"Man singet vom Sieg mit Freuden" - Kantatengottesdienst in Karlsruhe (16.02.2014)

„Man singet mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten. Die Rechte des Herrn behält den Sieg. Die Rechte des Herrn ist erhöht, die Rechte des Herrn behält den Sieg.“

Liebe Gemeinde,
so himmelhochjauchzend jubelnd kann nur jemand singen, der Großes erlebt hat. Der Beter des 118. Psalm hat Überwältigendes erfahren: Erlösung aus Bedrängnis und Not, Bewahrung in Angst und Gefahr, Befreiung aus der Hand böser Feinde. Seine überschwängliche Dankbarkeit für das glückvoll Erfahrene bringt er vor der ganzen Gemeinde zum Ausdruck. In der Liturgie eines großen Festes jubelt er gemeinsam mit der versammelten Gemeinde. Dieser Gesang vom Sieg Gottes über all das, was Menschen gefangen nimmt und bedrängt, er mag so geklungen haben wie in der Kantate von Johann Sebastian Bach: Gesungen von vielen Stimmen und begleitet von strahlenden Instrumenten.

So hat einst schon Mose gesungen, als das Volk Israel befreit wurde aus der Knechtschaft in Ägypten. Damals hat er seinen Lobgesang angestimmt: „Herr, deine rechte Hand tut große Wunder. Herr, deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen.“ Und dieser Gesang des Mose muss so eindrucksvoll gewesen sein, dass seine Schwester Mirjam auf die Pauke schlug und zu diesem Gesang tanzte und mit ihr alle Frauen der Gemeinde. Ja, zu singen von dem Sieg Gottes über Feindliches, das ist ansteckend. Das setzt in der Gemeinde der Jubelnden ungeahnte Energien frei. So singen wir heute in diesem Gottesdienst, wenn wir Worte des 118. Psalms miteinander beten. Und manche von uns werden bei den Worten „Danket dem Herrn, denn er ist sehr freundlich, seine Güte und Wahrheit währet ewiglich“ ihren ganz persönlichen Dank in den Gesang der Gemeinde zum Lobe Gottes eingebettet haben - wie damals der Psalmbeter oder wie einst Mose und Mirjam.

So sangen Menschen vor 25 Jahren, als die Mauer in Berlin fiel. Aber Achtung: So sangen auch vor 100 und vor 75 Jahren viele Menschen in Deutschlang nach den ersten schnellen Erfolgen der deutschen Wehrmacht in den Schlachten des 1. und 2. Weltkrieges. So schön es ist, gemeinsam vom Sieg Gottes zu singen, so gefährlich kann es auch sein. Dieser Dank, der so schön erklingt, der so gut tut, der so festlich erstrahlt, dieser Dank ist auch ein gefährdeter Dank. Er kann Menschen verführen, Feindschaft gegen andere theologisch zu legitimieren und Siege über vermeintliche Feinde zu Siegen Gottes zu erklären. Und wenn im Eingangschor unserer Kantate gleich 3mal das Wort „Sieg“ erklingt, dies noch zudem mit Trompetenklang unterstützt, dann klingt dies schon recht martialisch. Dabei wird uns bewusst, dass der schönste gesungene Dank für Gottes Sieg immer auch ein gefährdeter Dank ist. Wie klein ist der Schritt vom dreifachen „Sieg, Sieg, Sieg“ zum verbrecherischen „Sieg Heil!“

Darum ist ein zweiter Blick nötig. Für welchen Sieg Gottes danken wir als Christenmenschen? Für welchen Sieg Gottes dankt die Kantate, deren ersten Teil wir gehört haben? In der Arie des Basses wurde dieser Sieg mit einer Anspielung auf einen Text aus der Offenbarung des Johannes genauer in den Blick genommen: „Kraft und Stärke sei gesungen Gott, dem Lamme, das bezwungen und den Satanas verjagt.“ Die kräftige Bassarie zu diesen Worten erinnert an die große Stimme, die in der Offenbarung des Johannes den Sieg des Lammes über den Drachen, den Teufel verkündet. Schon in der Schriftlesung zu diesem Gottesdienst haben wir von diesem Sieg  gehört: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus.“ Geschehen ist dies durch das Blut des Lammes. Und dieses wird an anderer Stelle besungen mit den Worten: „Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob (Offb 5,12). Das also ist der Sieg Gottes, den wir in der Gemeinde immer und immer wieder besingen sollen und können, jubelnd und jauchzend: Den Sieg  des geschlachteten Lammes. Den Sieg, den Gott am Kreuz von Golgatha durch den gekreuzigten Christus über alles Böse, über Sünde und Teufel errungen hat. Dieser Sieg Gottes unterscheidet sich von allen durch menschliche Macht errungenen Siegen dadurch, dass er nicht geschehen ist im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten. Das macht das Revolutionäre dieses Sieges aus. Es ist ein durchs Leiden errungener Sieg. Ein Passionssieg. Und so ist es kein Zufall, dass nachher die Kantate von Johann Sebastian Bach mit deutlichen Anklängen an seine Johannes-Passion enden wird.

