„Bahn frei für Gott! Alles weg, was Gott im Wege ist. Das Alte ist vergeben, Neues ist angesagt. Hoffnung auf eine neue Zukunft."

Predigt von Landesbischof Fischer zum Johannistag in der Stadtkirche Karlsruhe über Jesaja 40,1-5 (23.06.2013)

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.
Redet mit Jerusalem freundlich und ruft ihr zu,
dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass abgezahlt ist ihre Schuld,
dass sie empfangen hat Zweifaches von der Hand des Herrn für all ihre Sünden.“


Liebe Schwestern und Brüder, das sind keine Worte von Johannes dem Täufer. Das sind Worte eines uns namentlich nicht bekannten Propheten, die er vor mehr als 2500 Jahren sprach. In größter Finsternis, inmitten der Trübsal der Gefangenschaft im fernen Babylon ruft er seinem verzweifelten Volk als Wort Gottes zu: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Welch eine Mut machende Botschaft für ein Volk, das fast jede Hoffnung aufgegeben hatte! Wie tröstlich! Ein echter Freudenbote dieser Prophet, den wir den zweiten Jesaja nennen. Ich nenne ihn den „Tröster“, denn seine Worte von der Gnade Gottes waren Gnadenworte, die Menschen seiner Zeit in aller Mutlosigkeit trösteten.

Tut das nicht gut, wenn einmal nicht gestritten und diskutiert, nicht abgewogen und geklärt, sondern ganz einfach getröstet wird? Tut es nicht gut, wenn jemand freundlich zu unserem Herzen spricht, statt zu tadeln und zu kritisieren? Tut das nicht gut, wenn am Anfang einer geschichtlichen Epoche, am Anfang eines prophetischen Wirkens Worte des Trostes stehen? So genau wir uns vorstellen können, wie diese Worte damals das Volk in der babylonischen Gefangenschaft aufatmen und neue Hoffnung schöpfen ließen, so sehr empfinden wir es bis heute als entlastend und wohltuend, wenn uns Trost zugesagt wird und jemand freundlich zu uns redet.

Und das Großartige an diesem Trostwort ist, dass es nicht einfach ein Wort bleibt. Mit dem Ausruf „Tröstet, tröstet mein Volk!“ ist sogleich ein Handeln Gottes angesagt, ein Einreifen Gottes in die Geschichte. Gott tröstet, indem er sein Volk aus der Gefangenschaft zurückführt, indem er sein gedemütigtes Volk wieder aufrichtet. Beim Trösten Gottes wird nicht nur einfach Vergebung der Schuld verkündigt, da wird gleichzeitig eine Knechtschaft beendet. Da geschieht Vergebung und Rettung. Da gehören Politik und Religion untrennbar zusammen. Sie gehören zusammen, so wie Gottes tröstendes Wort ein in der Geschichte wirksames Wort ist. Gottes Vergebung an seinem Volk bewirkt Neues in der Weltgeschichte.

Weiter geht die Rede des uns unbekannten Propheten, und damit wird sie dann zur Rede des Täufers Johannes. Der Prophet horcht hinein in die himmlische Welt, und wie aus fernen Höhen erklingt eine Stimme:

„In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,
macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden.
Das Höckrige werde gerade, das Bucklige werde eben,
und offenbart wird die Herrlichkeit des Herrn,
und alles Fleisch miteinander sieht es.
Denn des Herrn Mund hat’s geredet.“

Viele von uns erinnern diese Worte an den Beginn des großartigen Oratoriums „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel, an das einleitende Rezitativ und die Arie des Tenors sowie an den wunderbaren Chor „Denn die Herrlichkeit Gottes des Herrn.“ Diese Worte sollen aber heute vor allem erinnern an Johannes den Täufer und an seinen ersten Auftritt in der Wüste Judäas. Vorhin haben wir es gehört. Am Anfang des Markusevangeliums, am Anfang dieses Trostevangeliums tritt Johannes auf. Nicht als Tröster, sondern als Mahner und Bußprediger, nicht als Vorbote des Auszugs des Volkes Israels aus seiner Gefangenschaft, sondern als Ankündiger des Einzugs Christi. Indem sich Johannes die Worte aus dem Jesajabuch zu Eigen macht, stellt er sich hinein in die Reihe der alttestamentlichen Propheten. Zugleich schlägt er die Brücke hin zu dem, der da kommen soll, zu Jesus. So wird Johannes mit seinen Worten „Bereitet dem Herrn den Weg, macht eine ebene Bahn unserm Gott“ zum Brückenbauer zwischen Altem und Neuem.

Seine Botschaft ist im Kern dann dieselbe wie die des alten Trösterpropheten: „Bahn frei für Gott! Alles weg, was Gott im Wege ist. Das Alte ist vergeben, Neues ist angesagt. Hoffnung auf eine neue Zukunft. Ebnet die Bahn! Planiert Berge und füllt Täler auf. Schafft Hindernisse beiseite, damit Gottes Volk - durch die Wüste - in das gelobte Land ziehen kann, heim in die Freiheit!“ So hörte jener alte Prophet die geheimnisvolle Stimme aus himmlischen Höhen. Und mit diesem Ebnen der Bahn begann die Tröstung des Volkes Gottes damals. Gottes Herrlichkeit wurde offenbar in der Heimführung seines Volkes. Kein oberflächlicher Trost, sondern ein Berge und Täler versetzender Trost.

