Shareholder Value der Gnade Gottes erkennen
Ökumenischer Gottesdienst zum Start des Melanchthonjahres in Bretten
Gut besucht war der Gottesdienst in Bretten
"Das shareholder value der Gnade Gottes
erlernen" - Landesbischof Ulrich Fischer
Ökumene ganz praktisch:
Der katholische Pfarrer Engelbert Baader
und Dekanin Gabriele Mannich
leiten den Gottesdienst gemeinsam
Landesbischof i. R. Klaus Engelhardt würdigte
Melanchthon als eine „Leuchte Deutschlands“.
Lobte die Arbeit der Melanchthonakademie:
Günter H. Oettinger
Bretten (31.10.09). Mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Brettener Stiftskirche feierten am Samstag die badischen Bischöfe Ulrich Fischer (Karlsruhe) und Robert Zollitsch (Freiburg) am diesjährigen Reformationstag ökumenisch den Beginn des Melanchthonjahres 2009/2010. Im Gedenken an den 450. Todestag des Reformators im April 2010 steht das kommende Jahr ganz im Zeichen der Bildung und der Ökumene. Nach dem Gottesdienst fand ein Festakt mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günter H. Oettinger statt.
„Begnadet leben“ war das Motto des Gottesdienstes, der vom Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) live übertragen wurde. Zollitsch und Fischer betonten, dass alle Menschen und beide Kirchen allein aus der Gnade Gottes leben könnten. „Wir müssten das shareholder value der Gnade Gottes erlernen“, sagte Bischof Fischer in seiner Predigt. Das Leben würde bereichert, wenn die Menschen mit ihren Gaben unbefangener einander dienen würden. „Statt neidisch aufeinander zu schauen, müssten wir in unserem Miteinander, auch im Miteinander der Kirchen, wetteifern in Ideen für ein besseres Anteilgeben an den Gaben, die Gott uns geschenkt hat“, so Fischer. Der Landesbischof rief dazu auf, die Fixierung auf die eigene Geltung aufzubrechen. „Es bringt etwas, in die Ökonomie der Welt die Ökonomie der Gnade Gottes einzutragen, um das Leben reicher und menschlicher zu gestalten“, so Fischer.
Erzbischof Zollitsch betrachtete es als ein Zeichen der Gnade, „dass wir diesen Tag gemeinsam ökumenisch begehen“. In Melanchthon gedenke man eines Reformators, „der alles getan hat, um die Spaltung der Kirche zu verhindern“, so Zollitsch. Gott wolle allen Menschen seine Gnade schenken, betonte der Freiburger Bischof. Es komme aber auf die Bereitschaft der Menschen an, sich darauf einzulassen, dieses Geschenk anzunehmen. Aber auch begnadete Menschen müssten üben und trainieren. „Wir sollen die Gnade nicht nur einladend zur Kenntnis nehmen, sondern aus ihr leben“, so Zollitsch. In den Taten des Menschen gewinne die Gnade Gestalt, „strahlt die Gnade in unserem Alltag aus und lässt uns alle noch aufmerksamer werden für die Liebe und das Erbarmen Gottes“.
Im anschließenden Festakt in der Brettener katholischen Laurentiuskirche würdigte der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof i. R. Klaus Engelhardt (Karlsruhe), Melanchthon als eine „Leuchte Deutschlands“. Melanchthons Anliegen sei es immer gewesen, sich gegen die Dummheit einzusetzen. „Es gibt Dummheit bei hohem IQ, wenn wir das eigene Urteil von vorurteilsbesetzten Denkmoden bestimmt sein lassen“, sagte Engelhardt. Die Reformation habe entscheidend dazu beigetragen, den Staat vom klerikalen Machtanspruch zu befreien und damit die Menschen selbstständiger und gebildeter zu machen. „Aber es ist Dummheit, die im christlichen Glauben verwurzelten Kräfte dieses befreienden Prozesses nicht begreifen zu wollen“, sagte Engelhardt. Es gehe nicht darum, dem säkularen Staat ein christliches Gepräge aufzudrücken. Vielmehr sollten auf diesem Hintergrund Christen in die Pflicht genommen werden, für die säkulare Gesellschaft mit ihrer Kultur Verantwortung zu übernehmen. Engelhardt forderte in der Nachfolge Melanchthons und der Reformation eine Erziehung zur Dankbarkeit, zu Neugier und Staunen. „Das ist eine Gegenhaltung zur Dummheit, die sich immer nur in eigenen Erkenntnissen und Vorurteilen bestätigt sehen will.“ Als Dummheit bezeichnete Engelhardt, religiöse Diffusheit und Ignoranz in Glaubensdingen als Toleranz auszugeben. Es sei nötig, Menschen aus unterschiedlichen Religionen an ihrem jeweils „feurigen Kern“ kennen zu lernen. Melanchthon habe mit seinen Forderungen Leuchtkraft besessen, „weil er sich selbst nicht ins rechte Licht setzen musste“. Er habe gewusst, wie sehr er darauf angewiesen war, Licht zu empfangen, bevor er anderen den Weg heller machen konnte. In diesem Licht würden bis heute Kultur, Gesellschaft und Kirche heller, so Engelhardt.
Der baden-württembergische Ministerpräsident Günter H. Oettinger bezeichnete Melanchthon als Reformator, dessen Ideen bis heute Vorbild sein müssten. „Seine Ansicht, dass auch ein säkularer Staat ohne Religion nicht bestehen kann, ist bis heute gültig und notwendig“, sagte der Stuttgarter Regierungschef. Melanchthons Bemühen um die Einheit der Christen, seine Ökumene „ohne Auftrumpfen und Provokation“ blieben ein Vorbild. Oettinger lobte die Arbeit der Brettener Melanchthonakademie, die von der Stadt Bretten, der Landesstiftung Baden-Württemberg und der Evangelischen Landeskirche in Baden getragen wird, als Ort des Wissens, den es zu bewahren gelte. Brettens Oberbürgermeister Paul Metzger rief dazu auf, sich von Melanchthons Vorhaben, Wissenschaft und Forschung, Kirche und Staat zu erneuern, anstecken zu lassen. „Bretten steht zum Erbe ihres großen Sohnes“, so Metzger.
Gemeinsam mit der Melanchthonakademie in Bretten führt die Evangelische Landeskirche in Baden eine Reihe von Veranstaltungen durch und gibt Materialien zu Melanchthon und der Reformation heraus. Das Jahr 2010 setzt zugleich im Rahmen der Reformdekade der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bis 2017 den Schwerpunkt „Reformation und Bildung“.
Mehr zum Melanchthonjahr:
Landesbischof i. R. Klaus Engelhardt, Kustos des Melanchthonhauses PD Günter Frank, Ministerpräsident Günter H. Oettinger, Brettens Oberbürgermeister Paul Metzger, Landesbischof Ulrich Fischer, Erzbischof Robert Zollitsch (v.l.n.r.)