Wer auf diesen auf Golgatha errungenen Sieg Gottes vertraut, kann dann auch singen, was die Altstimme in ihrem Rezitativ vorgetragen hat: „Ich fürchte mich vor tausend Feinden nicht.“ Denn auf den Gekreuzigten schauen, seinem Sieg am Kreuz vertrauen, das befreit von Sünde und Tod. Das senkt eine tiefe Ruhe in die Seele. Eine letzte Geborgenheit, die niemand und nichts nehmen kann. Und deshalb wechselt auch an dieser Stelle der Grundton der Kantate. Nicht mehr das Kämpferische steht von nun an im Mittelpunkt, sondern besungen wird die herrliche Gelassenheit der Glaubenden, die darum wissen, dass an Golgatha der entscheidende Sieg über alles Teuflische errungen wurde, und die darauf hoffen, dass dieser Sieg des Gekreuzigten, dieser Sieg des Gotteslammes am Ende der Zeiten vor aller Welt offenbar werden wird. Deshalb konnten in der Sopranarie in bezaubernder Lieblichkeit Töne erklingen, die fast an ein Schlaflied erinnerten. Die Glaubende weiß sich von guten Mächten wunderbar geborgen. Sie weiß Tag und Nacht Gottes Engel um sich. Sie ist sich dessen gewiss, dass sich Gottes Engel um die her lagern, die Gott fürchten.

Was begonnen hat mit dem jubelnden Gesang über den Sieg Gottes über alle Feinde mündet also ein in die Glaubensgewissheit, dass der Gott, der am Kreuz von Golgatha den Sieg errungen hat, dass dieser Gott das Leben der Gläubigen geheimnisvoll begleitet - in guten wie in schlechten Zeiten, in Leid und Freud, im Leben und im Tod. Und so ist der zweite Teil der Kantate, den wir gleich hören werden, getragen vom Grundton der Glaubenszuversicht. Das Motiv der „Engel“ dient hierbei dazu, den Schutz Gottes, das Wachen Gottes über unser Leben und die Geborgenheit bei Gott über den Tod hinaus zu betonen. Wenn der Tenor gleich singen wird
„Gott verleihe,
dass sich mein Engel drüber freue,
damit er mich an meinem Sterbetage
in deinen Schoß zum Himmel trage“,
dann klingt der Gedanke an einen persönlichen Schutzengel an, dessen Aufgabe es ist, die Gläubigen zu begleiten auf ihrem Weg ins ewige Leben. Und immer mehr richtet sich der Blick nach vorn, wenn im Duett von Alt und Tenor die Engel als Wächter angerufen werden, die den Weg vor Gottes Angesicht begleiten sollen. Schließlich mündet alles in die Bitte des Schlusschorals, dass die Engel am Ende unsere Seele in Abrahams Schoß tragen mögen. So weit reicht der Bogen dieser Kantate. So weit reicht der Bogen unseres Dankens und Jubelns. So weit reicht der Festgesang der versammelten Gemeinde: Vom Sieg Gottes auf Golgatha, vom Sieg des Lammes über das Böse bis hin zur Ewigkeit Gottes, in die aufgenommen zu werden unser aller Ziel und Hoffnung ist.

Aber dann passiert ganz zum Schluss noch etwas Besonderes. In der letzten Zeile des Chorals, bei den Worten „Ich will dich preisen ewiglich“ setzen noch einmal die Trompeten ein, die zu Beginn den Sieg Gottes verkündigt haben. Ja, ganz am Ende unseres Lebens, ganz am Ende der Welt steht Gottes Sieg. „Würdig ist das Lamm, das da starb.“ Wie tröstlich und wie ermutigend. Amen.