„Bahn frei für Gott!“, diesen Ruf nimmt Johannes der Täufer auf. Und nun bezieht er ihn auf sich. Er sieht es als seine Aufgabe, dem Kommen Gottes in Jesus Christus den Weg zu bereiten. Er sieht sich als Vorläufer Christi Und damit weist er von sich selbst weg hin auf Jesus Christus und das von ihm gewirkte Heil. Und so wird zum „Markenzeichen“ des Täufers sein Zeigefinger, mit dem ihn Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar abgebildet hat. Johannes weist von sich selbst weg hin auf den, dessen Bahn er zu bereiten hat. Und er ruft: „Jener muss wachsen, ich aber muss abnehmen“, wie es im Spruch zum Johannistag heißt.

Und heute ist es an uns, das Werk des Straßenbaus für Gott weiterzuführen. „Bahn frei für Gott!“, das war nicht nur das Trostwort eines Propheten vor 2500 Jahren. „Bahn frei für Gott!“, das war nicht nur die Selbstverpflichtung eines Täufers Johannes. „Bahn frei für Gott!“, das ist auch eine Aufforderung an uns, denen in der Kirche das Amt des Trostes anvertraut ist. Denn Tröstung wird wirksam im Wegräumen all dessen, was höckrig und bucklig ist im Leben.

Jeder und jede von uns weiß, wo es im eigenen Leben Buckel der Schuld gibt, die von Gott trennen. Die Einsicht in die eigene Schuld und die Zusage der Vergebung sind der Beginn des Trostes, sind der erste Schritt zur Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft unseres Lebens. Das Wegbereiten für Gott, das Bauen an einer Straße, auf der er zu uns kommen kann, beginnt mit dem Bekenntnis all dessen, was uns in unserem Leben an Höckrigem und Buckligem von Gott trennt. Echtes Wegbereiten für Gott hat aber auch eine äußere, eine politische Seite. Die Hügel des Leids in dieser Welt, die Täler des Hungers und der Not verhindern für unzählige Menschen die Ankunft Gottes. Hier heißt Straßenbau: Wegräumen all dessen, was hindert, als Menschen in dieser Welt menschlich zusammenzuleben. Wegräumen all dessen, was unfrei macht und Wege in die Freiheit verstellt.

Tröstung ist nur dann echte Tröstung, wenn all das Unebene, alle Hügel und Täler des Lebens beseitigt werden, die Hindernisse für Gottes Ankunft sind. Dazu gehören die Berge von Schuld ebenso wie Abgründe des Leids. Dazu gehören die Täler tiefer Niedergeschlagenheit, wie sie etwa die Menschen in den Hochwassergebieten Ostdeutschlands derzeit durchwanden, ebenso wie Täler des Bedrücktseins, durch die Menschen in Syrien gehen müssen. Dazu gehören schließlich auch Täler der Perspektivlosigkeit, wie sie viele junge Menschen im Süden Europas derzeit durchschreiten. Und vergessen wir nicht die Hügel, die überwunden werden müssen beim Bau der Straße für Gottes Kommen. Dazu gehören die Hügel unseres Hochmuts und unserer Überheblichkeit, die uns hindern, wirklich solidarisch mit Menschen in aller Welt zu leben. Dazu gehören die Hügel eines falschen Stolzes, der übersieht, dass unser Modell des Lebens einfach nicht mehr zukunftsfähig ist. „Bahn frei für Gott!“ Das heißt dann als Aufforderung an uns: Helft mit, solche Täler aufzufüllen, damit Menschen das Heil Gottes erfahren können. Helft mit, Hügel abzubauen, die Menschen den Blick auf Gott verstellen.

Ja, die ganze Welt ist eine einzige gewaltige Baustelle Gottes und Gott ist der Bauherr. Der Bau, an dem gearbeitet wird, ist die Straße, die hinführt auf die neue Welt zu, den neuen Himmel und die neue Erde. Zu dem Bauen Gottes gehört jedes Tun, durch welches Menschen aus bedrückenden Tälern geführt werden. Dies geschieht für mich derzeit sehr eindrucksvoll durch all den Beistand, den Menschen in den Hochwassergebieten unseres Landes erfahren haben. Ist nicht jeder Sandsack, der gefüllt und auf die aufgeweichten Dämme gelegt wurde, nicht nur ein Akt mitmenschlicher Hilfe, sondern zugleich ein Mitbauen auf einem Weg in Zukunft? Und wie viele haben in diesen Wochen mitgebaut, wissend, dass Trost auch harte Arbeit des Bauens beinhaltet.

„Bahn frei für Gott!“ Das ist aber zuerst und zuletzt nicht ein Aufruf an uns, sondern ein Versprechen Gottes selbst. Vergessen wir nicht: Nur drei Jahre nach dem Auftreten des Täufers Johannes reitet Jesus in Jerusalem ein auf der Straße, die ihm gebahnt wurde. Und er wird begrüßt als der „Gott für uns“, der Immanuel. Und er durchschreitet wirklich alle Täler des Menschseins, ehe er am Kreuzeshügel erhöht wird. Er weiß um all die Buckligkeiten und am alles Höckrige im menschlichen Leben und trägt es hinauf ans Kreuz. Ihm ist kein Abgrund zu tief. Indem er die Täler des Lebens durchschreitet und sie auf den Kreuzeshügel hinaufträgt, ebnet er den Weg zu Gott. „Bahn frei für Gott!“. Das gilt seitdem. Und seitdem vertrauen wir auf einen Berge und Täler versetzenden Gott. Wir brauchen die Straßen hin zu ihm nicht selbst zu bauen. Wir brauchen sie nur zu benutzten. Gott hat in Jesus Christus seine Straße zu uns gebaut, hat die Bucklige und Höckrige für uns beseitigt. Das hat der alte Prophet, jener „Tröster“, noch nicht wissen können. Johannes der Täufer hat es vielleicht geahnt. Wir dürfen es glauben. Wir sind eingeladen auf der Straße Gottes zu uns zu gehen. Denn es gilt: Die Bahn ist frei für Gott.
 
Amen.
 
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