Glaube aktuell (17.07.2002)
Herrenalber Erklärung "Mensch und Wasser"
Wasser ist Leben
Dem Wasser als Element der Vernetzung war der Beitrag der Stadt Bad Herrenalb und der Evangelischen Akademie Baden zur "Karawane Bürgerland" gewidmet, die seit Juni in Baden-Württemberg unterwegs ist. Bürgerschaftliches Engagement wurde in der Quellen- und Kurstadt Bad Herrenalb exemplarisch am kühlen Nass sichtbar gemacht. Hierbei wurde die Herrenalber Erklärung "Mensch und Wasser" verlesen, die u.a. von Bürgermeister Manfred Renz (Bad Herrenalb) mit unterzeichnet wurde. Sie stammt von engagierten Teilnehmern einer Tagung zum Thema "Wasser" der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb und zeigt Wege auf, wie sich eine aktive und lebendige Beziehung zum Element Wasser entwickeln lässt:
Herrenalber Erklärung "Mensch und Wasser" vom 17. Juli 2002 in Bad Herrenalb
Wasser ist elementar. Es fließt, erfrischt, löscht, löst, gestaltet, verwandelt, reinigt, heilt, belebt, zerstört, vernetzt, verbindet, treibt an, trägt, überrascht, erzählt. In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist Wasser vor aller Zeit da. Auch für die griechischen Naturphilosophen ist es aufs Engste verknüpft mit den Ursprüngen des Lebens.
In Bad Herrenalb spielte das Wasser von Alters her eine wichtige Rolle. Dass die Zisterziensermönche hier im Jahr 1148 ein Kloster gründeten und damit die Besiedelung des Albtals begann, hat mit dem Wasserreichtum dieser Region zu tun. In Anknüpfung an diese Tradition hat die Evangelische Akademie Baden zusammen mit der Universität Karlsruhe und der Kommune Bad Herrenalb 2001 ein Symposium zum Thema "Wasser – Kraft des Lebendigen" veranstaltet, auf dem die Grundlagen für die "Herrenalber Erklärung" erarbeitet wurden. Die Teilnehmenden des Symposiums stimmten darin überein, dass Wasser ein Gut ist, das den Schutz und die Achtsamkeit aller Bürger bedarf. Auch der heutige Kurort lebt in vielerlei Hinsicht vom Wasser, das aus sieben Tälern in Bad Herrenalb zusammenfließt. Die Menschen, die heute nach Bad Herrenalb kommen, sind sich dessen oft kaum bewusst. Es bedarf erst einer globalen Umweltdebatte, um den Umgang mit Wasser in unserer Zivilisation ins öffentliche Blickfeld zu rücken und wieder deutlich werden zu lassen, dass Mensch und Natur ihre Lebendigkeit dem Wasser verdanken.
Gerade weil wir in einem wasserreichen Land leben, sollten wir neue Formen des Umgangs mit dem Wasser und den Gewässern entwickeln, in denen sich die Wertschätzung dieses Elements ausdrückt. Wir brauchen eine Wasserkultur, die Vorbildcharakter hat gerade auch im Hinblick auf die in der Entwicklung befindlichen Länder, die unsere zivilisatorischen Errungenschaften übernehmen.
I. Den Wert des Wassers wieder bewusst machen
Wasser aus der öffentlichen Trinkwasserversorgung und der Abtransport allen benutzten und verschmutzten Wassers kostet den Bürger hierzulande im durchschnittlich 0,7 Cent pro Liter. Bedenkt man die herausragende Bedeutung, die Wasser für alle Lebenszusammenhänge von der Ernährung bis zur Reinigung hat, ist Wasser in monetärer Hinsicht völlig unterbewertet.
Zu fordern ist keine Verteuerung des Wassers, aber seine ideelle und materielle Inwertsetzung. Dazu gehören alle Bemühungen, die wieder eine direkte Begegnung mit dem Wasser in seiner sinnlichen Qualität ermöglichen.
1. Das "Schöpfen" des Wassers mit den Händen, der Genuss einfachen Trinkwassers, das Eintauchen ins Wasser beim Baden spricht den Menschen in seinen rezeptiven Fähigkeiten an und macht verständlich, dass Wasser in den großen Religionen mit dem Gedanken der Schöpfung und Neuschöpfung verbunden ist. Der direkte Kontakt mit dem Wasser macht dankbar für das empfangene Leben.
2. Führungen an Quellen, Bächen und Flüssen schulen die Wahrnehmung für das Wasser in seinen vielfältigen Formen und ermöglichen die Reflexion auf den Nutzen des Wassers. Theorie und Praxis, die Einbeziehung historischer und ästhetischer, emotionaler und körperlicher Aspekte erschließen die Bedeutung des Wassers für die Geschichte und Gegenwart eines konkreten Ortes.
