Glaube aktuell (03.06.2004)

 

Lernen von Bonifatius - eine "Erfolgsstory"

Am 5. Juni jährt sich der Todestag des Bonifatius zum 1250. Mal. Geboren in England um 672 kam er zu den Benediktinern. 716 versuchte er eine erste Mission in Friesland, von der er aber erfolglos zurückkehrte. Beim zweiten Aufbruch zu den Germanen reiste er zunächst nach Rom, wo er 718 er von Papst Gregor II. die Aufgabe bekam, unter den deutschen Völkern zu missionieren. 722 wurde er zum Missionsbischof geweiht., mit allen damit verbundenen Rechten. Er gründete zahlreiche Kirchen und Klöster, wurde Erzbischof und päpstlicher Legat fürs Frankenreich. Er stirbt Pfingsten 754 bei Dokkum in Friesland bei einem Überfall heidnischer Gegner.

[1] Wir Protestanten tun uns ja etwas schwer mit den Heiligen. Trotzdem ist der 1250. Todestag des Bonifatius auch für uns mehr als nur einen Blick Wert. Denn Bonifatius ist nicht nur von historischem Belang.

Die Geschichte des Bonifatius ist ein Beweis, dass "Erfolgsstories" nicht erst in der Neuzeit geschrieben wurden. Und auch einige der neuen Wege der Kirchen, wie z. B. an Marketing angelehnte Methoden zu nutzen (gezielte PR oder "Öffnung zur Welt"), sind so neu nicht...Das mag sich unangemessen weltlich anhören, ist es aber nicht.

Schon von Anbeginn lebte die Verkündigung der frohen Botschaft von einer angemessenen Art der Verbreitung. So schreibt schon Paulus "Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette." (1. Kor 9,22). Auch wenn die Botschaft unwandelbar ist und "nicht mit klugen Worten, damit nicht das Kreuz Christi zunichte werde" (1. Kor 1,17) verkündet wird, das Transportmittel, mit dem sie zu den Menschen gebracht wird muss geeignet sein, damit sie überhaupt Gehör finden kann. Das hat nichts mit Anbiederung zu tun, sondern mit Kommunikation, die Menschen erreicht.

Bonifatius fand einen Weg, Menschen zu erreichen und das Christentum in Deutschland zu etablieren.

Einige Schlaglichter aus moderner Perspektive:

[2] Neue Besen kehren gut

Das Frankenreich im 8. Jahrhundert: die junge Kirche leidet unter Verweltlichung, besitzt keine Struktur und steht demzufolge in der Gefahr gewissermaßen zu zerfallen. Teilweise ist das Christentum noch gar nicht vorgedrungen. Ein Neustart war nötig.
Beginnen wir hier mit der allgemeinen Frage: warum musste noch ein ausländischer Missionar nach Deutschland kommen, um das Evangelium neu zu verkünden? Gab es keine gläubigen Deutschen, die dies hätten bewerkstelligen können? Vielleicht schon, aber Bonifatius verspürte die dringende Berufung, die ihn dazu trieb sein Leben in den Dienst der Missionierung der Deutschen zu stellen.
Damit befand er sich in einer langen Tradition, schon Jesu Wirken wurde in Nazareth misstrauisch beäugt: "Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause" (Mt 13,57). Seit dieser Zeit hatten sich die Menschen nicht sehr geändert- und haben es bis heute noch nicht.
Woher soll einer, der so ist wie wir, es denn besser wissen? Denkt er, er ist was besseres?
Ein Außenstehender genießt doch eine gewisse Narrenfreiheit. Und selbst für ihn ist es schwer genug, Neuerungen einzuführen, wie auch Bonifatius erfahren musste.

Heute ist zu beobachten, dass Gastpriester oder Missionare aus fremden Ländern meist sehr beliebt sind. Sie bringen frischen Wind und wecken die Neugier, die dann doch stärker ist als das Misstrauen gegen neue Gottesdienstliturgien.

Die Gestalt des Bonifatius kann uns im übrigen auch daran erinnern, dass das europäische Christentum nicht in Deutschland "erfunden" wurde. Auch uns musste es erst gebracht werden, gegen teilweise erhebliche Widerstände.

[3] Lerne aus deinen Fehlern - ändere die Taktik

Nach dem missglückten ersten Besuch in Friesland änderte Bonifatius beim zweiten Anlauf seine Taktik. Diesmal reiste er zunächst nach Rom, um seinen Einsatz päpstlich "legitimieren" zu lassen. Er bemerkte wohl, dass eine Legitimation die Arbeit erheblich erleichtern kann. Dass man nicht an den ortsüblichen Gegebenheiten vorbeiarbeiten kann. Heute würde man sagen er "holte die Leute da ab, wo sie waren.
Er passte -ganz modern- sein Vorgehen der Situation an:

So auch im Umgang mit heidnischen Bräuchen.

