Glaube aktuell (14.02.2004)
Durchbruch oder Dammbruch? - Geklonte menschliche Zellen als Medienereignis
[1] Über den Zusammenhang von wissenschaftlicher Forschung und medialer Aufmerksamkeit
Schon seit Jahren posaunen zweifelhafte Gestalten wie Michael West, Chef des US-Biotechnikunternehmens Advanced Cell Technologies, der selbsternannte Menschenkloner Antinari oder die Sekte der Raelianer ihre Ankündigungen in die Welt hinaus, bald einen Menschen klonen zu wollen und vor allem: zu können. Während die einen noch laut klappern, lassen andere die Weltöffentlichkeit wissen, dass sie zwischenzeitlich einfach Fakten geschaffen haben: In einer Versuchsreihe gelang koreanischen Wissenschaftlern jeder dritte Versuch, Eizellen und Körperzellen miteinander zu einem Klon zu verschmelzen. Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch die Medien – ein Medienereignis. Man könnte fragen: War dies ein Ereignis, das lediglich durch die Medien transportiert oder das für die Medien produziert wurde?Die folgenden Überlegungen wollen daher nicht zur laufenden Bioethikdiskussion mitsamt der Fragen nach der (Verletzung der) Menschenwürde beitragen, sondern nach dem Zusammenhang von (Möglichkeiten der) Forschung und (Aufmerksamkeit in den) Massenmedien fragen.
[2] Zuvor: Was geschieht mit durch Klonen erzeugten menschlichen Embryonen?
Entweder werden ihnen – nachdem sie zu einer genügenden Größe herangewachsen sind – pluripotente Stammzellen entnommen, von denen man sich Therapieerfolge bei bisher unheilbaren Krankheiten erhofft; dies bedeutet allerdings nichts anderes, als dass diese Embryonen zum Zwecke der Heilung anderer getötet werden.
„Andererseits ließe sich derselbe Embryo auch in den Mutterleib übertragen, in der trügerischen Hoffnung, damit ein dauerhaftes gesundes Klonkind auf die Welt zu bringen. Dieses reproduktive Klonen, da waren sich bei den UN (gemeint ist ein eigens eingerichtetes Komitee der Vereinten Nationen, Red.) alle einig, sollte nicht sein. Also fertigte man einen Entwurf zum internationalen Verbot des reproduktiven Klonens an“ (Ulrich Bahnsen, Lahmender Klonschutz, Online-Ausgabe der ZEIT; 12.02.04). Bis heute ist es übrigens zu keinem Beschluss gekommen.
[3] Aufmerksamkeit als umkämpfte Ressource der „Mediengesellschaft“
Die Massenmedien brachten neben bisher bekannten Wirtschaftsgütern wie Arbeitskraft, Grund & Boden(schätze) eine völlig neue Ressource mit sich: Die Aufmerksamkeit. Wer die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen kann, lenkt sie zugleich auf seine Produkte (Werbung) oder Ideen (Politik usw.). Mit zunehmender Medienvielfalt wird die menschliche Aufmerksamkeit allerdings ein immer knapperes und von den Medien immer stärker umkämpftes Gut (siehe hierzu den einleuchtenden Aufsatz des Heidelberger Privatdozenten Günter Thomas; umkämpfte Aufmerksamkeit, in W.Schweiker / C. Mathewes, Having, Michigan 2003).
Gerade für Wissenschaften und Unternehmen im medizinisch-pharmazeutischen Bereich, also dort, wo Forschung - z.B. an neuen Medikamenten oder Therapien - und Umsatz derart eng verknüpft sind, ist die massenmediale Vermittlung der Arbeiten und Produkte geradezu zwingend: Eine Medikament muss den Menschen bekannt, eine Therapie plausibel gemacht werden...
