Das "Geistliches Wort in den Tag" von Landesbischof Ulrich Fischer
"Ihr seid das Salz der Erde."
Mit diesem Zuspruch Jesu an Euch, liebe Schwestern und Brüder, habt Ihr Euch eben gegenseitig singend begrüßt. Das verspricht Euch Jesus: Durch Euch wird das Leben gewürzt - in Gemeinden und Kirchenbezirken, in diakonischen Einrichtungen und in Schulen, in geistlichen Zentren, in Verbänden und Werken. Durch Euch wirkt unsere Kirche würzig hinein in die Gesellschaft. Durchdringt alle Bereiche des Lebens mit der Botschaft von Gottes freier Gnade. "Ihr seid das Salz der Erde." Das sagt Jesus Euch zu. Kein räsonierendes "Ihr könntet sein". Kein befehlendes "Ihr müsst sein". Reine Zusage: "Ihr seid." Ein gesalzener Zuspruch für Euch - gegen alle Resignation, die Euch manchmal im Alltag beschleichen mag. Welch eine Ermutigung!
Und zugleich ein hoher, ein gesalzener Anspruch, den Jesus erhebt. "Ihr seid das Salz der Erde." Nicht mehr und nicht weniger. Auf Euch kommt es an, wenn kirchliches Leben genießbar sein soll. Die Welt braucht Eure wirksame Jüngerschaft. Sie braucht Euch als Menschen, die dem kirchlichen Leben die rechte Würze geben und die die gute Botschaft auch in unserer Gesellschaft und in unserer Welt wirksam werden lassen. Als Menschen, die Gottes Wort weitersagen und vorleben, die missionarisch verkündigen und sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Welch ein Anspruch! Um diesem Anspruch genügen zu können, braucht Ihr Orte und Gelegenheiten, bei denen Ihr Euch neu die Kraft schenken lasst, um als Salz der Erde wirken zu können. Nichts anderes soll der heutige erste badische Gemeindeentwicklungskongress sein: Ein Tag zum Auftanken. Ein Tag der Ermutigung. Ein würziger Tag zum Salzigwerden.
Dieser Tag hat sein Ziel nicht zuletzt darin, Euch in Eurer badisch-landeskirchlichen Jüngerschaft zu stärken. Denn nur als Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger Jesu könnt Ihr wirklich als Salz der Erde wirken. Aber natürlich sind alle, die in anderen Kirchen als Jüngerinnen und Jünger Jesu wirken wollen, also alle unsere mitgesalzenen Schwestern und Brüder aus Nachbarkirchen oder aus anderen Kirchen der ACK herzlich willkommen. Ihr werdet umso stärker die Gesellschaft im Geiste Jesu würzen können, wenn Ihr dies in geschwisterlicher Eintracht tut. "Ihr seid das Salz der Erde." Das gilt Euch allen, liebe Schwestern und Brüder, die Ihr nach Karlsruhe gekommen seid.
Salz könnte nicht würzen, wenn es nicht aus unzählig vielen Körnern bestehen würde. Nicht nur Ihr alle, die Ihr heute gekommen seid, seid kleine Salzkörner, denen in ihrer Vielfalt von Jesus vieles zugetraut wird. Nein, auch dieser Kongress soll die wunderbare Vielfalt der Salzkörner in unserer Landeskirche abbilden. Sicher hatten viele bei der Anmeldung schon die Qual der Wahl. In der Tat werden mit den Foren ganz unterschiedliche inhaltliche Akzente gesetzt. Und alle sind eingeladen, in diesen Foren und beim Markt der Möglichkeiten die geistliche Weite unserer Landeskirche hautnah zu erfahren. Welch einen Reichtum an Möglichkeiten habt Ihr doch in unserer Landeskirche, um als Salz der Erde wirken zu können. Liebe Schwestern und Brüder, entdeckt an diesem Tag diesen geistlichen Reichtum unserer Kirche - auch dort, wo Ihr alle beieinander seid, bei den Referaten des Vormittags, beim gemeinsamen Singen und wenn Ihr heute Abend zusammen Gottesdienst feiert. Salz kann nur wirksam würzen, wenn viele Körner zusammenkommen. Wenn das Aufeinandergewiesensein auch persönlich erfahren wird. In einem Kirchentagslied hieß es einmal: "Ihr seid das Salz der Erde, vielleicht nur ein Korn. Aber das Korn man wird es schmecken." Ja, das stimmt. Man wird es schmecken, wenn Ihr, jeder und jede, gestärkt von diesem Kongress zurückkehrt in Eure Heimatorte. Und man wird es umso mehr schmecken, wenn Ihr darum wisst und es erfahren habt, wie viele Salzkörner es in dieser Kirche gibt, die mit Euch zusammen Würze in das Leben unserer Kirche und Gesellschaft bringen.
Als wir diesen Gemeindeentwicklungskongress terminierten, war uns nicht im Blick, dass heute der Todestag von Johann Peter Hebel ist. Mit dem Gedenken an ihn rufe ich in Erinnerung, dass wir mit dem heutigen Kongress nicht neue Anfänge aus dem Nichts wagen. Seit 1821 schon sind wir in Baden eine evangelische Landeskirche. Viele neue Wege wurden seitdem gegangen, um immer neu als Salz der Erde zu wirken. Und diese Wege wurden an vielen Orten und in allen Regionen unserer Landeskirche beschritten. Der Name von Johann Peter Hebel steht für beides: Für die lange Geschichte und für die verschiedenen Regionen unserer Kirche. Denn 1760 in Basel geboren wuchs Hebel in Hausen auf, unweit von Lörrach; so ist er allen südbadischen Schwestern und Brüdern vertraut. Seit 1792 war er in Karlsruhe tätig und leitete von 1819 bis zu seinem Tode von hier aus als erster Prälat die Landeskirche; so war er lange Zeit in Mittelbaden zu Hause. Gestorben ist er schließlich am 22. September 1826 in Schwetzingen, wo auch sein Grab ist; also auch in Nordbaden werden wir seiner immer erinnert. Mit Johann Peter Hebel schauen wir zurück auf die lange Wegstrecke, die wir in unserer Landeskirche bis heute gegangen sind. Und mit Johann Peter Hebel vergegenwärtigen wir uns die Vielfalt kirchlichen Lebens in unserer Landeskirche von Wertheim im Norden bis Lörrach im Süden. In dieser Vielfalt haben viele Menschen vor uns versucht, Jesu Ruf zu entsprechen, als Salz der Erde zu wirken. Angesteckt von dieser Vielfalt sollt auch Ihr neue Wege wagen.
Ich schließe mit den Schlusszeilen aus einem Neujahrslied von Johann Peter Hebel:
Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage;
jedem auf des Lebens Pfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite.
Liebe Schwestern und Brüder, möge solche Hoffnung Euch an diesem Tag erfüllen. Mögt Ihr - beflügelt von dieser Hoffnung - im Miteinander mit den vielen anderen an diesem Tag für Euch, für Eure Gemeinde, für unsere Kirche einen neuen Weg entdecken, auf dem Ihr weitergeht, um als Salz der Erde zu wirken. "Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist." Amen.