Freiheit und Liebe

Der Bildungsgesamtplan 2010 und die Bildungstradition der Reformation

Quelle: RPI - Baden
"Die Ev. Landeskirche in Baden trägt durch ihre Bildungsarbeit zur Verständigung zwischen Menschen verschiedenen Glaubens bei. In ihrer ökumenisch orientierten Bildungsarbeit weiß sie sich eingebunden in die Lerngemeinschaft der weltweiten Kirche Jesu Christi."
(Aus den Leitbildern der Evangelischen Landeskirche in Baden)


[2] Innerhalb der Lutherdekade (2008-2017) steht das Jahr 2010 unter dem Thema "Reformation und Bildung". Anlass hierfür ist der 450. Todestag Philipp Melanchthons am 19. April. Dazu passend legt die Evangelische Landeskirche in Baden ihren Bildungsgesamtplan 2010 vor und knüpft damit unter der Überschrift „Freiheit und Liebe“ an die Bildungstradition der Reformation an, insbesondere an das Wirken des aus Bretten stammenden Reformators.

[3] Hintergrund

Der Bildungsgesamtplan 2010 geht zurück auf eine Initiative der Badischen Landessynode, die sich im Jahr 2007 das Ziel gesetzt hat, zur Vertiefung des Wissens über den christlichen Glauben das Bildungsangebot der Landeskirche und ihrer Diakonie neu auszurichten. Daraus ist weit mehr geworden als eine Bestandsaufnahme der vielfältigen Bildungsangebote in Kirche und Diakonie. Der Bildungsgesamtplan entwickelt eine evangelische Bildungskonzeption, setzt sich mit den Herausforderungen heutigen Bildungshandelns ausführlich auseinander und beschreibt auf dieser Grundlage eine Bildungsstrategie, mit vordringlichen Zielen und Maßnahmen für das kommende Jahrzehnt. Das ist ehrgeizig, eröffnet aber die Möglichkeit zu zielorientiertem und überprüfbarem Handeln. Und das ist gerade in der recht unüberschaubaren Landschaft kirchlicher Bildungsangebote dringend nötig.

[4] Der Bildungsgesamtplan 2010 wurde auf der Herbsttagung 2009 von der Landessynode verabschiedet.
In den nächsten Jahren sollen anhand des Planes das Gespräch über Bildung und das Bildungshandeln der Kirche weiter geführt und vertieft und die geplanten Maßnahmen verwirklicht werden.

"Zur Vertiefung des Wissens über den christlichen Glauben richtet die Evangelische Landeskirche in Baden ihr Bildungsangebot neu aus."
(Aus den strategischen Zielen der Landessynode von 2007)

[5] Melanchthon - „Praeceptor Germaniae“

Melanchthons pädagogische Hauptanliegen waren die individuelle Betreuung der Studienanfänger durch Präzeptoren und die Schulung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Als Rektor der Universität Wittenberg sorgte Melanchthon 1523/24 für eine neue Studienordnung, zunächst für die Philosophische Fakultät. Dabei stellte er klar, dass die klassisch-humanistische Bildung für evangelische Theologen unerlässlich sei. Melanchthon war Lehrer aus Leidenschaft. Sein ungeheures Wissen ermöglichte es ihm, auf vielen Gebieten Vorlesungen zu halten. Für den Griechisch- und Lateinunterricht hat Melanchthon Grammatiken verfasst, die an zahlreichen Schulen, auch im Ausland, verwendet wurden. In vielen Schulen des 16. Jahrhunderts waren seine Bücher als Unterrichtsstoff vorgeschrieben, so dass er schon zu Lebzeiten als „Praeceptor Germaniae“ (lat: „Lehrer Deutschlands“) galt.

[6] Der Bildungsgesamtplan 2010

Bildung ist überlebenswichtig für eine Gesellschaft, deren Entwicklung und Wohlergehen in hohem Maß abhängig sind von Wissen und technischem Können, von Forschung und von der Fähigkeit, selbständig Neues zu lernen. Die Herausforderungen sind immens – von der Revolution der neuen Medien über die Entwicklung der Weltwirtschaft mit ihren Folgen für das Weltklima bis hin zum demographischen Wandel, der für Deutschland und Europa eine zunehmend älter werdende Bevölkerung erwarten lässt. Dabei ist Bildung aber mehr als ein Bündel an Kompetenzen und Fertigkeiten zur Lebensbewältigung. Ein modernes Bildungsverständnis braucht den Blick auf den ganzen Menschen und auf den Zusammenhang von Bildung, moralischem Handeln und Religion.

