"Warum kommen denn ausländische Pfarrer?"
Urlauberseelsorge: Rolf Pfeffer im Burgenland
"Kulturdenkmal" in vier Sprachen
Am Abend wird die Kirche angestrahlt.
Das zieht noch einmal Besucher an....
Urlauberseelsorge bietet die Gelegenheit, mit vom Alltagsstress befreiten Menschen über Religion und Kirche ins Gespräch zu kommen. Das erlebte auch der badische Diakon Rolf Pfeffer, der im österreichischen Burgenland den örtlichen Pfarrer vertrat. Am Ufer des Neusiedler Sees liefen ihm etwa Lisa und Jacques mit ihren Fragen über den Weg.
"Wir haben keine Zeit für sowas"
Zum Beispiel Lisa. Die junge Frau kommt mit mir ins Gespräch, als ich am Abend auf einer Treppe neben der Evangelischen Kirche in Rust am Neusiedler See sitze, ein Glas Blaufränkisch vom benachbarten Weingut genieße und den vorbeifliegenden Störchen zuschaue. „Die Kirche wird ja nur noch zu Konzerten oder so benutzt“ sagt Lisa, die mit ihrem Lebensgefährten, den ein Tattoo schmückt, und ihrer fünf Jahre alten Tochter Paula vorbeikommt. Denn an der Kirchenmauer stehe ja, dass es ein geschütztes Denkmal sei, argumentiert sie.
Ich erkläre ihr, dass diese Kirche wie viele Gebäude in der Altstadt von Rust zwar denkmalgeschützt, aber regelmäßig für Gottesdienste und Konzerte genutzt werde. Ich lade Lisa zu einem Glas Wein ein und erzähle, dass ich aus der Evangelischen Landeskirche in Baden komme und den Pfarrer im Urlaub vertrete. Warum kommen denn ausländische Pfarrer? Die junge Frau ist von kirchlichen Dingen weit weg. „Wir haben keine Zeit für so was.“ Aber manchmal sei sie schon nachdenklich. Was wird mit der kleinen Paula - „wir wollten sie ja mal taufen lassen, aber kein Pfarrer wollte das machen, weil wir nicht in der Kirche sind und wir auch keine Taufpaten haben, die in der Kirche sind“.
"Ich versuche, ihr zu erklären, was Minderheitskirchen sind. „Das wusste ich gar nicht, ich dachte die Kirche ist überall in der Minderheit“, sagt sie."
Die Frage nach den ausländischen Pfarrern lässt Lisa jedoch keine Ruhe. Ich versuche, ihr zu erklären, was Minderheitskirchen sind. „Das wusste ich gar nicht, ich dachte die Kirche ist überall in der Minderheit“, sagt sie. Nun muss Paula ins Bett. Beim Abschied lade ich die Familie für Sonntag zum Gottesdienst ein. Sie kommen tatsächlich. Mit Paula und Tattoo.
Fragen vor und in der Kirche
Die Lichter auf der Straße gehen an, und auch die Kirche wird angestrahlt. Das zieht noch einmal Besucher an. Jacques, unüberhörbar gebürtiger Franzose, kennt sich offensichtlich aus. Er erzählt seiner Begleiterin Marlene die Geschichte der Protestanten seit Gustav Adolf. Als ich ihnen ein Gläschen Blaufränkisch anbiete, gibt es für den Weinkenner kein Überlegen. Bei diesem Thema kennt er sich noch besser aus. Er kennt sogar die badischen Anbaugebiete, hat vor kurzem in Konstanz Wein gekauft. Auch bei ihm kommt nach einiger Fachsimpelei die Rede auf kirchliche Fragen. Warum ich hier bin, will er wissen, und das sei ja interessant, dass sich die Kirchen mit Personal aushelfen.
Ernster sind die Fragen, die nicht auf der Treppe, sondern in der Kirche diskutiert werden. Die Urlauber wollen wissen: Was bezweckt die Kirche mit der Taufe? Warum glaubt der Papst, immer das letzte Wort haben zu können? Wie wird es mit der Kirche weitergehen? Warum nimmt die Kirche so wenig zu den aktuellen politischen Missständen Stellung? Und überhaupt… warum sagt die Kirche nicht, was wichtig ist im Leben? Wer und was ist eigentlich die Kirche? Auf einige dieser Fragen habe auch ich keine fertigen Antworten - nachdenklich fahre ich von meinem Seelsorgedienst im Urlaub nachhause. Vielleicht finde ich Antworten – vielleicht auch meine Gesprächspartner.
(August 2010)
