„Ausreden gehören zum Alltag“

 

40% der Kinder in Mannheim leben unter der Armutsgrenze - Podiumsdiskussion bei der KinderVesperkirche

Andacht

Gut besucht: Andacht in der
KinderVesperkirche



Nikolaus und Kinder

Der Nikolaus war da!



Podiumsdiskussion

„Kinder fragen – Politiker antworten“...



Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion mit Politikern

(07.12.09) Ob die eigene Geburtstagsfeier oder die Einladung zu einer Geburtstagsfeier, ein Kino- oder Hallenbadbesuch, ein Ausflug oder neue Turnschuhe – für rund 40 % der in Mannheim lebenden Kinder sind das Anlässe für Ausreden. Ausreden, weil das nötige Geld fehlt. Was wünschen sich Kinder?

In Mannheim leben 40.261 Kinder, davon 8.780 von Hartz IV, Familien von weiteren 8.000 Kindern und Jugendlichen stehen nur geringfügig mehr Mittel zur Verfügung. Damit leben im Jahr 2009 in Mannheim (Stand: März) rund 40 % der Kinder unterhalb der Armutsgrenze.

Zum zweiten Mal öffnet deshalb in den Wochen vor Weihnachten die KinderVesperkirche ihre Tore und bietet Kindern täglich für drei Stunden gemeinsames Mittagessen, Spiel und Basteln sowie eine tägliche Andacht. Die rund 150 Kinder werden von Stadtjugendpfarrer Bernd Broksch und über 30 Ehrenamtlichen und Schülern betreut und begleitet. Größte Aufmerksamkeit erhält das Projekt in der gesamten Kirche: „Als Kirche möchten wir die Politik und die Bevölkerung gleichermaßen aufmerksam machen auf die Kinder, die in Armut leben. Während andere ins Kino gehen oder Schwimmen üben können, müssen sich diese Kinder täglich im Verzicht üben und sind von vielen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen“, betont der Mannheimer Dekan Günter Eitenmüller.

Wertvolle Schützenhilfe erhalten die kirchlichen Verantwortlichen von Sponsoren. „Als wir von der Situation im letzten Jahr gehört haben, beschlossen wir sofort zu helfen und die KinderVesperkirche zu unterstützen“, sagt Udo Scholz, Stadionsprecher der Eishockeybundesligamannschaft „ADLER MANNHEIM“ und bekannte Größe in der Stadt. „Anders als die Politik reagierten wir sofort.“ Das bundesweit einzigartige Projekt der KinderVesperkirche wird von „ADLER helfen Menschen e.V.“ unterstützt. Scholz brachte die ADLER-Spieler in die Jugendkirche, verschenkte Freikarten, besuchte die Kinder als Nikolaus und verteilte viele schöne Überraschungen. Der Verein spendet 7.500 Euro und legt damit einen Grundstock für die Aktion. Für Essen und Getränke, für Spielmaterial und anderes rechnen die Veranstalter mit Kosten von rund 25.000 Euro. „Wenn man in die Augen dieser Kinder schaut, sieht man, dass jeder Euro sinnvoll ausgegeben ist“, so Matthias Binder, Geschäftsführer der ADLER MANNHEIM, der die KinderVesperkirche langfristig unterstützen und ein Beispiel geben möchte. Dabei hoffen die ADLER auf weitere Partner.

Premiere mit einer Podiumsdiskussion mit Politikern

Was würde die Situation der Kinder erleichtern? Was können sie von der Politik erwarten? Darüber sprachen die Kinder am Nikolaustag mit Mannheimer Politikern in der KinderVesperkirche. Zur Podiumsdiskussion „Kinder fragen – Politiker antworten“ hatte die Evangelische Kirche Mannheim und ihre Diakonie eingeladen. Für die im Gemeinderat vertretenen Parteien waren dabei: Dr. Gerhard Schick (MDB, Grüne), Gudrun Kuch (Linke), Erwin Feike (CDU) und Dr. Stefan Fulst-Blei (SPD). Die Wünsche der Kinder und Jugendlichen in der KinderVesperkirche waren konkret: kostenloses Frühstück und Mittagessen in Ganztagsschulen, Gutscheine für Sportartikel, Zugang zu PCs und Druckern, Schul-T-Shirts statt Markenkleidern, mehr Sozialarbeiter in den Schulen.

„Wer die Augen aufmacht, sieht die Armut“, ist Erwin Feike von der CDU überzeugt und darin sind sich die Politiker einig. Für einen neuen Anlauf, so das Vorstandsmitglied der CDU-Fraktion, seien „vernünftige Vorschläge notwendig, die umsetzbar sind“. Auch hier, so warf Gudrun Kuch, Stadträtin der Linken, ein, sei es wichtig, bei der Geldervergabe klare Prioritäten zu setzen. „Zu oft ist kein Geld da, wenn es um die Umsetzung geht“. Dem hielt SPD-Fraktionsvorsitzender Fulst-Blei eine Vielzahl von Maßnahmen entgegen, welche die Stadt Mannheim in den letzten Jahren für Kinder unternommen hat. „Mannheim macht sehr viel, aber wir können nicht alles machen“, so Fulst-Blei.

Moderatorin Diakoniepfarrerin Anne Ressel bat die Parteivertreter um Nennung zweier Prioritäten zu Gunsten der Kinder: Die SPD möchte keine weiteren Kürzungen im Jugend- und Bildungsbereich. Darüber hinaus sollen die Eltern stärker flankiert werden, um die sozialen Sicherungssysteme aufrecht zu erhalten. Die CDU wird sich mit der Thematik Kinder in Armut innerhalb des Sozialausschusses stärker befassen, der Linken ist es wichtig, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die soziale Gerechtigkeit zu stärken. Für die Grünen ist es wesentlich, dass auf Bundesebene keine Steuersenkungen veranlasst werden, die den Sozialstaat bedrohen. Für Mannheim habe ein Sozialpass hohe Priorität, der Kindern Mobilität ermögliche, um sich mit Freunden treffen zu können.

Von einer „Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft“, die sich durch die Wirtschaftskrise noch verschärfe, sprach Gerhard Schick. „Wenn wir über Armut von Kindern sprechen, müssen wir über Reichtum in Deutschland reden“, so der Bundestagsabgeordnete, dessen Fraktion eine eigene Kindergrundsicherung schaffen möchte. Gesellschaftlich betrachtet sei vorgelebte Solidarität in Elternhaus und Schule unerlässlich. „Bei der Solidarität sind die Kirchen und Vereine eine Hoffnung für mich“, so Fulst-Blei.

Ergänzend zu ihren sonstigen Angeboten macht die Evangelische Kirche seit letztem Jahr verstärkt aufmerksam auf die Lebensverhältnisse, in denen so viele junge Menschen in Mannheim zu Hause sind: der „Runde Tisch Armut von Kindern“ vernetzt Angebote der Gemeinden, die bundesweit einzigartige KinderVesperkirche appelliert an Öffentlichkeit und Politik gleichermaßen, mit dem neu eingerichteten Kinderhilfefonds ermöglicht die Kirche rasche und unbürokratische individuelle Hilfestellungen.

Eine weitere sozialpolitische Diskussion der Evangelischen Kirche und ihrer Diakonie ist für Frühjahr 2010 mit dem renommierten Sozialrichter Borchert, Darmstadt, geplant.

Weitere Informationen: ekma.de (Ev. Kirche in Mannheim)