Pastorale Kompetenzen

Die folgenden „Standards für die zweite Ausbildungsphase“ und die Matrix der Handlungs-kompetenzen in den pastoralen Grundaufgaben wurden von der Konferenz der Predigerse-minare und der Fachkommission I der Gemischten Kommission zwischen EKD-Gliedkirchen und Evangelisch-Theologischen Fakultät erarbeitet und beschlossen.

I. Grundsätzliches

Christliche Gemeinde existiert in der Kommunikation des christlichen Glaubens. Pastorales Handeln ist in seinen wesentlichen Vollzügen ein kommunikatives Handeln im Auftrag der Kirche, das der Vergegenwärtigung des Evangeliums dient. Dieser Leitgedanke prägt die spezifischen Anforderungen an das Amt des Pfarrers bzw. der Pfarrerin. Um das eine Amt in den verschiedenen Lebenszusammenhängen angemessen ausüben zu können, sind profes-sionelle Voraussetzungen erforderlich, die sich in dem Begriff der „theologisch-pastoralen Kompetenz“ zusammenfassen lassen.

Theologisch-pastorale Kompetenz ist die Fähigkeit, die Aufgaben eines Pfarrers bzw. einer Pfarrerin im gottesdienstlichen, seelsorgerlichen, pädagogischen, diakonischen und leiten-den Handeln angemessen wahrzunehmen. Bei aller Verschiedenheit der Aufgaben im Ein-zelnen geht es darum, die Begegnung mit Menschen und die Bewältigung von Situationen stimmig zu gestalten. Stimmig meint, dass im Handeln eines Pfarrers bzw. einer Pfarrerin der Auftrag christlicher Gemeinde, theologische Überzeugung und Lebenserfahrung so mitein-ander verschränkt werden, dass für andere Menschen der Bezug zum Evangelium erkenn-bar und erfahrbar wird.

Die theologisch-pastorale Kompetenz lässt sich wiederum in Teilkompetenzen ausdifferen-zieren. Dazu gehören insbesondere 

  • die theologische Reflexions- und Urteilsfähigkeit, 
  • die Fähigkeit zu angemessener Wahrnehmung, zu Kontakt, Initiative und Dialog, 
  • die Fähigkeit zum zielgerichteten, teamfähigen Handeln und zum Umgang mit Konflikten sowie 
  • die Entwicklung einer persönlichen Praxis des Glaubens.

Die Profession eines Pfarrers bzw. einer Pfarrerin schließt die besonderen persönlichen Be-gabungen und individuelle Orientierungen, Einstellungen und Neigungen ein, die Berufswahl und Berufsausübung mitbestimmen. Sie zeichnet sich wie andere Professionen – etwa die des Mediziners oder Juristen – insbesondere zum einen durch ein hohes Berufsethos, zum anderen durch eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion aus. Beides gründet darin, dass existentielle, die eigene Identität berührende Inhalte und (Krisen-)Situationen im Mittel-punkt des beruflichen Handelns stehen.

II. Theologisch-pastorale Kompetenz erwerben

Die Fähigkeiten, die es dem Pfarrer oder der Pfarrerin möglich machen, professionell und kontinuierlich eine Aufgabe zu übernehmen, die prinzipiell allen Gemeindegliedern zukommt, werden nicht ausschließlich, aber zu einem wesentlichen Teil in der Ausbildung erworben. Theologiestudium und Vikariat bilden für den Dienst des Pfarrers bzw. der Pfarrerin aus und bereiten auf die Ordination vor. Die theologisch-pastorale Bildung ist auf Ergänzung durch berufsbegleitende Fortbildung hin angelegt. Ungeachtet ihrer je besonderen Aufgaben sind Theologiestudium, Vorbereitungsdienst und Fortbildung gemeinsam auf das Ziel ausgerich-tet, die Entwicklung theologisch-pastoraler Kompetenz zu unterstützen. Sie bilden drei inhalt-lich zusammenhängende und aufeinander aufbauende Phasen berufsbezogenen Lernens.

Hat das Theologiestudium im Wesentlichen das Ziel, die theologische Reflexions- und Ur-teilsfähigkeit (theologische Kompetenz) auszubilden, setzt der Vorbereitungsdienst (das Vi-kariat) als zweite Ausbildungsphase den Erwerb dieser Fähigkeit voraus und nimmt sie als Element theologisch-pastoraler Kompetenz in unterschiedlichen Handlungszusammen¬hängen in Anspruch.

Das Vikariat ist darauf ausgerichtet, die erforderliche Handlungskompetenz zu vermitteln, die primär die Fähigkeit des Pfarrers bzw. der Pfarrerin zur professionell reflektierten Kommuni-kation des Evangeliums in unterschiedlichen Situationen und Kontexten umfasst. Diese Kommunikation setzt eine differenzierte Wahrnehmungs- und Sprachfähigkeit und ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und Verantwortungsbereitschaft voraus.

Um als Pfarrer bzw. als Pfarrerin angemessen handeln zu können, ist die Vertrautheit mit verschiedenen Handlungsfeldern (Gottesdienst, Seelsorge, Unterricht, Gruppenarbeit, Ge-meindeleitung, Verwaltung ...) und den jeweiligen Anforderungen notwendig. Spezifische, auf die einzelnen Handlungsfelder bezogene Kenntnisse und Fähigkeiten müssen erworben, methodische und „handwerkliche“ Fertigkeiten angeeignet, reflektiert und trainiert werden.

