Was ist Gebet?

 

Das Gebet gehört zu den grundlegenden menschlichen Lebensäußerungen in fast allen Kulturen und Religionen.

betende Hände

Auch Meditation und Rezitation, wie sie im Buddhismus geübt werden, können als Gebet bezeichnet werden. Dass nicht gebetet wird, ist eher ein neuzeitliches und europäisches Phänomen, doch wird hier mehr gebetet als es den Anschein hat, auch von Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. Ich erfahre das immer wieder in der Klinikseelsorge.


"... der Schrei des Säuglings nach der Brust der Mutter (...) in dem beides sich ausdrückt: die Sehnsucht nach Lebensmitteln und, untrennbar damit verbunden, die Sehnsucht nach Beziehung."

Woher kommt es, dass Menschen beten? Am Anfang könnte der Schrei des Säuglings nach der Brust der Mutter gestanden haben, in dem beides sich ausdrückt, die Sehnsucht nach Lebensmitteln und, untrennbar damit verbunden, die Sehnsucht nach Beziehung.  Im Beten wird das Verlangen nach Nahrung, Nähe und Bewahrung transzendiert. Dem entspricht Luthers Aussage im Großen Katechismus: „Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten.“ Der Anstoß zum Beten kann auch aus einer Transzendenzerfahrung kommen, bei der sich Menschen als berührt, beglückt, erschüttert, verstört erleben. Sie reagieren darauf in Worten oder auch in Handlungen und Zeichen.


"Beten ist ein Geschehen zwischen einem Einzelnen oder einer Gemeinschaft und dem göttlichen Du."

Gebet und Gottesbild stehen in enger Beziehung zueinander. Wie über Gott oder das Göttliche gedacht oder wie die Gottheit erfahren wird, entscheidet über die Auffassung vom Beten. Für mich ist Beten "In-Beziehung-treten", sich einer Wirklichkeit öffnen und überlassen, die einen umgibt und erfüllt, auf ein Wort antworten, das schon gesprochen ist. Beten ist ein Geschehen zwischen einem Einzelnen oder einer Gemeinschaft und dem göttlichen Du. Das schließt die Übung des Nachdenkens und der Besinnung, des konzentrierten und wachen "Bei-sich-selbst-seins" nicht aus. Menschen erleben in der Tiefe des Selbst Selbsttranszendierung und darin Gotteserfahrung.


"In den Psalmen stimmen Christinnen und Christen in das Beten Jesu mit ein."

Der Thenach der jüdischen Gemeinde, das was wir herkömmlich das Alte Testament nennen, wurde auch den Christen zur Heiligen Schrift, mit der gebetet wurde,  insbesondere mit den Psalmen. Aus ihrer Sprache vor allem wuchs die Gebetssprache der Christen. Christliches Beten wurde Anrede dessen, zu dem Israel immer wieder sagte: „Du bist mein Gott“ (Psalm 31,15). In den Psalmen stimmen Christinnen und Christen in das Beten Jesu mit ein. Wenn die Kirche das Psalmengebet abschließt mit dem „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit“, empfängt sie die Psalmen durch den Sohn im Heiligen Geist als ihre eigenen Gebete. Der Heilige Geist hilft dem schwachen und fehlbaren Beten zurecht, er selbst betet in den Betenden, verleiht ihrem Gebet Lebendigkeit und Kraft (Römer 8,26).


"Wenn wir das Vaterunser beten, stellen wir uns hinein in den Horizont des Vertrauens zum Vater und der Hoffnung auf Gottes Reich."
     
Das Gebet Jesu, das Vaterunser (Matthäus 6,9-13), Urgebet der Christenheit, schöpft aus der jüdischen Tradition. Die Christenheit spricht es mit Jesus und in seinem Namen zu dem Gott, der sein Vater und unser Vater ist. Wenn wir es beten, stellen wir uns hinein in den Horizont des Vertrauens zum Vater und der Hoffnung auf Gottes Reich. Die Anliegen des täglichen Brots, der Vergebung der Schuld, der Versuchung und des Bösen sind dem zugeordnet. Vertraute Gebete wie das Vaterunser und der 23. Psalm helfen Menschen, sich in die Gegenwart Gottes hineinzubergen. 