[7] Die Evangelische Landeskirche in Baden knüpft mit ihrem Bildungsgesamtplan unter der Überschrift „Freiheit und Liebe“ an die Bildungstradition der Reformation an, insbesondere an das Wirken des aus Bretten in Baden stammenden Reformators Philipp Melanchthon, an dessen 450. Todestag die Evangelische Kirche in Deutschland 2010 in einem „Jahr der Bildung“ erinnert. Der Humanist Melanchthon, der wegen seiner Bahn brechenden und bis heute nachwirkenden Reform des Schul- und Universitätswesens als „Lehrer Deutschlands“ bezeichnet wurde, nennt Bildung lateinisch „eruditio“, zu Deutsch: Entrohung. Sie will Menschen durch Wissen, die Befähigung zum Dialog und zum sozialen Verhalten und durch die Hinführung zur Pflege der Religion und zum Glauben aus einem Zustand der Roheit herausführen und die Gesellschaft vor der Verrohung bewahren. Dieses Programm klingt an, wenn die Bildungsdenkschrift der EKD im Jahr 2003 sagt: „Bildung erinnert an die Güter des Lebens als Gottes Gaben, erzieht zu Dankbarkeit, schärft ein, Maße und Grenzen menschlicher Geschöpflichkeit ernst zu nehmen, und ermutigt, in der Kraft des Evangeliums von Jesus Christus bei allen gesellschaftlichen Aufgaben verantwortungsvoll und hoffnungsvoll mitzuwirken.“

[8] Der Bildungsgesamtplan ist:

  • Bildungsbericht: Als solcher bildet er den Status quo ab. Er arbeitet die Lebensverhältnisse jener Menschen heraus, an die sich evangelische Bildungsarbeit wendet, und stellt die vielfältigen Tätigkeiten evangelischer Bildungsarbeit zusammenfassend dar.
    => Was gibt es schon, wie sieht evangelische Bildungsarbeit heute praktisch aus?
  • Bildungskonzeption: Das Kernstück des Planes befasst sich mit der Frage, was kirchliche Bildungsarbeit im speziellen ausmacht. Er klärt Auftrag und Ziele evangelischer Bildungsarbeit => Was wollen wir? Wohin wollen wir?
  • Bildungsplan: Dieser stellt die Konkretisierung dar. Er erarbeitet Empfehlungen für die Bewältigung erkennbarer Herausforderungen und verhilft zur Zukunftsfähigkeit evangelischer Bildungsarbeit => Wie kommen wir ans Ziel (siehe Konzeption)?

[9] Evangelisch?!

In Anlehnung an die Kennzeichen von Kirche, nämlich Predigt, Taufe und Abendmahl (CA VII), hat evangelische Bildungsarbeit zunächst drei grundlegende Merkmale:

  • ...sie legt das Leben im Lichte der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments und die Heilige Schrift im Lichte des Lebens aus;
  • ...sie vergewissert Menschen in ihrer Identität als Geschöpf und Ebenbild Gottes (von Gott bejaht zu sein) und bietet ihnen Orientierungen für eine eigenständige und verantwortliche Lebensführung an;
  • ...sie stiftet zu einer heilvollen Gemeinschaft an, verheißt, dass vergangene Schuld nicht die Zukunft zerstört, stärkt dadurch das Vertrauen in die Möglichkeit, noch einmal neu anfangen zu können, und stellt die Zukunft mit Gott vor Augen

[10] Bildungsarbeit findet in allen Bereichen kirchlichen Handelns statt, also auch in Gottesdienst, Seelsorge und Diakonie, wie auch umgekehrt in allen Bereichen evangelischer Bildungsarbeit Gottesdienstliches, Seelsorgliches und Diakonisches stattfindet.

[11] Freiheit und Liebe?

In ihrem Kern geht es evangelischer Bildungsarbeit um die Eröffnung einer Lebens haltung, die von Freiheit und Liebe gekennzeichnet ist.

  • Freiheit ist im Sinne der Bibel und der Reformation als Freiheit von der Sorge um sich selbst und als Freiheit für andere zu verstehen. Sie gründet in der Zusage der bedingungslosen Annahme Gottes und in dem glaubenden Vertrauen darauf. Diese Freiheit ist ein Geschenk und wird nie zum Besitz. Sie bedarf der immer neuen Rückbindung an Gottes Wort.
  • Liebe ist als „Dasein für andere“ (D. Bonhoeffer) zu verstehen und findet ihren Ausdruck in ganz unterschiedlichen Gestalten (Nächstenliebe, Feindesliebe, Verantwortung, Diakonie, soziale Gerechtigkeit, aber auch in der Liebe zu sich selbst und in einer partnerschaftlichen Sexualität). Sie gründet in dem Vertrauen in Gottes Liebe. Sie kann nie zum Besitz des Menschen werden und ist ebenso wie die Freiheit als Geschenk anzusehen. Ihren eigentümlichen Charakter gewinnt sie im Aufblick auf den gekreuzigten Christus. Hier gewinnt sie Verständnis für die Brüchigkeit und Begrenztheit allen Lebens und kann deshalb sowohl die Grenzen anderer als auch die eigenen Grenzen annehmen.

(Aus dem Bildungsgesamtplan 2010, für ekiba.de zusammengefasst)

Mehr zum Thema beim Religionspädagogischen Institut


 
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