„Schneller war meine Mutter, ich war ihr Sohn – nun bin ich ihr Vater“
Dr. Ghasi Musharbash, Direktor der Schneller Schule in Jordanien, zu Besuch in Baden
Frieden Leben Lernen ist das Leitwort
für die Jubiläen des kommenden Jahres
Ghasi Musharbash, Direktor der
Theodor-Schneller-Schule in Jordanien
Auch ein Jubiläums-Kaffeebecher
wurde vorgestellt
Seilgarten der TSS in Amman
Karlsruhe / Amman (18.11.09) Seit Anfang März 2009 hat die Theodor-Schneller-Schule in Amman/Jordanien einen ihrer „Söhne“ als Direktor. Dr. Ghasi Musharbash, selbst Schneller-Schüler in den 50er Jahren, übernahm die Leitung der weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannten und wegen ihrer Bildungskonzeption geachteten Schule. Sie ist die einzige mit einem dualen Schulsystem, also Schul- und Berufsausbildung. Das von der Schule entwickelte Friedenskonzept eines gewaltfreien Zusammenlebens von Christen und Muslimen gilt im Nahen Osten als beispielhaft. Musharbash war auf einer Stippvisite in der Evangelischen Landeskirche in Baden und erläuterte der Kirchenleitung die Pläne zum 150. Jubiläum Theodor Schneller–Schulen im Nahen Osten und 50 Jahre Schneller Schule in Jordanien. Frieden Leben Lernen ist das Leitwort für die Jubiläen des kommenden Jahres.
Die Theodor-Schneller-Schule (TSS) in Amman ist weit mehr als eine gewöhnliche Schule. Auf dem großen Areal am Rande der jordanischen Hauptstadt leben rund 160 Jungen und junge Männer im Alter von sechs bis 21 Jahren mit ihren Erziehern, deren Familien und weiteren Mitarbeitenden zusammen. Die Kinder sind Waisen und Halbwaisen und stammen aus christlichen und muslimischen Familien. Sie kommen aus sozial schwierigen Verhältnissen oder aus zerbrochenen Familien. Die Wohngruppen, die an der TSS Familien genannt werden, geben den Kindern Geborgenheit. Jeden Tag kommen zum Unterricht noch weitere Schülerinnen und Schüler aus der näheren Umgebung an die TSS. Einige stammen aus dem palästinensischen Flüchtlingslager direkt neben dem Internatsgelände. Die Schule führt bis zur Mittleren Reife. Danach können die Schüler in den Werkstätten eine Ausbildung zum Schreiner, Automechaniker oder Industrietechniker absolvieren. Die Ausbildung sei so gut und qualifiziert, dass Daimler-Benz alle in den Werkstätten der Schule ausgebildeten jungen Menschen übernähme, so der Direktor nicht ohne Stolz. Vor wenigen Monaten wurde zum ersten Mal ein koedukativer Kindergarten auf dem Gelände der Schneller-Schulen eröffnet. Er soll der Beginn der einer für das Land neuen Erziehungsform ohne Geschlechtertrennung sein.
Gegenseitige Achtung, Gleichberechtigung und Rücksichtnahme
In Schule und Internat gelten die Regeln der gegenseitigen Achtung, der Gleichberechtigung und der Rücksichtnahme. Wer dagegen verstößt, hat keine Chance auf Dauer Mitglied der Schulgemeinschaft zu bleiben. „Manchmal“ so Musharbash, „muss ein Schüler gehen, damit, wie beim Baum, nicht die faule Frucht die Gesunden ansteckt“. Die Schule ist eine christliche Schule, „und das leben wir auch. Wir feiern die Jahresfeste der christlichen Schüler und laden die Muslime dazu ein. Wer kommen will kommt und bei den Gebeten und Gottesdiensten in der Christuskirche auf dem Schulgelände halten wir es genau so“. Auf dem Gelände finden neben den Gottesdiensten und Kindergottesdiensten an den Sonntagen eine Reihe von Freizeiten verschiedener christlicher Religionsgemeinschaften statt. Dies macht die Schneller-Schulen zu einem offenen Zentrum der Begegnung. Die muslimischen Feste und Gebräuche, wie den Ramadan, werden von den Kindern und Jugendlichen ebenfalls gefeiert. Die Religionsunterrichtsstunden finden Tür an Tür in den Klassenzimmern statt.
Die Bemühungen um den Friedensprozess nicht nur in den eigenen Mauern zu betreiben, sondern auch in die Umgebung zu tragen, ist ein großes Bestreben der Lehrer und Schüler. Musharbash nutzt seine vielfältigen Kontakte, um Kooperationen und Gespräche zwischen Juden, Christen und Muslimen zu ermöglichen und dadurch die Welt im Nahen Osten ein kleines bisschen friedlicher zu gestalten. Seine Schüler tragen die Botschaft ebenso ins Land und die Kooperationspartner allemal.
Die Wirtschaftskrise hat auch vor den Schulen nicht Halt gemacht. Viele Dinge sind teurer geworden. Jedoch sind sie gut gerüstet. „Wir haben schon seit längerem unseren Gästebereich ausgebaut und können nun in diesem Bereich einen Teil unserer Kosten wieder erwirtschaften“. Allein dies reicht natürlich nicht aus. Ein großer Anteil der Kosten wird traditionell mit Spenden und Kirchensteuermitteln aus Deutschland und der Schweiz finanziert. Der Evangelische Verein für die Schneller-Schulen e.V. (EVS) in Deutschland bemüht sich als Förderverein um Spenden. Er besteht schon seit mehr als 100 Jahren und ist Gründungsmitglied im Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland. Hier sieht die Evangelische Landeskirche in Baden für sich eine besondere Verantwortung und unterstützt die sozialpädagogische Arbeit unter anderem mit einem Seilgarten, der im letzten Jahr seiner Bestimmung übergeben wurde. Neben Spenden von Privatpersonen und Kirchengemeinden bekommt die TSS auch immer wieder Zuwendungen von Entwicklungshilfeorganisationen und Firmen.
Das Evangelische Missionswerk Südwestdeutschland (EMS) hat im Zuge des Melanchthonjahres, mit dem Schwerpunkt Bildung, im Jahr 2010 die Schneller-Schulen zum Jahresprojekt gewählt. Das Konfirmandendankopfer 2010 in der Landeskirche soll ebenfalls die Schulen berücksichtigen.
Der Auftakt zum Jahresprojekt fand am 7. November im Rahmen der EMS-Synode im Hohenwart-Forum / Pforzheim statt.
Rolf Pfeffer, Referent für Öffentlichkeitsarbeit