       

      Formen des Betens

       

      Beten entfaltet sich in Bitte und Klage, Dank und Anbetung sowie im Bekenntnis, auch im Bekenntnis von Schuld und Ungenügen.

      Klage und Bitte liegen nah beieinander. Wer klagt, verdrängt nicht, weicht dem Elend nicht aus, sieht ihm ins Auge, fasst es in Worte oder in ein Seufzen und bringt es vor Gott.


      "Gebet und Fürbitte entstehen aus der Hoffnung auf den, der das Werk seiner Hände nicht lassen wird (Psalm 138,8)."

      Dabei kann die Klage auch zur Anklage gegen Gott werden (Psalm 22,2f). In der Bitte erwartet der Betende, dass Gott eigene und fremde Not wendet: „Wende dich, HERR, und errette mich…“ (Psalm 6,5), „Gott Zebaoth, wende dich doch…nimm dich dieses Weinstocks an“ (Psalm 80,15). Gebet und Fürbitte entstehen aus der Hoffnung auf den, der das Werk seiner Hände nicht lassen wird (Psalm 138,8). Die Fürbitte ist im evangelischen Bereich geradezu zum Inbegriff gottesdienstlichen Betens geworden. Ein Vorbild fürbittenden Betens ist mir Dietrich Bonhoeffer, der sich einerseits ganz der Führung Gottes anvertraut und der andererseits doch glaubt, dass er „viel Bewahrung in…(seinem) Leben der Fürbitte Bekannter und Unbekannter zu verdanken habe“ (WE 673) und daher auch selbst Fürbitte übt. Seine Fürbitte wächst aus der wachen und verantwortlichen Weltwahrnehmung und führt wieder in Weltverantwortung hinein.
       
      Dank und Anbetung wurzeln im Staunen über das Geschenk und die Bewahrung des Lebens. Menschen sprechen rühmend vor Gott aus, was er ihnen bedeutet oder was sie an Gutem empfangen haben.


      "Im Vertrauen auf  die unendliche Liebe Gottes wird um Vergebung gebetet und darum, dass ihr Leben sich neu in der Liebe entfalten darf."

      Im Bekenntnis der Schuld wird benannt, was bewusst oder unbewusst an Gottes- und Nächstenliebe nicht gelungen ist. Im Vertrauen auf  die unendliche Liebe Gottes wird um Vergebung gebetet und darum, dass ihr Leben sich neu in der Liebe entfalten darf.

           

          Gebetsanreden

           

          Gott wird in vielen Namen angesprochen.

          Der biblische Gott offenbart sich Mose mit einem Namen, in dem zugleich sein Wirken deutliche wird: IHWH (Exodus 3). Die Aussprache des Tetragramms (wörtlich: vier Buchstaben) begrenzte die jüdische Tradition auf den Tempel zu bestimmten Anlässen. Von Anfang an schlossen sich Christinnen und Christen der jüdischen Praxis der Heiligung des Namens Gottes an, und verwendeten andere Gottesprädikationen statt dessen. Die bekanntesten sind „Ewiger“, „Heiliger“, „Herr“ oder „Vater“. Es ist gut, nicht nur männliche Gottesanreden zu verwenden und abzuwechseln, so dass im Bewusstsein bleibt:
          Gott hat sich offenbart und er kann angerufen werden, er ist auch der über alle Bezeichnungen Erhabene das „absolute Geheimnis, das wir <<Gott>> nennen“ (Karl Rahner).

          Wenn wir Christen Jesus Christus bekennen, als den, in dem „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ wohnt (Kolosser 2,9), wenn wir im Sohn den Vater erkennen, können wir in Jesus den Vater anrufen, wie es insbesondere aus den Gebeten der Märtyrer bekannt ist (Stephanus - Apostelgeschichte 7, 59).

               

              Zeiten und Orte

               

              Immer und überall kann gebetet werden, auch am abscheulichsten Ort.

              Dennoch gab es schon immer besondere Zeiten, zu denen - und besondere Orte, an denen Menschen gebetet haben.
              Als herausgehobene Gebetszeiten gelten die Wendepunkte im Tageslauf: Morgen und Abend, dazu der Mittag und der Beginn der Nacht. Je nach Landschaft und Sitte werden diese Zeiten durch Glockengeläut gekennzeichnet.