Pastorale Handlungskompetenz beinhaltet die Bereitschaft und Fähigkeit zur Zusammenar-beit mit Kolleginnen und Kollegen wie mit nichttheologischen Mitarbeiterinnen und Mitarbei-tern (Kooperationsfähigkeit) sowie die Fähigkeit zur verantwortlichen Leitung. Diese Fähig-keiten erweisen sich in konkreten Handlungsvollzügen. Zu lernen ist, den eigenen Auftrag im jeweiligen Handlungszusammenhang angemessen wahrzunehmen, und dabei die Auffas-sungen, Bedürfnisse und Fragen anderer zu achten und zu berücksichtigen. Dazu gehört auch die Offenheit, Fähigkeiten anderer anzuerkennen und konstruktiv mit Rückmeldungen auf das eigene Handeln umzugehen. Im Umgang mit Mitarbeitenden gilt es, einen Arbeitsstil zu entwickeln, der dem presbyterial-synodalen Aufbau der evangelischen Kirche entspricht.

Pastorale Kompetenz konkretisiert sich auch in einem den vielfältigen Aufgaben des Pfarrbe-rufs angemessenen Umgang mit Zeit, in der Fähigkeit, Aufgaben ihrer Wichtigkeit und Dring-lichkeit entsprechend anzugehen und zu bearbeiten und die eigene Tätigkeit zu organisieren.

Nicht zuletzt kommt es darauf an, Erfahrungen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern auf-einander zu beziehen, in die theologische Reflexion des eigenen Handelns aufzunehmen und dabei einen angemessenen Umgang mit den Aufgaben des Pfarramts und der Berufsrol-le zu entwickeln. Zunehmendes Gewicht kommt auch der Fähigkeit zu, das Evangelium in der Öffentlichkeit, besonders im Umgang mit religiöser Pluralität zu kommunizieren.

III. Zum Status der differenzierten Darstellung theologisch-pastoraler Kompetenz

Auch wenn weitere Dimensionen pastoralen Handelns (u. a. Ökumene und Mission, Diako-nie, Öffentlichkeitsarbeit, Gendergerechtigkeit, Interkulturalität) Beachtung verdienen, ent-spricht die Ausrichtung der zweiten Ausbildungsphase auf vier Grundaufgaben pastoralen Handelns ungeachtet der regional-kontextuell bedingten Unterschiede der Ausbildungspraxis in den Predigerseminaren innerhalb der EKD.

Für diese wesentlichen Felder pastoralen Handelns (Gottesdienst, Bildung, Seelsorge und Leitung) lässt sich theologisch-pastorale Kompetenz in einer Matrix weiter differenzieren. Hilfreich ist auf der einen Achse die analytische Unterscheidung zwischen Fähigkeiten und Fertigkeiten in der fachlichen (wissen, können), methodischen (kennen, anwenden), perso-nalen (sein, zeigen) und sozialen Dimension des beruflichen Handelns (zusammenarbeiten).

Auf der anderen Achse werden zunächst Teilkompetenzen auf einem mittleren Abstraktions-niveau entfaltet (linke Spalte) und ihnen sodann konkrete Indikatoren (Hauptfeld) zugeord-net. Sie beschreiben berufliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die Pfarrer und Pfarrerin-nen nach Abschluss der Zweiten Theologischen Ausbildung zur Verfügung stehen sollen, auch wenn diese nicht durchgängig als Standards operationalisierbar und überprüfbar sind.

Die Matrix dient dazu, einerseits konkrete Ziele für die Ausbildungspraxis zu formulieren und andererseits Kurse, Seminare und andere Vermittlungsformen daraufhin zu überprüfen, wie-weit sie zum Erreichen der angestrebten Ziele beitragen („Qualitätssicherung in der Ausbil-dung“). Sie bietet sodann eine Hilfe für die analytische Wahrnehmung der individuellen Kom-petenzentwicklung und stellt schließlich Kriterien für Ausbildungs- und Prüfungsvollzüge be-reit.

Auch wenn die additive Darstellungsform und die indikativischen Formulierungen dies sugge-rieren: Die Matrix erhebt nicht den Anspruch, pastorale Kompetenz vollständig zu erfassen und die ganze Komplexität der beruflichen Herausforderungen abzubilden. In jedem Hand-lungsvollzug sind verschiedene professionelle Fähigkeiten und Fertigkeiten miteinander ver-knüpft und auf eine grundlegende Haltung bezogen, die das Amt des Pfarrers und der Pfar-rerin auszeichnet und sich in einer verantwortlichen Amtsführung niederschlägt: alles pasto-rale Handeln bleibt auf den Segen Gottes angewiesen. Dementsprechend geht es im Vikariat um ein Bildungshandeln, das in doppelter Weise unverfügbar ist: es ist personale Bildung, die in wesentlichen Punkten der Messbarkeit entzogen ist, und geistliche Bildung, die auf das Wirken Gottes vertraut. Dies schlägt sich in einer Ausbildungspraxis nieder, die Freiheit für Gewichtungen und Akzentuierungen lässt und den Vikarinnen und Vikaren ermöglicht, im Verlauf ihrer Ausbildung personenspezifische Schwerpunkte auszubilden.