„Die Elenden sollen essen“ - Predigt im Kantatengottesdienst über Exodus 3, 1-14

in der Stadtkirche Karlsruhe am letzten Sonntag nach Epiphanias (5.2.2017)

Liebe Gemeinde,
„die Elenden sollen essen!“ Das ist Gottes Zusage. So soll es sein, so wird es sein.
Vier Worte, auch mit Ausrufezeichen nur 25 Zeichen; ein klares Programm, mit dem sich Gott vorstellt: „Ich höre und sehe eure Not. Ich führe euch heraus aus dem Elend. Ich lade euch ein an meinen Tisch, euch alle: von Osten und von Westen, von Süden und von Norden.“
„Die Elenden sollen essen!“ Das ist eine Zeitansage gegen Angst und Polarisierungen. Gegen Drohungen und Feindschaften, die sich ausbreiten, erhebt der Choral seine Stimme: „Lass ich mich doch nicht schrecken, weil doch zuletzt ich werd‘ ergötzt mit süßem Trost im Herzen; da weichen alle Schmerzen.“
 
I
„Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden.“ Gott stellt sich vor mit einer Zusage. Ein Licht leuchtet auf gegen das Elend, ein Glanz breitet sich aus, der den Weg hell macht und uns schon heute etwas spüren lässt vom Glanz des Ostermorgens. Er wird uns durch die Wochen der Passion tragen, die vor uns liegen.
Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag, den letzten Sonntag der Epiphanias Zeit:
Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
Da sprach er: „Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.“ Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: „Mose, Mose!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“ Er sprach: „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort darauf du stehst, ist heiliges Land!“ Und er sprach weiter: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“
Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der Herr sprach: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ Mose sprach zu Gott: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ Er sprach: „Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.“ Mose sprach zu Gott: „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: ‚Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!‘, und sie mir sagen werden: ‚Wie ist sein Name?‘, was soll ich Ihnen sagen?“ Gott sprach zu Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Und sprach: „So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚ich werde sein‘, der hat mich zu euch gesandt.“
II
Mose arbeitet. Konzentriert, sorgfältig, routiniert; ein erfolgreicher Landwirt mit einer großen Herde. Aber zugleich weiß er, dass ein guter Hirte auch über die bekannten Weidegründe hin-ausschauen muss auf das, was um ihn herum geschieht. Innehalten, sich Zeit nehmen, neugierig den Kopf heben, danach fragen, was mich trägt, im Leben und im Sterben – und Verantwortung übernehmen nicht nur für mich, sondern für das Ganze, für die Anderen.
Der Sonntag ist dazu da, innezuhalten und aufmerksam zu schauen. Nicht immer geschieht dann so etwas Besonderes wie in dieser Geschichte: Ein Busch brennt – und verbrennt doch nicht. Aber manchmal brennt das Herz, z.B. bei so einer Musik, wie wir sie gerade gehört haben.
Sie erzählt von Gottes Hinwendung zu den Geringen, so wie die Geschichte vom brennenden Dornbusch: es ist kein hoher Baum, der hier brennt, kein imponierendes Gewächs, es ist ein Dornbusch, stachelig und zu wenig nütze, ein Elend für die Menschen und die Tiere. Er brennt, aber er wird nicht verzehrt. „Die Elenden sollen essen“ – wie der Dornbusch werden sie zu einem Zeichen für unseren Glauben.
 
III
Mose lässt die Herde Schafe sein und geht auf die Erscheinung zu. Da ruft ihn Gott: Mose! Mose! In biblischen Geschichten, die das Leben eines Menschen grundlegend verändern, ruft Gott oft zweimal. Dass Gott zweimal rufen muss, damit die angesprochene Person auch hört. Wenn es um die Rettung der Elenden geht, ist Gott eindringlich, geduldig und zäh.
Gott bleibt nicht irgendwo da oben und für sich; Gott will in Kontakt kommen mit uns: Mose! Mose! „Hier bin ich!“ antwortet Mose. Und zieht seine Schuhe aus. Schutzlos tritt Mose vor Gott.
 