[4] Medienpräsenz, die Grenzen verschiebt und Geld einbringt
Gerade heutzutage, wo politisch Verantwortliche angeschichts knapper Kassen zuallererst die Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftsbudgets in den Haushalten als Finanzierungsreserven entdecken, sind alle wissenschaftlichen Disziplinen von alternativen Finanzierungsquellen abhängig; „Drittmittel“ heißt das.Neben Publikationen in Fachmagazinen und wirtschaftlich verwertbarer Anwendung entdecken so, wie gesagt, einige Forschungszweige immer häufiger eine neue Form der Gelderschließung: Die breite Öffentlichkeit.
[5] Der medial inszenierte Tabubruch - Forschung auf dem Boulevard
Ein eindrückliches und leider negatives Beispiel bietet seit einigen Jahren der medial inszenierte Tabubruch mit ausgestellten Leichen in der Ausstellung „Körperwelten“ des Gunther von Hagens. Der wissenschaftliche Durchbruch war erreicht und ausreichend publiziert, aber – da hieraus keine direkte Anwendung ableitbar war, wie beispielsweise bei der Teflonpfanne o.ä. – eine finanzielle Auswertung war nur mittels breiter Öffentlichkeit zu erreichen. Also zog von Hagens aus den akademischen Kreisen aus, um den Boulevard zu erschließen – und erfand die bis dato erfolgreichste Wanderausstellung „Körperwelten“.[6] Was Klone und „Körperwelten“ gemeinsam haben - Ein Vergleich der Argumente
Auffällig ist, dass genau mit denselben Begründungszusammenhängen und demselben Vokabular, wie es in der Stammzellen- und Klondebatte auftritt, auch der umstrittene Forscher und Entertainer von Hagens im Blick auf seine Ausstellung „Körperwelten“ argumentiert: Beide Male wird der Fortschritt und das Hilfreiche betont und beide Male werden Chiffren wie "Zellhaufen" oder "Material" verwendet.Da es sich seiner Ansicht nach mehrheitlich nur um Kunststoff handle, der mittels eines toten Körpers in Form gegossen worden sei - aber eben nicht mehr um den Verstorbenen selbst - vermeidet von Hagens so konsequent den Begriff „Verstorbene“ und spricht ebenfalls nur von „Material“. Der Zweck seiner Ausstellung sei zudem lediglich medizinische Aufklärung der Menschen - quasi eine Demokratisierung des anatomischen Wissens, das jahrhundertelang nur Medizinern vorbehalten gewesen sei.
Letzten Endes argumentieren also beide - von Hagens einerseits und die erwähnten Genetiker andererseits - lediglich mit einer bestimmten Form von Mengenlehre: Geht es bei der Tötung von Embryonen zu therapeutischen Zwecken um die Mengenverhältnisse einiger weniger embryonaler Zellen gegenüber ungleich mehrerer Zellen eines Patienten, so bestehen nach Sicht von Hagens die Plastinate mehr aus Kunststoff als aus menschlichem Gewebe. Beide Male wird die Menschenwürde zudem einfach abgewogen: am Beginn des möglichen Lebens zu Gunsten therapeutischer Erfolge, am Ende des Lebens zu Gunsten anatomischer „Aufklärung“.
„Aufmerksamkeit“ als Marketingstrategie der Biotechnik
Jede Forschung, die nicht direkt in eine vermarktbare Anwendung mündet (wie z.B. ein neues Medikament, eine neue Technologie) muss der Gesellschaft und den politisch Verantwortlichen - die schließlich für weitere Geldzuwendungen zuständig sind - erst vermittelt werden. Wie kann diese Aufmerksamkeit erzeugt werden? Durch Öffentlichkeit bzw. durch Bilder!
