Glaube aktuell (05.11.2004)
Einstimmung ins Heilige - Über die Bedeutung der Musik für die Kirche (Teil 2)
von Prof. Dr. Peter Bubmann, Universität Erlangen
Vortrag vom 18.10.04 auf der Herbsttagung der Landessynode, Bad Herrenalb
Teil 2 (Teil 1 finden Sie hier)
[3] Einstimmung, Hochstimmung, Umstimmung, Verstimmung
„Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,
hast mich in eine beßre Welt entrückt!“
(Franz Schober, Hymnus „An die Musik“, vertont von Franz Schubert)
Nicht nur die Romantiker wussten, dass Musik entrücken kann. Sie hat transzendierende Kraft, und zwar ganz unabhängig von der Verbindung mit Texten. Sie gewinnt damit an sich religiöse Bedeutung, sie kann zum Medium religiöser Erfahrung werden.
Ich unterscheide hier vier unterschiedliche Wirkungen, die ich als Machterweise des Heiligen Geistes interpretiere: Einstimmung, Umstimmung, Hochstimmung und Verstimmung.
- Musik zielt auf Einstimmung und Zustimmung
Im Hören von Musik oder im Musizieren eröffnen sich höhere Weltordnungen, Stimmigkeiten des Seins und der Schöpfung. Als Christen sagen wir: Gottes guter Schöpfungswille wird hörbar. Viele Bruckner-Fans berichten von solchen Einstimmungs-Erfahrungen, für Karl Barth leistete dies die Musik Mozarts, aber man kann diese Erfahrungen genauso bei bestimmten Poptiteln, etwa des britischen Sängers Sting, machen. Man mag dies als Regression in archetypische Gefühlswelten interpretieren oder metaphysisch als Anschluss an kosmische Gesetzmäßigkeiten. Immer geht es um Einverstandensein, um Ent-Bergung einer lebensförderlichen Ordnung. Solche Einstimmung geht einher mit gelöster Gelassenheit und dem Bewusstsein einer letzten Lebens-Sicherheit. Diese verdankt sich der Erfahrung einer transzendenten Sinnordnung. Oder mit einer bekannten Choralzeile gesagt: „Tobe Welt und springe – ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh“.
"Musik dient als Medium des Heiligen Geistes zur Katharsis, als Seelenbad und Trost. Sie energetisiert, dynamisiert und verwandelt so das Leben. Diese seelsorgliche Bedeutung von Musik ... wäre in der kirchlichen Arbeit noch bewusster wahrzunehmen."
- Musik bewirkt Umstimmung
Transformation und Verwandlung von Gefühlen und Bewusstsein. Nochmals mit dem Choral „Jesu meine Freude“ gesagt: „Weicht ihr Trauergeister“: Trauer wird zu Freude, Angst zu Hoffnung, Verkrampfung zu gelöster Heiterkeit.
Musik dient als Medium des Heiligen Geistes zur Katharsis, als Seelenbad und Trost. Sie energetisiert, dynamisiert und verwandelt so das Leben. Diese seelsorgliche Bedeutung von Musik, auf die Michael Heymel zu Recht immer wieder hinweist, wäre in der kirchlichen Arbeit noch bewusster wahrzunehmen.
- Musik versetzt in Hochstimmung, gelegentlich auch in produktive Verstimmung
Die Grenzen des Gewohnten werden im Spiel der Musik überschritten. Sabbatlich unterbricht Musik den Alltagstrott. Sie reißt heraus aus der Zeitsklaverei des Alltags, verdichtet und sprengt die Zeit in Klängen und Rhythmen. Beim Hochzeitsmarsch aus Mendelssohns Sommernachtstraum-Musik stellt sich regelmäßig Hochstimmung ein. Hingegen wirkt die Avantgarde-Musik des 20. und 21. Jahrhunderts für gewöhnlich eher verstimmend. Wo die Welt wenig Anlass zu Hochstimmung gibt, ist dies jedoch auch eine notwendige Aufgabe der Musik: zu verstimmen, also falsche Idyllen zu hinterfragen, nicht einzulullen ins Klischee des Gewohnten, die Sehnsucht nach wahrem Leben im Stimmungsterror der Unterhaltungsindustrie wachzuhalten. Mit solcher Musik kann der Heilige Geist herausreißen aus falschen Bindungen dieser Welt.
"Die theologische Bedeutung der Musik beschränkt sich daher keineswegs auf Gottesdienst, Gebet oder Gotteslob. In vielen Bereichen christlicher Lebenskunst hat sie ihren Ort und entfaltet ihr Charisma."
- Wirkungen der Musik als Wirken des Heiligen Geistes
Diese transzendierenden Wirkungen der Musik sind christlich-theologisch als Wirken des Heiligen Geistes zu interpretieren. Die theologische Bedeutung der Musik beschränkt sich daher keineswegs auf Gottesdienst, Gebet oder Gotteslob. In vielen Bereichen christlicher Lebenskunst hat sie ihren Ort und entfaltet ihr Charisma: einstimmend, umstimmend, hochstimmend und verstimmend.
Die Musik kann zum Kennzeichen einer einladenden und ausstrahlenden Kirche werden, wenn die Kirchenmusik dieses vierfache transzendierende Potential der Musik im Auge und im Ohr behält. Wenn sie sich also nicht einseitig nur auf Hochstimmung im Gottesdienst konzentriert, sondern die Bedeutung der Musik für das ganze christliche Leben wahrnimmt und fördert: in Gottesdienst, Seelsorge, Diakonie, Gemeindeentwicklung und schulischer wie gemeindlicher Bildungsarbeit gleichermaßen.
