Kirche war Katalysator der Wende

 

Theologe Nüchtern: Volkskirchliches Selbstverständnis war wichtig

Überlingen (9.11.09). Die Kirche spielte nach Ansicht des Referenten für Theologische Grundsatzfragen der Evangelischen Landeskirche in Baden, Oberkirchenrat Professor Michael Nüchtern, eine entscheidende Rolle bei der Wende in der DDR. Dies sagte er in einem Vortrag in Überlingen am Montag.

In der Wende habe sich die politische und gesellschaftliche Kraft des Modells der Volkskirche gezeigt. Dass die Kirche als eigene Institution auch in der DDR existiert habe, sei für den Prozess der Wende ein wichtiges Merkmal gewesen. „Nur eine solche Organisation konnte dem Staat gegenüber eigenständig auftreten, konnte zwischen Demonstranten und Polizisten vermitteln, wie es im Herbst 1989 geschah“, so Nüchtern. Zeichen der Volkskirche sei es, offen für alle zu sein, die zu ihr kommen. Die Friedensgebete in Leipzig hätten diese offene Kirche gezeigt. Mit ihrem Engagement und ihrer Verantwortung für sozialethische Themenfelder habe die Kirche eine Brücke zu den gesellschaftlichen Gruppen aufgebaut. „Im Schutz des Freiraums der Kirchen konnten sich so auch politische Gruppen ansiedeln“, so Nüchtern.

„Der 9. November erinnert daran, dass eine politisch aktive Rolle der Kirche in einer Demokratie in einem bestimmten kirchlichen Selbstverständnis begründet ist“, sagte Nüchtern im Blick auf die Merkmale der Volkskirche: „Kirche ist eine eigene Institution im Staat, sie versteht sich als verantwortlich für alle in der Gesellschaft und nicht nur für ihre Mitglieder, sie verfolgt ethische Themen, die auch andere in der Gesellschaft sich zu eigen machen“, so Nüchtern. Dies sei ein bestimmtes volkskirchliches Selbstverständnis, das die Kirche in der Wende zum Katalysator gemacht habe.

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