              "... sich Gott zu überlassen..."

              In der Frühe, ehe Arbeit und Geschäfte die Aufmerksamkeit an sich binden, suchen Betende die Nähe Gottes. Am Mittag, auf der Höhe des Tages, wird ein Innehalten den Betenden helfen, bei ihrer Mitte zu bleiben, so dass sie Arbeit und Sorge nicht gänzlich in Beschlag nehmen. Am Abend sind sie eingeladen, ihre Arbeit aus der Hand zu legen und sich dem anzuvertrauen, der alles menschliche Werk vollendet. So kann der Abend etwas vom Sabbat gewinnen, zum Feierabend werden. Legt der Mensch sich zur Ruhe, vertraut er sich und die Welt dem Schutz und der Bewahrung Gottes an. Die Bereitschaft zum Schlaf kann die Bereitschaft versinnbildlichen, sich Gott zu überlassen in den Stunden der Nacht und einmal für immer. 


              "Für Christinnen und Christen wird - ausgesprochen oder unausgesprochen - Gebet immer Gebet im Namen Jesu sein."

              Aus besonderen Anlässen, wie der Bedrohung des Friedens, bei Katastrophen, zur Einschulung der Erstklässler oder auch am Volkstrauertag wird gelegentlich ein öffentliches Gebet erwartet. Es kommt vor, dass staatliche Institutionen Geistliche christlicher und anderer Bekenntnisse zu öffentlichem Beten einladen. Inwiefern ein gemeinsames Gebet sinnvoll und möglich ist, wird von der jeweiligen Situation abhängen. Manchmal wird es zwar ein Einswerden in den Gebetsanliegen, nicht aber im Gebet selbst geben können. Für Christinnen und Christen wird - ausgesprochen oder unausgesprochen - Gebet immer Gebet im Namen Jesu sein. 


              "Das Gebet ist ein „Reden des Herzens mit Gott“ 

              Herausgehobene Gebetsorte sind das Haus und die Kirche. Jesus hat mit der Aussage: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein“ (Matthäus 6,6) dem Missbrauch des Gebets als einer öffentlichen Demonstration gewehrt. Das Gebet ist ein „Reden des Herzens mit Gott“ (Brenz). Das heißt jedoch nicht, dass nicht auch gemeinsam gebetet wird (Matthäus 18,19) beispielsweise in der Familie (Tischgebet s. kleiner Katechismus). Der Sonntag wird zur gemeinschaftlichen Gebetszeit der Christen. In der sowohl für das evangelische Verständnis des Kirchengebäudes als auch des Gottesdienstes grundlegenden Predigt zur Einweihung der Schlosskirche in Torgau kommt Martin Luther auf das Gemeindegebet zu sprechen : „…auf dass dies neue Haus dahin gerichtet werde, dass nichts andres darin geschehe, denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“. Trägerin des Gebets ist die ganze im Namen Gottes versammelte Gemeinde, die in aktiver Teilnahme an der Liturgie verantwortliches Priestertum aller Glaubenden lebt.

              Immer mehr Menschen ziehen sich zu ausgesonderten Tagen des Gebets an besondere Orte wie Klöster oder die Häuser von Kommunitäten zurück, um dort in der Gemeinschaft von Mitbetenden Raum, Zeit und Unterstützung zum Beten zu finden. 
                 

                   

                  Beten als Lebenshaltung

                   

                  Martin Luther hat den alten Dreiklang von meditatio (Schriftbetrachtung) oratio (mündliches Gebet) und contemplatio (Stilles Verweilen in der Gegenwart Gottes) umgewandelt in meditatio, oratio und tentatio (Versuchung).