II. Was können, was müssen die Kommunen tun?
Bei der Renaturierung von Fließgewässern müssen Kommunen auf ihre Verantwortung angesprochen werden, ihren Finanzanteil nicht nur für die Unterhaltung der Gewässer im Sinne der Pflege, sondern auch für die Entwicklung einer als Gewässerpädagogik zu bezeichnenden Aktivität bereitzustellen. Auf diese Weise können schon Kinder und Jugendliche mit dem elementaren Charakter des Wassers vertraut gemacht werden.
III. Was kann der Einzelne tun?
Gewässerführerinnen und Gewässerführer, die in einem Pilotprojekt der Stadt Bad Herrenalb speziell ausgebildet worden sind, können uns im Alltag und im Urlaub einen neuen Zugang zu den Fließgewässern vermitteln. Einzelnen wie Gruppen stehen diese ehrenamtliche Angebote zur Verfügung. Im Konzept einer nachhaltigen Bewirtschaftung unserer natürlichen Ressourcen ist dabei jeweils abzuwägen zwischen dem Schützen der Natur und dem Nutzen der Natur.
IV. Anknüpfungspunkte
1. In vielen religiösen und kulturellen Traditionen gilt Wasser als Spender des Lebens, der Kraft und der Reinheit für Geist und Körper. Dieses Wissen, das sich bis heute in der Nutzung des Wassers als Heil- und Kurmittel erhalten hat, gilt es zu bewahren und weiter zu entwickeln.
2. In der abendländischen Tradition erscheinen Quellen, Brunnen und Flüsse als heilige Orte der Begegnung. Die Gastfreundschaft gebietet, den Wanderer mit frischem Wasser zu bewirten. Das Ausschenken von frischem Leitungswasser bei kommunalen, kirchlichen und staatlichen Zusammenkünften, aber auch in Kindergärten und Schulen, könnte an diese Tradition anknüpfen.
3. In zahlreichen Mythen und Märchen erscheint Wasser als Symbol, das den Menschen heilt (Wasser des Lebens), verwandelt (Wiedergeburt) oder ewiges Leben schenkt. Die Kenntnis dieser Traditionen eröffnet neue Zugänge zum Wasser.
V. Empfehlungen
1. Um der Bedeutung des Wassers gerecht zu werden, sollte nicht nur die Gewässerrenaturierung im Baugesetzbuch verankert sein, sondern auch die Einrichtung von Begegnungsmöglichkeiten am und mit dem Gewässer.
2. Die Möglichkeiten zur Ausbildung von ehrenamtlichen Gewässerführern, wie sie Bad Herrenalb vorstellt, sollten erweitert werden. Einrichtungen wie "Volkshochschulen am Gewässer" sollten landesweit angeboten werden. Eine entsprechende Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher ist zu empfehlen.
3. Quellfassungen sollten als Gewässerursprung mit einem natürlichen Überlauf ausgestattet werden, analog den Umgehungsrinnen bei Wasserkraftanlagen.
4. Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Volkshochschulen, Akademien usw. wird empfohlen, den Themenbereich "Mensch und Wasser" auch als Möglichkeit bürgerschaftlichen Engagements verstärkt in ihren Bildungsprogrammen zu bearbeiten.
5. Die Renaturierung von Bächen und Flüssen dient dazu, den Gewässern ihren Raum zurückzugeben und schafft für den Menschen neue Erlebnismöglichkeiten.
VI. Selbstverpflichtung
Nicht nur die Natur im allgemeinen sondern jeder Mensch als Individuum lebt vom Wasser. Der Schutz des Wassers ist darum jedem Einzelnen anvertraut. Die Unterzeichner dieser Erklärung verpflichten sich im alltäglichen Umgang mit dem Wasser zu einem achtsamen und ökologisch nachhaltigen Verhalten. Sie verpflichten sich, sich an Maßnahmen zu beteiligen, die der Vergeudung, Verschmutzung und Verknappung des Wassers entgegenwirken und zu einer Inwertsetzung des Wassers und der Gewässer beitragen. Sie suchen die Zusammenarbeit mit den Menschen aus anderen Fachbereichen und mit anderen Kompetenzen, die diese Ziele teilen.
Professor Dr. Hermann H. Hahn,
Institut für Siedlungswasserwirtschaft der Universität Karlsruhe
Dipl.-Ing. Boris Lehmann, Institut für Wasserwirtschaft und
Kulturtechnik der Universität Karlsruhe
Akademiedirektor Klaus Nagorni, Evangelische Akademie Baden
Professor Dr.-Ing. Franz Nestmann, Institut für Wasserwirtschaft und
Kulturtechnik der Universität Karlsruhe
Bürgermeister Manfred Renz, Bad Herrenalb
Professor Dr.-Ing. Hansjörg Seng, Universität Karlsruhe
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