[7] „Aufmerksamkeit“ durch Bilder
Bilder sind am besten geeignet, sich unserem Bewusstsein einzugravieren; Viele von uns haben das Bild des nackten vietnamesischen Mädchens vor Augen, das eine Straße hinunter rennend vor einem Napalmangriff flieht, viele von uns erinnern sich an die Bilder des Kennedyattentats oder der auf einem Lüftungsgitter stehenden Marilyn Monroe - oder des Elften Septembers. Auch die Wissenschaft produziert immer wieder Bilder, die es möglicherweise schaffen, in unser kulturelles Gedächtnis dauerhaft einzudringen - oder dort schon sind: Der erste Mensch auf dem Mond, das Klonschaf Dolly, die Maus, auf deren Rücken ein menschliches Ohr wächst,...
[8] „Wohltäter der Menschheit“: Durchbruch oder Dammbruch?
Die in Korea durch Klonen erzeugten Embryonen werden also zweifach verzweckt: Sie dienen einerseits als „Ausgangsmaterial“ für vermeintliche bzw. erhoffte Heilverfahren und andererseits als Mittel, mit dem mediale Präsenz, Aufmerksamkeit und letzten Endes Geld erreicht werden kann.
Im ersten Falle wird also das Leben des Embryos gegen das Leben eines kranken Menschen abgewogen und zu Ungunsten des Embryos entschieden (vorsichtshalber hat die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries unlängst entschieden, Menschenwürde sei nicht etwas der Gesellschaft vorgegebenes, sondern etwas von ihr zu Verleihendes – ein außerhalb eines Mutterleibes erzeugter Embryo bekomme demnach die Menschenwürde nicht automatisch zugeschrieben und sei somit, solange er nicht in einer Gebärmutter eingenistet sei, verfüg- und verzweckbar).
Im zweiten Fall dient der per Klonung erzeugte Embryo - zumindest solange er der erste seiner Art ist - dem Erreichen größter Aufmerksamkeit, dem Verschieben von ethischen Grenzen (Gewöhnung der Öffentlichkeit durch weitere Versuche dieser Art), dem Plausibilisieren damit verbundener Therapiemodelle und letzten Endes: dem Wecken von öffentlichem Bedarf an solchen Therapien.
[9] Warum menschliches Leben zwecklos sein muss
Es ist zu befürchten, dass die politisch Verantwortlichen angesichts der nun in Korea geschaffenen Fakten gänzlich umkippen und den Heilungsversprechen folgend derartige Klonprojekte weiter legitimieren – es diene ja dem Wohle der Menschen. Dass hiermit schließlich die vermeintliche Verantwortungsethik („wenn’s hilft“) als Keule gegen eine vermeintlich romantisierende Gesinnungsethik („Menschenwürde auch für Zellhaufen!?“) eingesetzt wird, wird von den Kritikern dann nur noch bedauernd festgestellt werden können.Der Mensch erhält allerdings nach christlichem Verständnis seine Würde nicht von einer gerade zufällig bestehenden Gesellschaft verliehen, sondern sie ist umgekehrt allen Gesellschaften vorgegeben - und soll von daher auf diese Gesellschaften abstrahlen. Menschliches Leben darf daher nicht für fremde Zwecke ge- bzw. missbraucht werden; es darf nicht verzweckt werden. Wo dies dennoch geschieht, muss die Kirche weiterhin aus dem „Ja“ zum Menschen heraus „Nein“ zu derartigen Experimenten sagen.
Interessanterweise betonte bereits die stoische Philosophie der Antike den naturrechtlich begründeten Begriff der Menschenwürde – allein aus der Natur heraus, nicht durch Leistung, kommt dem Menschen als Vernunftwesen gegenüber den Tieren „Würde“ und „Ehre“ zu (Cicero, Über die Pflichten 1,106). Dass nun nach einer zweitausendjährigen Geschichte mit Bibel (Gottebenbildlichkeit des Menschen), Humanismus und Aufklärung nun die Menschenwürde als zuteilbares und nicht mehr als vorgegebenes Gut betrachtet wird, muss mindestens befremden.
Herrn Prof. Wilfried Härle, Univ. Heidelberg, herzlichen Dank für Geduld und Hinweise.
Oliver Weidermann, Internetredakteur
