Ein Mann bewegt eine Stadt
"Lev Ha´ir" - Ein neuer alter Stadtteil in Jerusalem
Uri Amedi
Uri zeigt uns Lev Ha´ír
(27.11.08) Uri Amedi, Direktor der Lev Ha’ir -Gemeindeverwaltung in Jerusalem, war einer von zwölf Personen, die in dazu ausgewählt wurden, die Fackeln zum Unabhängigkeitstag von Israel 2007 zu entzünden. Am 14. Oktober 2004 fand unter großer Beteiligung von Repräsentanten der Öffentlichkeit und Mitbürgern eine ganz besondere Zeremonie im "Haus Hans Wiener" in Jerusalem statt. Dieses Haus liegt im Ortsteil Lev Ha´ír.
Die Wiener Stiftung ehrte Uri Amedi, den Direktor der "Lev Ha´ír" Gemeindeverwaltung für sein "unermüdliches Engagement und für seinen hervorragenden Beitrag der Untermauerung der Struktur der israelischen Gesellschaft durch seine Arbeit in Lev Haír." In diesen dürren Worten wird die Ehrung eines Mannes beschrieben, der für Jerusalem ein beispielhaftes Modell durchgesetzt hat. Zäh und konsequent verfolgte er das Ziel der Integration in seinem Stadtviertel mit neuen Zuwanderern über dreißig Jahre lang. Und das Ergebnis ist ein "Bilderbuchstadtteil" mit neuer Lebensqualität, neuen Chancen für Jugendliche, neuen Angeboten und baulich fast durchgängig modernisiert.
Jannis und Rolf Pfeffer besuchten Uri Amedi bei ihrem Aufenthalt in Israel und lernten einen Menschen kennen, der für seine Ideen alles einsetzt und der dadurch vieles verändern konnte:
Die Ausgangssituation
In Israel wohnen Einwanderer aus 100 verschiedenen Staaten mit 80 verschiedenen Sprachen. Sie waren von überall auf der Welt gekommen. Eine wirkliche Integration fand früher nicht statt und die Probleme wurden erst langsam bewusst. "Die Menschen nehmen erst einmal Rücksicht auf die eigene Situation. Deshalb muss jeder erst einmal selbst an die Hand genommen werden," meint der Sozialarbeiter Uri Amedi. Nach dem Sechs-Tage-Krieg hatte die jüdische Bevölkerung jedoch nicht mehr dasselbe Bewusstsein wie vor dem Krieg. "Ein Volk von Arbeitern wollte auf einmal ein Volk von Managern werden", meint Uri. Aber es wurden auch durch die Feindschaften von außen die Integrationsprobleme bewusst und angegangen. Mit dem Beginn seiner Arbeit als Sozialarbeiter nahm Uri die damalige Situation besonders in Jerusalem im Stadtteil Nach Laot wahr. Die ökonomische Situation war geprägt von Armut und Zerfall, die urbane Situation den vielfältigen Austausch wirtschaftlicher kultureller und sozialer Art war diffus und desolat, und die soziale Situation war hochexplosiv. Es bestand eine Art von Mafia, in der sich die einzelnen Gruppen aus den Mitgliedern der Familiengangs rekrutierten. Die Innenstadt drohte zum Hinterhof Jerusalems zu werden. Dabei hatte der Stadtteil eine interessante Vergangenheit. Er galt in früher Zeit als das "Montmartre des nahen Ostens". Künstler, Musiker, Bohémiens gaben sich hier ebenso ein Stelldichein wie Geschäftsleute und das wohlhabende Bürgertum.
Dieser Zustand drehte sich in der Folge immer schneller. Die ursprünglichen Bewohner verließen das Viertel; wer konnte zog weg. Die Räume füllten sich mit Menschen, denen das Gemeinwesen nicht mehr sehr am Herzen lag. Bald lebten dort Menschen, zum Teil bewaffnet, Überfälle, Gewalt, bis hin zum Mord, wurde alltäglich. So wechselte ein Stadtteil mit rund 500 Geschäften und 2.000 Bewohnern vom funktionierenden Gemeinwesen hin zum Chaos. Ein Grund sieht Uri darin, dass viele nicht dieselben kulturellen Wurzeln hatten. Erschwerend kam hinzu, dass die Politiker kein Verständnis für die Situation hatten und deshalb keine Antwort wussten. Es hätte schon damals eine Kooperation zwischen politischer und sozialer Arbeit geben müssen, damit die Menschen einander glauben und sich akzeptieren und erkennen, dass jeder eine Meinung haben darf.
