Religion ist eine öffentliche Sache!

 

Vortrag zu Melanchthons Lehre vor der Landessynode

Konrad Fischer

Pfarrer Konrad Fischer

Bad Herrenalb (20.10.09). „Im Werk Philipp Melanchthons verbinden sich aufs engste persönliche Frömmigkeit und der Öffentlichkeitsanspruch des Evangeliums“, sagte der ehemalige Studienleiter der Melanchthonakademie Bretten, Pfarrer Konrad Fischer am Dienstagabend in einem Vortrag vor der badischen Landessynode.

„Die Bühne, auf der Gott sich sichtbar machen will, ist die Welt“, sagte Fischer, der auch selbst in der letzten Legislaturperiode der Landessynode angehörte. Religion sei niemals Privatsache, sondern ein „wesenhaft öffentlicher Sachverhalt“, betonte Fischer. Hier könne man vom Reformator Philipp Melanchthon lernen. Fischer kritisierte auf der Folie des Verständnisses von Melanchthon den Modebegriff „Spiritualität“: „Spiritualität ist ein Containerbegriff geworden.“ Der Begriff der Frömmigkeit im Sinne Melanchthons sei viel präziser. Frömmigkeit sei das Erkennen des Wirkens Gottes in den Menschen, „wie der Heilige Geist den Gemütsregungen eine Stoßrichtung gibt“, zitierte Fischer den Reformator. Grundlage aller Frömmigkeit sei die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus. Melanchthon habe selbst viel über der Bibel meditiert und dazu auch seine Studenten angehalten. Im persönlichen Leben zeige sich die Frömmigkeit als Trost und Zuversicht, die selbst in schwierigen Lebenslagen neue Horizonte eröffneten. Und zur Frömmigkeit gehörten nach Melanchthon ebenso die Lehre und die theologische Wissenschaft.

In diesen Horizont lasse sich auch das Bildungsverständnis von Philipp Melanchthon einordnen. Frömmigkeit und Bildung seien nach Melanchthon einander zugeordnet. „Melanchthon versteht beides als Ziele des Lebens, auf die alles andere hinzuordnen ist“, erläuterte Fischer. Daher sei Melanchthons Bemühen um eine neue Schulordnung aus seiner Frömmigkeit heraus entstanden. Bildungsbereitschaft und Bildungsvollzug seien zentrale Lebensäußerungen der Frömmigkeit. Von Melanchthon stammt die heutige Dreiteilung des Schulsystems. „Ziel des Unterrichts war es, die lateinische Sprache konsequent einzuüben“, zeigte Fischer die Grundlagen der Schulordnung Melanchthons auf. „Schule, Sprachübung und präziser Umgang mit den Realien des Wissens waren Voraussetzung für den Glauben und die politische und gesellschaftliche Organisation“, so Fischer. Der Staat leiste nach Melanchthon mit der Ordnung des Schulwesens einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung einer Gottesbeziehung der jungen Menschen. Insgesamt habe der Staat die Voraussetzungen für eine freie und angemessene Religionsausübung zu gewährleisten. „Wohlergehen der Religion und das Wohlergehen des öffentlichen Gemeinwesens stehen in dichter Wechselwirkung“, sagte Fischer. 

Melanchthons Denken sei eine nachdrückliche Ermutigung der Kirche und ihrer Gemeinden zur aktiven Teilhabe am öffentlichen Diskurs. „In Fragen der gesellschaftlichen Leitwerte und Normen haben die Kirchen eine Verantwortung“, sagte Fischer.