                  Wer die Schrift meditiert und sich und die Welt liebend vor Gott bringt, stellt sich  dem Leben, der „Arbeit der Woche mit ihren Mühen und Sorgen, mit ihrer Herausforderung und ihrer Versuchung“ (Evangelisches Tagzeitenbuch).
                  Beten und arbeiten gehören eng zu einander. Im Beten ohne Unterlass (1. Thessalonicher 5,17) wird der Alltag durchdrungen von der Haltung des Offenseins für Gottes Gegenwart. Betende Menschen werden ihre Augen vor der Welt nicht verschließen. Ein zeitweiliger Rückzug und die konzentrierte innere Sammlung (contemplatio) steht dazu nicht im Widerspruch.


                  "In der Stille kann aus dem Reden Hören werden, ..."

                  Das schweigende Dasein in der Gegenwart des göttlichen Geheimnisses im stillen Verweilen, oft mit Hilfe der Sammlung auf ein Gebetswort, das im Rhythmus des Atems im Inneren bewegt wird (Herzensgebet oder Jesusgebet, wenn dabei der Name Jesu im Zentrum des Betens steht) macht offen für das, was in der Stille drinnen und dann auch draußen begegnen will. In der Stille kann aus dem Reden Hören werden, eine Erfahrung des Beschenktwerdens. Das immerwährende Herzensgebet, im möglichst unaufhörlichen  Fließenlassen des Gebetswortes im Rhythmus des Atems, wird nicht nur in den orthodoxen Kirchen geübt. Gerhard Tersteegen, ein evangelischer Zeuge dieses Betens formuliert:
                  „Ich wählte vormals Ort und Zeit
                  Zum Beten und zur Einsamkeit,
                  Nun bet’ ich stets im stillen Sinn,
                  Nun bin ich einsam, wo ich bin.“  


                  "... hineinstellen in diese Welt..."  

                  Für das persönliche, wie für das gottesdienstliche Gebet werden Körperhaltungen, Gesten, Gebärden oder der liturgische Tanz neu entdeckt. Auf Pilgerwegen wird erfahren, wie „Beten mit den Füßen“ eine neue Sensibilität schafft für den eigenen Leib als Tempel des Heiligen Geistes und für die Gegenwart Gottes in seiner Schöpfung. Evangelische Christen praktizieren wieder das Kreuzeszeichen (siehe Luthers Morgen – und Abendsegen), mit dessen Hilfe sie sich gründen auf der Erde, aufrichten zum Himmel, sich nach beiden Seiten hineinstellen in diese Welt und zur Mitte finden.

                  Von Wolfgang Max,
                  Leiter der Fachstelle "Geistliches Leben"

                  Literatur:
                  - Evangelisches Gesangbuch
                  - Evangelisches Tagzeitenbuch, herausgegeben von der Evangelischen Michaelsbruderschaft, Münsterschwarzach und Göttingen 4. Auflage 1998
                  - Kallistos Ware, Emmanuel Jungklausen; Hinführung zum Herzensgebet, Freiburg, Basel, Wien 1982
                  - Peter Zimmerling, Evangelische Spiritualität, Göttingen 2003

                   

                       

                      Schritte zum Beten

                      ... ist eines der Themen der Internetseite einer Gemeinde aus der hannoverischen Landeskirche, die die Fragen: "Beten -was ist das" und "Wie kann ich beten" aufnimmt und einen Weg zeigt, zum eigenen Gebet zu finden.

                       

                      Beten kann man lernen...

                      Die Bibel stellt uns Gott als einen lebendigen, persönlichen Gott vor. Er sucht die Verbindung mit den Menschen. Im Gebet erlaubt er uns, sich ihm zu öffnen, mit ihm zu reden. Dabei sieht er „in unser Herz“. Er weiß, was hinter den Worten steht. Deshalb können wir mit ihm reden, wie es uns ums Herz ist.

                       

                      Gebetsportal

                      Die Seite www.wie-kann-ich-beten.de wird von der Evangelischen Radio- und Fernsehkirche im NDR (ERR), dem Katholischen Rundfunkreferat im NDR (KRR) und der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover (EVLKA) betrieben.

                       

                      Die großen Gebetsgebärden

                      „Körper und Seele sind eine Einheit. Darum muss der Christ ganzheitlich beten lernen.“ Ein Beitrag zu ganzheitlichem Beten ist die so genannte Große Gebetsgebärde. Hier finden Sie Gedanken und Anregungen zu den großen Gebetsgebärden.