„Ich bin für dich da!“

Interview mit Notfallseelsorger und Gemeindepfarrer Siegfried Weber

Quelle: ZfK / David Groschwitz
Was bedeutet es für ganz junge Menschen, wenn ein Gleichaltriger plötzlich stirbt? Egal, ob durch ein Unglück – wie im Fall des 15-Jährigen, der Anfang August im südbadischen Rickenbach zu Tode kam – oder durch eine Krankheit: Kinder und Jugendliche bedürfen in dieser Situation Fall besonderen seelsorglichen Beistands. Pfarrer Siegfried Weber, Leiter der Notfallseelsorge für Stadt und Landkreis Karlsruhe, hat selbst schon betroffene Jugendliche betreut.
 

Was bewirkt der Tod eines Klassenkameraden oder Freundes bei einem Jugendlichen?
Siegfried Weber: Zuerst mal ist es ein totaler Schock, denn mit jedem Tod, mit dem man konfrontiert wird, wird einem ja auch die eigene Endlichkeit bewusst. Es zieht einem sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weg – und das natürlich umso mehr, je näher einem der oder die Verstorbene auch vom Alter her gestanden hat.

Wie können erwachsene Vertrauenspersonen in so einer Situation angemessen reagieren?
Siegfried Weber: Auf jeden Fall hilft Nähe, besonders auch „körperliche“ Nähe: Jugendliche müssen immer erst ihren eigenen Weg finden, sich zu öffnen und zu trauern; dabei hilft es ihnen zu merken, dass sie nicht allein sind, und dass jemand auf jeden Fall bei ihnen ist. Manche Jugendliche wollen aber auch erst mal für sich allein bleiben; hier ist es wichtig, die nötige Distanz zu wahren. Es bringt dann nichts, in sie dringen zu wollen. Besser ist es, immer wieder zu signalisieren: „Wenn du soweit bist, dann bin ich für dich da.“ Es kann auch sehr hilfreich sein, einen Freund bzw. eine Freundin dazuzuholen. Vielleicht hören sie dann zusammen laute Musik, oder gehen miteinander irgendwo hin, reden – das ist gut.

Können bestimmte Riten helfen?
Siegfried Weber:Ja, aber das kommt erst ein paar Tage später. Dann kann es zum Beispiel heilsam sein, einen Gottesdienst zu besuchen oder in der Klasse eine Gedenkfeier zu gestalten. Ein Bild des oder der Verstorbenen aufzustellen und über ihn/sie zu reden, oder als Familie gemeinsam eine Kerze anzuzünden usw.

Was antworten Sie, wenn Jugendliche Ihnen dann die Frage stellen, warum Gott das überhaupt zulassen konnte?
Siegfried Weber: Ganz ehrlich, ich sage: „Das ist brutal schlimm!“ Aber ich erkläre das nicht. Erstens kann man es einfach nicht erklären – zweitens ist das für die Jugendlichen in diesem Moment auch völlig unwichtig. Wichtig ist, ihnen Wege zu zeigen, wie sie sich öffnen können. Ich habe zum Beispiel in einer solchen Situation auch schon mal etwas gesagt wie, „Ich weiß, es ist schrecklich, etwas so nah zu erleben, was man sonst nur aus dem Fernsehen kennt.“ Die Seele braucht einfach Zeit, um zu verarbeiten – genauso wie auch körperliche Wunden Zeit zum Heilen brauchen.

Die Fragen stellte: 

Judith Weidermann - Redakteurin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit (ZfK)