschrechte in China aus, bestimmte Menschenrechte hätten dort keine Chance. Kritisch sei aber auch zu sehen, dass die westliche Politik seit dem Kosovo eine "Politik der Remilitarisierung gewesen sei".

Die Menschenrechte im Islam waren Thema eines Beitrags der Islamwissenschaftlerin Petra Uphoff (Köln). Demnach gibt es bisher noch keine völkerrechtlich bindende islamische Menschenrechtserklärung. Die Scharia als Rechtsgrundlage spiele nach wie vor eine prägende Rolle im politischen und religiösen Denken der islamischen Länder. So lange der Islam offizieller Kritik enthoben und die enge Verquickung zwischen Macht und Religion fortbestehe, werde die Umsetzung größerer Freiheiten und Menschenrechte nur langsam voranschreiten.

Haltung der Kirche zu den Menschenrechten

An das anfänglich ablehnende Verhältnis der christlichen Kirchen zu den Menschenrechten erinnerte der Theologe Dr. Wolfgang Vögele (Karlsruhe). Die katholische Kirche öffnete sich erst mit Papst Johannes XXIII. für das Thema. Auch die evangelische Kirche lehnte die Rede von den Menschenrechten ab, da sie den Menschen als Sünder ohne Rechte verstand. Mit Gustav Heinemann, der die Menschenrechte im Sinne der Nächstenliebe interpretierte, kam dann die große Wende. Heute seien die Kirchen wichtige Anwälte der Menschenrechte.

Dies wurde in der Predigt von Oberkirchenrat Dr. Michael Nüchtern (Kalrsruhe) deutlich. Er hob darin hervor, dass christliche Apokalyptik nicht in einem Nein zur Welt, sondern im Ja des Schöpfers zu seiner Schöpfung und seinem Geschöpf wurzele. Die Menschenrechte seien "der Vorschein des befreienden göttlichen Richterspruchs über die Welt." Sie würden Unrecht anprangern und uns zum Handeln verpflichten.
Wegen dieser positiven Grundhaltung könne christliche Apokalyptik auch mit einem unverzagten und aktiven Lebensstil einhergehen.

Ralf Stieber, Evangelische Akademie Baden