Mit den Feinden reden? Liebe über die Nächstenliebe hinaus
Tagung des Forum Religionen und Weltverantwortung
(17.05.09) Das Forum Religionen und Weltverantwortung ist am 15./16. Mai 2009 bei einer Tagung der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb der Frage nachgegangen, ob man „mit den Feinden reden“ kann oder sogar muss.
Nach einer Einführung von Gerhard Liedke über „Nächsten- und Feindesliebe im Neuen Testament“ untersuchten drei Referenten die „individuellen und politischen Möglichkeiten“, die im Judentum, Christentum und Islam zur Beantwortung dieser Frage zu finden sind.
Dabei wurde deutlich, dass der Umgang mit Feinden in den drei Religionen zwar unterschiedlich akzentuiert wird, dass aber allen gemeinsam ist die theologisch begründete ethische Forderung, auch den Feinden in ihrer von Gott verliehenen Würde zu begegnen.
Judentum
Dr. Jessica Schmidt-Weill, Lehrerin an der Jüdischen Schule in Frankfurt am Main und im Sommersemester 2009 Lehrbeauftragte an der dortigen Johann Wolfgang Goethe-Universität, stellt in diesem Zusammenhang fest:
"Die in jüdischer Tradition verankerte Pflicht zur Nächstenliebe, die in der Schöpfungsgeschichte in der Gottebenbildlichkeit des Menschen ihren Ursprung findet, ist die Grundlage einer universalen Ethik. Von daher gilt es, die Interessen und Rechte aller Menschen zu achten und dem Nächsten, dem Fremden und dem Feind in Not beizustehen.
Wie ist in diesem Kontext ein „Reden mit Feinden“ umzusetzen?
Um der Menschenwürde, des Friedens, der Gerechtigkeit und Toleranz willen erscheint es unumgänglich, miteinander zu sprechen, um Verstehen anzubahnen und Differenzen zu akzeptieren. Welche Alternativen gäbe es zur Deeskalation von Konflikten?
Wenn aber der Andere mich vernichten will? Unter welchen Voraussetzungen will, kann, darf oder soll ich mit Kriegstreibern bzw. Terroristen reden? Hier müsste ein minimaler Konsens gegenseitige Achtung schaffen, um Kommunikation zu ermöglichen. Dazu können die religiösen Traditionen beitragen. Sie müssen jedoch kritisch hinterfragt werden, um nicht zur Legitimierung von Gewalt vereinnahmt zu werden.
Grundlegend stellt uns die jüdische Tradition vor die Aufgabe, gegenüber dem Fremden / Anderen ein Verantwortungsgefühl zu entwickeln. Nach Levinas glaubt das Judentum an die Wiederherstellung des Menschen, die einzig mit Hilfe des Wissens um das Gute und das Gesetz möglich wird."
Islam
Im Islam, so die Lehrbeauftragte für islamische Religion an der Universität Paderborn, Dr. Hamideh Mohagheghi, gehört die Barmherzigkeit zu den Grundprinzipien im Umgang mit allen Geschöpfen Gottes.
"Barmherzig sein bedeutet: den Menschen und der Schöpfung mit Achtung und Wertschätzung zu begegnen; die Würde der Menschen – auch der Feinde – unter keinen Umständen zu verletzen. Jeder Mensch verfügt über die von Gott gegebene Würde, die unantastbar ist. Gerade in Konfliktsituationen ist Wachsamkeit geboten, um möglichst verhältnismäßig und gerecht handeln zu können."
Christentum
Dr. Reinhard Höppner, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt a.D. und Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Köln 2007 ließ keinen Zweifel an der Bedeutung des ausdrücklichen christlichen Gebots der Feindesliebe.
Er unterstrich, dass "dieses Gebot keineswegs nur ein Gebot individueller Ethik, sondern gerade in den Konflikten von heute politisch außerordentlich vernünftig und wichtig ist. Nur wenn auch mein Feind einen menschenwürdigen Platz hat, kann Frieden werden. Welchen Raum er braucht, um in Würde zu leben, kann sich nur aus einem Dialog mit ihm ergeben."
Höppner forderte, die guten Erfahrungen bei der Überwindung des Ost-West-Konflikts, die Erfahrungen im Prozess „Wandel durch Annäherung“, in die Suche nach Konfliktlösungen heute einzubringen.
Verantwortung der Religionen
Ausgangspunkt der anschließenden Diskussion war die Diskrepanz zwischen den Weisungen zu diesem Thema in Thora, Neuem Testament und Koran einerseits und der gelebten Wirklichkeit andererseits. Dass die in der von Jesus unmissverständlich gebotene „Feindesliebe“ weder im theologischen Denken, noch im kirchlichen Verhalten eine angemessene Rolle spielt, blieb ebenso unbestritten wie entsprechende Feststellungen im Blick auf Judentum und Islam.
Angesichts weltweit sich verhärtender Konflikte und der Neigung, darauf mit Gewalt zu reagieren, dürften jedoch die Religionen nicht länger den ihnen gebotenen Umgang mit Feinden außer Acht lassen oder ihm sogar zuwiderhandeln.
Stattdessen gehöre es zu ihrer geistlichen und ethischen Verantwortung, in dieser Frage Vorreiter zu sein für ein neues Denken.
Um dieser Überzeugung Nachdruck zu verleihen, wurde von den Teilnehmer/innen an der Tagung folgender Appell einstimmig verabschiedet:
Die jüdischen, christlichen und islamischen Teilnehmer/innen des Forums „Religionen und Weltverantwortung“ appellieren an ihre Religionsgemeinschaften, den Prozess, der den Umgang mit „Feinden“ aus den Zwängen der Gewaltanwendung löst, erkennbar zu verstärken und menschenwürdige, auf Ausgleich bedachte Formen des Zusammenlebens zu suchen.
Auf der Grundlage ihrer Glaubensüberzeugungen sollten Menschen in allen Religionen Demütigungen vermeidende, friedenstiftende Potentiale in den eigenen Reihen fördern und sie religionsübergreifend nutzen. Sie sollten nicht zulassen, dass ihre religiösen Überzeugungen missbraucht werden, um Konflikte zu verschärfen. Beispielgebend sollten sie versuchen, in diesem Sinne aktiv auch auf Politik und Gesellschaft einzuwirken.
Die derzeitige Diskussion darüber, wer mit welchen Feinden reden darf und muss, und wie, wann und wo das geschehen sollte, könnte solche Gespräch ermutigen und sie neu in Gang setzen.
gez.:
Hans-Joachim Girock
Dr. Gerhard Liedke,
Forum Religionen und Weltverantwortung