IV
Nun beginnt ein Zwiegespräch. Am Ende wissen wir mehr über uns und über Gott. Das eine nicht ohne das andere. „Wer bin ich?“ fragt Mose. „Du bist der Mann aus dem Wasser“, hatte man ihm gesagt und ihn danach genannt. Aber wer ist mein Vater? Wer meine Mutter? Wohin gehöre ich? Was trägt mich durchs Leben? Worauf kann ich mich verlassen: im Leben und im Sterben?
Wir können in Karlsruhe zurzeit eine spannende Ausstellung über Ramses anschauen. Wenn Sie sich die letzten drei Konsonanten von Ramses anschauen: MSS, sind das die gleichen wie in Moses. Ramses heißt Sohn des Ra – und Mose? Wessen Sohn ist er? Heißt er einfach nur ‚Sohn‘? Zu wem gehöre ich?
Gott antwortet auf die Frage des Mose: „Wer bin ich?“ „Ich will mit dir sein!“
Ist das eine Antwort? Keine, die sagt, du bist der Sohn von Herrn x und von Frau y. Du gehörst deshalb in diese Kultur und nicht in die dort. Gottes Antwort sortiert nicht nach Zugehörigkeit, sondern verbindet und zieht nach oben – oder wenn wir an Weihnachten denken, vielleicht besser nach unten, zu den Elenden. „Ich will mit dir sein!“
Vor ein paar Tagen war ich bei einer Kursstufe in einem Gymnasium. Ein Schüler hat mich gefragt: Hat Luther eher unser Bild vom Menschen oder von Gott verändert? Die Geschichte vom brennenden Dornbusch antwortet: Die Bewegung des Glaubens geht von Gott aus, aber Gott will gerade nicht allein für sich bleiben, sondern mit uns sein. Im Dornbusch wird das für das Volk Israel erfahrbar, was uns in der Krippe geschenkt wird: Gott wird Mensch, in Christus. Mensch sein heißt dann: Gott ist mit dir, Gott ist je und je für dich da!
 
V
„Ich will mit dir sein!“ Gott bindet sich an Mose, an das Volk Israel, an Christus und durch ihn auch an uns, an mich! Wer ich bin, erfahre ich in der Begegnung mit Gott!
Aber wer ist Gott? Da sind wir wieder bei der Kantate: „Die Elenden sollen essen.“ „Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“
Gott sieht das Elend, hört das Schreien und erkennt das Leiden. Mit allen Sinnen ist Gott auf diejenigen ausgerichtet, die schreien und seufzen und bedrängt werden. Gott steigt herab, um hinaufzuführen! Und Gott will das nicht alleine tun.
Stellen Sie sich vor, wie sich das anhört, wenn Hand in Hand mit ihnen einer geht, dem die Schreie derjenigen im Ohr gellen, die in den Wellen des Mittelmeers um ihr Überleben kämpfen. Stellen Sie sich vor, wenn eine vor Ihnen geht und sieht all die Schrecken von Aleppo und die Kinder, die im Bombenhagel des Terrors im Irak sterben. Und sie zeigt hin und kann ihre Augen nicht abwenden.
So geht Gott mit uns, mit allen Sinnen ausgerichtet auf die Elenden. Gott liebt die Elenden. Gott sorgt sich um jede Kranke. Gott erkennt das Leiden jedes Menschen auf der Flucht. Gott sitzt neben jedem Sterbenden und tröstet ihn.
Gott will das mit uns gemeinsam tun!
 
VI
„Nur eines kränkt ein christliches Gemüte: Wenn es an seines Geistes Armut denkt! Es gläubt zwar Gottes Güte, die alles neu erschafft; doch mangelt ihm die Kraft, dem überirdischen Leben das Wachstum und die Frucht zu geben.“
Da hätte Mose wohl einstimmen können. Ich? Ich soll mit dir gehen? Kannst Du das nicht selber machen oder mit einem Menschen, der stark ist und klug und redegewandt und überzeugend; wäre es nicht gut, er könnte andere feuern und besitzt auch schon eine Milliarde?
Nein, Gott will, dass Mose hingeht und Israel befreit: „Du kannst das, weil ich mit dir bin. Ich werde da sein, wo du mich brauchst; ich werde da sein, wie auch immer sich die Situation verändert.“
„Die Elenden sollen essen!“ Das geht nur, wenn die Kooperation Gott – Mensch gelingt. Gott braucht uns als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als Weggefährten beim Auszug der Elenden.
So geht Mose nach Ägypten – mit nichts in den Händen, aber im Vertrauen auf Gott. Gleich wird der Glaube mit einer Altstimme singen: „Jesus macht mich geistlich reich.“ Christus geht mit uns, die kleinen, aber klaren Schritten hin zu dem reich gedeckten Tisch, an den wir aus allen Himmelsrichtungen von Gott geladen sind.
Wenn Ihnen unterwegs kalt ist, nehmen Sie sich eine Jacke von dem Kleiderbügel vor der Kirchentür; wenn Sie eine zu viel haben, hängen Sie sie hin. Oder kommen Sie in die Vesperkirche in der Südstadt und stärken Sie sich, beim Essen - oder beim Helfen, so wie es die Kantate besingt: „Denn mein Leben wächst zugleich!“ Halten Sie die Türen offen, Ihre Arme und vor allem Ihre Herzen!
Gott geht mit uns auch durch die rauen Bahnen, die sich gerade am Horizont der Weltpolitik abzeichnen. Gott hält uns väterlich und mütterlich, freundschaftlich in den Armen. „Die Elenden sollen essen!“
 
 
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