Der neue alte Markt Mahane Yehuda
In diese katastrophale gesellschaftliche Situation hinein kam Uri Amedi mit seiner Vision der Integration und Kooperation. Den Einstieg versuchte er im Markt, dem Herzstück des Viertels. Zwischen Obst- und Gemüsehändlern, Fleischern und Bäckern, Friseuren und Gewürzhändlern, versuchte er Ansprechpartner zu finden. Zu Beginn mit wenig Erfolg. Viele meinten, er wolle Schutzgeld erpressen, manche vermuteten in íhm einen Polizisten.
Insgesamt glaubten die Menschen des Viertels sowieso keinem mehr. Drei Jahre kämpfte er Tag für Tag, redete, versuchte zu überzeugen. Nicht nur die Clan-Chefs suchte er auf, auch deren Verwandte - Frauen, Mütter, Geschwister. Er sprach mit den Söhnen und Töchtern. Auf der Straße in den Höfen und Gassen. Er wurde bedroht und verletzt, aber er gab nicht auf.
Langsam begannen sich wieder demokratische Strukturen zu bilden und er hatte Verbündete gefunden. Ein neues Bewusstsein und neue Ideen des Zusammenlebens bildeten sich im Stadtviertel. Der ganze Markt sollte renoviert werden. Die Händler sollten drei Monate die Läden schließen, Geschäfte und Häuser auf einen guten Stand bringen und das alles auch noch selbst bezahlen. Was keiner für möglich gehalten hatte wurde Realität. Heute ist es der größte Markt Israels. Die Sauberkeit ist sprichwörtlich, die Auslagen auf hohem Hygienestandard und die Lebensmittel nicht nur orientalisch bunt, sondern appetitlich präsentiert. Man merkt, die Menschen gehen mit Lust dort einkaufen. Nicht weil sie eben mal einkaufen müssen, sondern weil es gut und sicher ist, dort einzukaufen. Die Clans sind verschwunden und es herrschen durch und durch demokratische Strukturen.
Der neue alte Ortsteil
Schon auf dem Weg durch den Stadtteil wundern wir uns etwas, dass es so viele neue Wohnhäuser gibt. Auf den alten Grundmauern wurden neue Wohneinheiten errichtet. Nicht ziellos, sondern genau überlegt, nach neuen städtebaulichen Erkenntnissen.
Seit Jahren besteht ein Planungskommittée, das sich für die Erneuerung des gesamten Viertels einsetzt. An den sehr individuell renovierten Häusern werden in Gedenken an die alten Bewohner Tafeln mit deren Bildern angebracht, um, nicht wie in Yad Vashem nur die Erinnerung wach zu halten, sondern um die Veränderung zu symbolisieren. Ein Park und Sportzentrum wurden angelegt, wo sich Jugendliche aus ganz Jerusalem treffen. Eine ganze neue Infrastruktur wurde geschaffen, ein Kindergarten, eine Schule und ein Familienzentrum ins Viertel zurückgeholt. Der schwedische Industrielle Hans Wiener stiftete ein Zentrum, in dem Weiterbildung für die Gemeinschaft angeboten wird und das die Geschichte des Viertels dokumentieren soll.
Das Ziel ist, wieder die alten Strukturen aufzubauen, Junge und Alte hier sesshaft zu machen und erneut Kunst und Kultur zu etablieren. Kooperationen mit Reiseveranstaltern anzubieten, um gemeinsam mit den ausländischen Gästen kulturelle Veranstaltungen durch zuführen. Dies alles verstanden auch als sozialintegratives Projekt mit dem Hintergrund ein Model zum Leben zu schaffen.
"Wenn ich sehe, dass etwas zur Veränderung getan werden muss, wenn ich die Menschen zusammenbringen kann, wenn ich sehe, dass es Menschen danach besser geht, dann kommt die Kraft schon von ganz alleine."
Wo nimmt er die Kraft her, über Jahrzehnte ein solches Projekt mit so viel Engagement zu betreiben, fragen wir Uri Amedi. "Wenn ich sehe, dass etwas zur Veränderung getan werden muss, wenn ich die Menschen zusammenbringen kann, wenn ich sehe, dass es Menschen danach besser geht, dann kommt die Kraft schon von ganz alleine.“
Und die Menschen danken es ihm. Sie umarmen ihn auf dem Markt , küssen ihn und wünschen Shabat Shalom.
Bericht von Rolf Pfeffer
Für ekiba.de leicht gekürzt.
- Mehr zum Thema Israel: Der badische Pfarrer Rüdiger Scholz lebte und arbeitete mit seiner Familie einige Jahre in Jerusalem auf dem Ölberg und berichtete in einem Online-Tagebuch wöchentlich vom Leben in Israel und Palästina:
Jerusalemer Tagebuch von Rüdiger Scholz

Rolf Pfeffer: Ein Mann bewegt eine Stadt (vollständiger Text zum Download)