Weltuntergang ohne Gott?

 

Tagung der Ev. Akademie Baden über Apokalypse

Joachim Valentin

Joachim Valentin: "Spektakel Weltuntergang"



Ernstpeter Maurer

Ernstpeter Maurer: "Horrorszenarien
nicht theologisch überhöhen" 



Hans G. Kippenberg

Hans G. Kippenberg: "Zeit des Heils"

(08.12.08) Wer das baldige Weltende herbei beschwören will, findet in unserer Zeit genügend Anknüpfungs­punkte: von Schwarzen Löchern über den Klimawandel, die Gefahr durch terroristische Anschläge bis hin zu Hungerkatastrophen. Apokalyptische Ängste bestimmen längst nicht mehr nur die Filmproduktionen Hollywoods, sondern finden zunehmend Eingang in die Politik. Heute dominiert das Bewusstsein, dass solche Hoffnung nicht trägt und der Fortschritt misslingen könnte. Die Tagung der Evangelischen Akademie Baden in Kooperation mit der Evangelischen Akademikerschaft „Endzeit. Szenarien des Untergangs oder Bilder der Hoffnung?“ fragte im Diskurs von Literaturwissenschaft, Theologie und Politik nach der Funktion von Endzeitszenarien in unserer Zeit.

Das Kino als den genau definierbaren Ort für das Spektakel Weltuntergang machte der Theologe Prof. Dr. Joachim Valentin (Frankfurt) aus. Die Apokalypse schlummere nicht mehr in theologischen Lehrbüchern, sondern werde in Filmen wie „The Day after tomorrow“ inszeniert. Regelmäßig werde dort die Frage „nach dem Sinn der Schöpfung, nach Schuld und Erlösung gestellt“. Nicht selten trete ein – menschlicher – Erlöser auf, der durch heldenhafte Anstrengungen, ja sogar durch Hingabe seines Lebens die Welt rette. Nur einer fehle, der uns aus den biblischen und außerbiblischen Apokalypsen wohl vertraut sei: Gott. Im Film hänge die Rettung der Welt nicht an ihm, sondern an den Menschen.

Apokalyptisches Potential machte der Wissenschaftsjournalist Dr. Markus C. Schulte von Drach (München) in den Fortschritten der modernen Biowissenschaften aus. Die Hirnforschung dringe immer tiefer in den Kosmos unseres Gehirns ein. Mit „Gehirn-Maschinen-Kopplungen“, die nach Meinung einiger Forscher in wenigen Jahrzehnten Realität sein werden, drohten „dramatische Veränderungen des Menschen und des Menschseins selbst“, die durchaus apokalyptische Züge hätten.

Der Theologe Prof. Dr. Ernstpeter Maurer (Dortmund) vertrat die Ansicht, dass man „die gängigen Horrorszenarien nicht theologisch überhöhen darf“. Die nicht unberechtigte Angst „vor der selbst inszenierten Zerstörung des blauen Planeten“ habe nichts mit der Vorstellung vom endgültigen Kommen des Reiches Gottes und der Heilsversprechung einer „neuen Welt“ zu tun, wie sie das Christentum formuliere. Anstelle der Katastrophe werde dort ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit offenbart.

Zweifel an der verbreiteten These, dass es in der Moderne keinen Glauben mehr an eine Heilsgeschichte im Sinne apokalyptischen Denkens mehr geben könne, äußerte der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Hans G. Kippenberg (Erfurt). Zwar seien akute Erwartungen des Gottesreiches nach den europäischen Glaubenskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts wegen der von ihnen ausgehenden Gewalttaten in Misskredit geraten. Gleichzeitig habe der Vernunftglaube der Gegenseite selber eine Neubelebung dieser Erwartungen hervorgerufen. Neben dem Glauben an einen Fortschritt, den Menschen durch Naturbeherrschung und Gesellschaftsreform selber bewerkstelligen können, bestehe die Erwartung einer Zeit des Heils am Ende aller Geschichte weiter, unterstrich Kippenberg. Die Zukunft könne von der Gegenwart her gesehen werden und sei dann ein offener Raum, den der Mensch planen und gestalten kann. Vom Ende her entworfen könne die Zukunft jedoch auch als eine Zeit des Heils verstanden werden, in der die Menschheit von ihrem Leiden und aller Sinnwidrigkeit erlöst wird.

Akademiedirektor Klaus Nagorni (Karlsruhe) sprach von einer „Infizierung unseres Lebensgefühl durch ständig anwesende Bedrohungen“, die uns über mediale Bilder erreichen. Die Angst vor der Apokalypse sei zur Zeit des Paulus nicht weniger aktuell als heute gewesen. Die Christen hätten dieser Angst zu allen Zeiten Bilder des Trostes in und jenseits der Katastrophe und das Hoffnungspotential des biblischen Glaubens entgegengestellt.

Ralf Stieber, Evangelische Akademie Baden