Glaube aktuell (30.04.2003)

 

Fliegen lernen - Zum Gedenken an Dorothee Sölle

D. Soelle

Dorothee Sölle (1929-2003, r)

Fliegen lernen hieß das schmale Gedichtbändchen, das ich 1975 bei meinem ersten Kirchentag in Frankfurt erstand - "meditationen und gebrauchstexte" von Dorothee Sölle. Ein Text, der mir besonders gefiel, lautete:

"Vergleiche ihn ruhig mit anderen größen
sokrates
rosa luxemburg 
gandhi
er hält das aus
besser ist allerdings
du vergleichst ihn
mit dir."

Einfach, klar, treffend - und herausfordernd waren diese Texte. Mich haben sie damals berührt und angesprochen.

Als 18jährige wußte ich wenig von Dorothee Sölle, wenig von den Auseinandersetzungen um das Politische Nachtgebet 1968 in Köln, wenig von der Ablehnung, die ihr vom theologischen Establishment entgegengebracht wurde. Aber ihre Texte verstand ich, die lebendige, lebensnahe Sprache traf. Davon strahlte etwas aus, das Leben und Glauben, Politik und Theologie in neuem Licht erscheinen ließ. Sölles Texte eröffneten einen weiten Raum, in dem Theologie und das Engagement für Befreiung, Gerechtigkeit und Frieden, in dem Spiritualität und Politik zusammen gehörten. Viele erlebten das so. Für viele, Frauen und Männer, war und ist Dorothee Sölle Vorbild, Wegbereiterin, Genossin, Mitstreiterin für ein politisches Christentum, für den Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und die Schöpfung - Befreiungstheologin, Feministin, Pazifistin ... Kompromisslos, streitbar, unermüdlich in ihrem Engagement.

Ihre eindringliche, leise Stimme ist mir noch im Ohr. Ob in den Hallen der Kirchentage, in Vorlesungssälen, bei Akademietagungen und Gottesdiensten - immer wieder war ich erstaunt, fasziniert, zu erleben, welche Energien und Kräfte von dieser kleinen, zierlichen Frau ausgingen; von Worten und Sätzen, die sich einprägten und haften blieben: "Wir können uns den Luxus der Hoffnungslosigkeit nicht leisten", war so ein Satz oder "Stark sein und verletzlich bleiben schließen sich nicht aus." Oder: "Das Leben wählen heißt, das Kreuz zu umarmen. Und das heißt, die Schwierigkeiten, die Erfolglosigkeit, die Angst, allein dazustehen, in Kauf zu nehmen. Das Kreuz umarmen heißt heute, in den Widerstand hineinzuwachsen. Und das Kreuz wird grünen und blühen. Wir überlieben das Kreuz. Wir wachsen im Leiden. Wir sind der Baum des Lebens.", so beim Feierabendmahl auf dem Kirchentag in Frankfurt 1987, das sie zusammen mit Luise Schottroff und Bärbel von Wartenberg-Potter leitete.

Sie war eine unserer theologischen Mütter, ohne die wir das von männlich geprägter Theologie bestimmte Studium nicht durchgestanden hätten. Darin bin ich mit vielen Kolleginnen einig. Ihre Bücher atmeten Freiheit und Aufbruch, lehrten uns auf neue Weise, Theologie zu denken und zu treiben, jenseits patriarchaler Traditionen und enger Dogmatik.

In ihrem Buch "Mystik und Widerstand", das 1997 herauskam, beschrieb sie einleitend, was sie durch die Jahre bewegt, angetrieben, getragen hat: "Die mystische Erfahrung und das mystische Bewußtsein haben mich seit vielen Jahren angezogen und getragen. ... Mich persönlich hat weder die Kirche, die ich eher als Stiefmutter erlebte, noch das geistige Abenteuer einer nachaufklärerischen Theologie zu dem lebenslangen Versuch, Gott zu denken, verlockt. Es ist das mystische Element, das mich nicht losläßt. Es ist, um es vorläufig und einfach zu sagen, die Gottesliebe, die ich leben, verstehen und verbreiten will...".

Mystik und Widerstand, Kampf und Kontemplation, Spiritualität und Politik .... Leben spielte sich für Dorothee Sölle zwischen diesen Polen ab, das machte es spannend und lebendig, das bedeutete Glück.

In einem bekannten, frühen Text schrieb sie: "Ich halte Jesus von Nazareth für den glücklichsten Menschen, der je gelebt hat. Jesus erscheint in den Evangelien als ein Mensch, der seine Umgebung mit Glück ansteckte, der seine Kraft weitergab, der verschenkte, was er hatte. Weil ihm alles gehört, der Himmel, die Seligkeit, das Reich, das er ansagt und darstellt, darum braucht er sich nicht festzuhalten. Von Christus ist zu lernen: Je glücklicher einer ist, umso leichter kann er loslassen. Seine Hände krampfen sich nicht um das ihm zugefallene Stück Leben. Da er die ganze Seligkeit sein nennt, ist er nicht aufs Festhalten erpicht. Seine Hände können sich öffnen."

Und in dem Interview, das sie im September 1999 kurz vor ihrem 70. Geburtstag gab, sagte sie:
"Glück ist mein Grundgefühl, es trägt mich. Wie ein Wind, der mir Flügel wachsen lässt. Es ist immer schon da... " Dieses Grundgefühl war ihr abzuspüren.

Am vergangenen Wochenende ist Dorothee Sölle während einer Akademietagung zum Thema "Gott und das Glück" in Bad Boll im Alter von 73 Jahren gestorben.

Wir danken dem Frauenstudien- und -bildungszentrum der EKD, Gelnhausen, für die freundliche Freigabe des Fotos.


Annegret Brauch, Frauenarbeit