 

[4] Zeitgemäßes Handeln

723 fällte er die dem Gott Thor geweihte Donar-Eiche bei Geismar, um zu beweisen, dass die germanischen Götter keine Macht haben. Aus dem Holz wurde das Kloster Fritzlar gebaut.
Heute geht man mit fremden Kulturen weitaus sanfter um.

Allerdings hatte Bonifatius es nicht nur mit kulturellen Eigenheiten zu tun, sondern mit fremden Göttern. Er musste ein entschiedenes Zeichen setzen, um deutlich zu machen, dass die alten Götter keine Macht haben und mit dem Evangelium nicht vereinbar sind.
Er fand eine für seine Zeit gemäße Form der Inkulturation- er brachte den Menschen das Evangelium auf eine Art, die von ihnen verstanden wurde.

 

[5] Struktur bringt Sicherheit

Bonifatius brachte nicht nur den Glauben zu den noch Ungläubigen, sondern auch eine kirchliche Struktur zu den schon vorhandenen Christen. Eins seiner Anliegen war dabei, die deutsche Kirche der Kirche in Rom zu unterstellen. Er gründete zahlreiche Klöster, auch auf Badischen Gebiet in Tauberbischofsheim.
Man könnte fragen: brauchte Deutschland denn eine Kirchenstruktur und -organisation?

Auch wenn Kirche heute eher unter einem Zuviel an organisatorischem und verwaltungstechnischem Balast leidet lautet die Antwort: für die damalige Zeit ja.
Kirche braucht Gemeinschaft. Gerade "jungen" Christen bringen gemeinsame Regeln die Möglichkeit, ihren Glauben zu leben, ohne sich ständig zu fragen, wie nun der Gottesdiens zu feiern sei. Ein gemeinsamer Rahmen bringt Sicherheit, gerade in einer unsicheren Umgebung. Echte Gemeinschaft macht stark. Auch ohne ein Freund der institutionalisierten Kirche zu sein, sind die Vorteile für die damals gerade wachsende Kirche zu sehen.
Bonifatius brachte der Kirche damit erst die Kraft zu überleben. Der Erfolg zeigt, dass die Methode stimmte.

 

[6] Bibel contra Schwert

Am Ende seines Lebens kehrte Bonifatius nochmals nach Friesland zurück. Und immer noch stieß er (durchaus aus politischen Gründen: man unterstellte auch weltlich-politische Motive) auf erbitterte Ablehnung: am 5. Juni 754 wurde er zusammen mit 50 Begleitern von Bewaffneten bei Dokkum überfallen und getötet. Er soll seinen Begleitern befohlen haben, sich nicht zu wehren, er selbst hielt eine Bibel schützend über sich um einen Schwerthieb abzuwehren, jedoch vergeblich.
Diese Geschichte erinnert wieder an eine biblische: die Gefangennahme Jesu, wo Jesus Petrus verbot, sich kämpfend zur Wehr zu setzen.
Beachtenswert ist, dass Bonifatius trotz der Anfeindungen eine friedliche Mission verfolgte- im Gegensatz manchen späteren "Missionen", die von Europa ausgingen.

Mit diesem Ende ist diese christliche Erfolgsgeschichte leider nicht mehr so ganz perfekt - aus "weltlicher Perspektive" zumindest. Seine Gegner fühlten sich nun wahrscheinlich als Sieger und waren froh, den Störenfried ausgeschaltet zu haben.
Doch die Wege des Glaubens entziehen sich hartnäckig menschlichen Maßstäben von Erfolg.
Für das Christentum bedeutet Erfolg nie den einer einzelnen Person als Individuum, sondern hängt "nur" mit ihr zusammen. Auch Bonifatius war das bewusst ...

 

[7] Vorausschauende Planung

Bonifatius hatte sich nicht auf den verkündigenden Aspekt der Mission beschränkt, sondern das Erreichte auf verschiedene Arten befestigt.
Er hatte zeitig damit begonnen, Nachfolger für sein Werk einzusetzen, hatte Klöster gegründet, die der Verkündigung sichtbaren Bestand gaben. Modern würde man sagen: Delegation von Aufgaben, frühzeitiges Training potentieller Nachfolger und Einbindung der Mitarbeitenden in die laufenden Prozesse sicherten das Weiterbestehen seines Werkes.
Auch eine Große Persönlichkeit kann -und sollte- nicht alles allein machen.

So haben wir doch eine "Erfolgsstory": Die Frohe Botschaft war nicht mehr aufzuhalten...

 

Y. Kälbli, Internetredaktion