[4] Anregungen zur praktischen Weiterarbeit
Drei Hinweise in Ahnlehnung an die drei Teile Vortrages:
- Dem Evangelium eine Stimme verleihen
Wer dem Evangelium Stimme verleihen will, muss dafür sorgen, dass möglichst alle Kirchenmitglieder einen Bestand gemeinsamer Lieder erlernen und kennen. Die Pluralisierung auch des geistlichen Liedgutes führt dazu, dass wir am Ende nicht mehr gemeinsam singen können. Ich frage mich, welche Lieder eigentlich ein Seelsorger am Sterbe- oder Krankenbett meiner Generation noch zitieren soll. Leider hat auch das jetzige Evangelische Gesangbuch es nicht vermocht, hier den Sinn für das Gemeinsame zu schärfen. Nicht wenige meiner Studierenden kennen dieses Gesangbuch überhaupt nicht, weil sie nur mit speziellen Liederbüchern ihrer jeweiligen Frömmigkeitsrichtungen und Verbände aufwachsen. Zwar weisen die neueren Bildungspläne für die Schulen in Baden-Württemberg Lernlieder für den Religionsunterricht aus. Es sind dies aber etwa für die Hauptschule und das Gymnasium keineswegs die gleichen Lieder.
Die Synode könnte anregen, eine Liste von 10-15 Kernliedern zu erstellen, die jedes Mitglied dieser Landeskirche kennen sollte und daher im Religionsunterricht und in der Konfirmandenarbeit, in Gottesdienst und Gemeindearbeit bevorzugt gesungen werden sollten. Dass es bei der Findung und Festlegung dieser Lieder unter Umständen wenig harmonisch zugeht, ist vorauszusehen, aber auch notwendig. In der individualisierten Gesellschaft muss mit um so größerer Anstrengung um das wenige Gemeinsame gerungen werden.
- Den Umgang mit der "Stimmungsmacht Musik" lernen
Ich bin davon ausgegangen, das Musik eine wichtige spirituelle Stimmungsmacht ist. Dann müssen alle, die haupt-, neben- oder ehrenamtlich im Dienst der Kommunikation des Evangeliums stehen, lernen, mit dieser Stimmungsmacht verantwortlich umzugehen. Ich empfehle, die musischen Anteile in den Aus-und Fortbildungen von Pfarrerinnen und Pfarrern, Diakonen und Religionspädagoginnen und der Ehrenamtlichen zu erhöhen. Dass wir in Deutschland eines der am besten ausgebauten kirchenmusikalischen Systeme haben, führt zu der paradoxen Situation, dass die anderen kirchlichen Berufe und Tätigkeiten meinen, ohne musikalische Ausbildung auszukommen. Das ist ein Irrtum, der sich immer wieder rächt: Etwa wenn der Pfarrer unsensibel die Musik bei der Beerdigung diktiert, oder wenn Religionslehrerinnen nicht fähig sind, im Unterricht zum Singen anzuleiten. In meiner Zeit als Fachhochschullehrer in Nürnberg haben wir eine musikalische Zusatzausbildung für Religionspädagoginnen und Sozialpädagogen einrichten können. Und ein Lernbereich „Ästhetik, Kultur und Kommunikation“ wie er an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg existiert, wäre im übrigen auch für die Pfarramtsausbildung etwa im Predigerseminar wünschenswert.
"Vielerorts ist noch nicht deutlich genug erkannt, welche Macht Musik über unser Leben hat. Man hält sie für eine private Geschmackssache oder für liturgisches Beiwerk. Man verkennt dabei, welche geistlichen Chancen in der Einstimmung, Hochstimmung, Umstimmung und Verstimmung durch Musik liegen."
- Geistliche Chancen von Einstimmung, Hochstimmung, Umstimmung, Verstimmung
Schließlich: Vielerorts ist noch nicht deutlich genug erkannt, welche Macht Musik über unser Leben hat. Man hält sie für eine private Geschmackssache oder für liturgisches Beiwerk. Man verkennt dabei, welche geistlichen Chancen in der Einstimmung, Hochstimmung, Umstimmung und Verstimmung durch Musik liegen. Ich wünsche mir, dass die Gemeindeleitungen und die KirchenmusikerInnen es als ihre selbstverständliche Aufgabe betrachten, diesen Reichtum geistlicher Wirkungen von Musik für die Gemeinden zu erschließen. Die Kunst des Orgelspiels oder der Chorleitung ist dafür nicht ausreichend. Hinzu müssen pädagogische und seelsorgliche Fähigkeiten kommen. Die kirchenmusikalischen Ausbildungspläne könnten hier noch deutlichere Akzente setzen.
"Der erste Platz nach der Theologie"
Martin Luther beschrieb die Wirkungen der Musik folgendermaßen:
„Ich liebe die Musik, und es gefallen mir die Schwärmer nicht, die sie verdammen. Weil sie
1. ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen ist.
2. Weil sie die Seelen fröhlich macht,
3. Weil sie den Teufel verjagt,
4. Weil sie unschuldige Freude weckt. Darüber vergehen die Zornanwandlungen, die Begierden, der Hochmut.
Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie.“
Ob das auch eine Platzanweisung für die kirchliche Arbeit der nächsten Jahre sein könnte?

Der gesamte Text von P. Bubmann: Einstimmung ins Heilige - Über die Bedeutung der Musik für die Kirche - hier als Download im pdf-Format