Vergessene Kinder im Fokus

Projektabschlussbericht

Quelle: Ursula Bank-Mugerauer
Quelle: Ursula Bank-Mugerauer

In Deutschland leben rund drei Million Kinder, die mit einer psychischen Erkrankung bei einem oder beiden Elternteilen konfrontiert sind. Neben den alltäglichen Belastungen und Sorgen haben diese Kinder eine statistisch erhöhte Wahrscheinlichkeit, im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Störung zu entwickeln. Experten und Wissenschaftler verweisen daher seit Jahren auf die Notwendigkeit und Bedeutung präventiver Hilfsmaßnahmen, um diese Kinder in ihren kindlichen Kompetenzen und Bewältigungsstrategien zu stärken und somit das Erkrankungsrisiko nachhaltig zu senken.

In Baden-Württemberg fehlt eine flächendeckende Versorgung mit präventiven Hilfsangeboten, da es in Deutschland bislang keine gesetzliche Grundlage für die regelfinanzierte präventive Unterstützung für Kinder psychisch kranker Eltern und ihrer Familien gibt. Versorgungsanbieter befinden sich dadurch im Spannungsfeld zwischen Jugendhilfe und Gesundheitswesen und die Versorgungslandschaft zeichnet sich aus durch einen Flickenteppich vieler verschiedener und zumeist projektbezogener Hilfsangebote mit zeitlich begrenzten Finanzierungskonzepten.

Projektziele im 3-jährigen Projekt der Evangelischen Landeskirche in Baden waren 1) Implementierung niedrigschwelliger, präventiver Hilfsangebote für betroffene Kinder und deren Familien, 2) Vernetzung und Kooperation der Hilfsstrukturen in den Regionen, insbesondere der Jugendhilfe und Gesundheitsdienste, aber auch mit politischen und finanziellen Entscheidungsträgern, 3) Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung für das Thema, zum Abbau von Stigmatisierung und Vorurteilen und zur Schulung von Multiplikatoren. Zudem war und ist die Landeskirche mit den Entscheidungsträgern im konstruktiven Dialog, um einen weiteren Schritt auf dem Weg hin zu regelfinanzierten präventiven Hilfsangeboten in Baden-Württemberg zu gehen.

Die Vernetzungsarbeit an den Standorten Sinsheim, Mosbach, Lörrach und Konstanz hat Kooperationen mit einer großen Zahl an Akteuren in den Regionen erschlossen. In Zukunft wird es darum gehen, die strukturelle Zusammenarbeit weiterhin zu festigen und nachhaltig zu etablieren. Das dauerhafte Bestehen und die Weiterentwicklung von Netzwerk und interdisziplinärer Kooperation setzen jedoch voraus, dass sie strukturell angelegt und finanziell hinterlegt sind. An dieser Regelungslücke an der Schnittstelle der Hilfesysteme von Jugendhilfe und Gesundheitsversorgungssystem sind in den letzten Jahren viele engagierte Projekte und Initiativen gescheitert. Die landesweite Vernetzung mit Akteuren, die Hilfen für betroffene Kinder bzw. Jugendliche und ihre Familien anbieten, war sehr fruchtbar und bildete den Grundstein zur Gründung einer „Landesarbeitsgemeinschaft für Kinder psychisch erkrankter Eltern in Baden Württemberg“. Die Bündelung der Akteure zu einem Sprachrohr erhöht die Chancen positiver Einflussnahme auf die Landespolitik, die dafür Sorge zu tragen hat, dass die Infrastruktur zur Sicherstellung von präventiven Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern weiterentwickelt wird.

In Zusammenarbeit mit der Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Psychologie, wurde ein Evaluationskonzept erarbeitet. Im Vordergrund steht dabei die Überprüfung der Wirksamkeit der Hilfsangebote, d.h. inwiefern Kinder tatsächlich von den Hilfsangeboten profitiert haben. Erfasst werden dabei das Belastungs- und Funktionsniveau sowie Stärken und Schwächen der Eltern und betroffener Kinder, Lebensqualität der Kinder, Eltern-Kind-Beziehung, Wissensstand der Kinder über die elterliche Erkrankung, früheres und aktuelles psychosoziales Anpassungsniveau der Kinder sowie Fähigkeiten zur Emotionsregulation. Zudem wurden Erfahrungswerte der teilnehmenden Familien und der Projektmitarbeiter mit einbezogen.

Zusammengenommen verdeutlichen die Fragebogendaten des ersten Erhebungszeitpunktes, dass es sich bei den im Rahmen des Projektes erreichten Teilnehmern um Familien mit zum Teil erheblichen psychosozialen Belastungen handelt, die sich nicht nur auf die psychische Erkrankung eines oder beider Elternteile beschränken. Zwei Drittel der Kinder zeigten bereits selbst Auffälligkeiten in der sozial-emotionalen Entwicklung, weshalb vor diesem Hintergrund ein deutlicher Bedarf an Unterstützung in den Familien angenommen werden kann.

Im Zusammenhang mit der Teilnahme an den verschiedenen Unterstützungsangeboten konnten die Kinder dahingehend deutlich profitieren, dass sie ihr Wissen über psychische Erkrankungen und mögliche Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten deutlich erweitern konnten. In internationalen Studien zu präventiven Angeboten für Kinder psychisch kranker Eltern konnte ein verbessertes Verständnis für die Erkrankung der Eltern mit positiven Effekten bei den Kindern in Zusammenhang gebracht werden. Eine alters- und entwicklungsangemessene Aufklärung der Kinder ist deshalb zentraler Bestandteil vieler Angebote für die Zielgruppe und kann entlastend auf die Kinder wirken, indem Vorurteile und Schuldgefühle im Zusammenhang mit der elterlichen Erkrankung angesprochen und reduziert werden können.

Die Angebote im Rahmen des Projektes wurden sowohl von den Kindern, als auch von den Eltern und Projektleitern sehr gut angenommen und als positiv und hilfreich bewertet. Vor dem Hintergrund, dass es sich bei Familien mit psychisch erkrankten Eltern um eine Zielgruppe handelt, die oft schwer erreichbar ist für präventive Hilfen, stellt diese hohe Akzeptanz eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg entsprechender Angebote dar.

Symposium "Vergessene Kinder im Fokus"

Quelle: Ursula Bank-Mugerauer

Symposium zum Thema Kinder psychisch kranker Eltern

Die Evangelische Landeskirche Baden hat am 5. Februar 2015 von 10:00 - 16:00 Uhr in den Vortragssaal der Paul-Gerhardt Kirche in Karlsruhe eingeladen.
Das Symposium beleuchtete die Risiken und Belastungen für Kinder psychisch kranker Eltern und suchte nach Wegen geregelter Hilfen für die Kinder und ihre Familien. Es fand statt im Rahmen des Landeskirchlichen Projektes "Vergessene Kinder im Fokus".
Die Moderation übernahm Frau Angelika Schmidt-Biesalski, Journalistin für Hörfunk und Fernsehen.
Hier finden sie das Programm als Download:
  
 
 
 
 
Vorträge des Symposiums als Download:
 

 
 
 
Zeitungsartikel:

Artikel auf Seite 21, 6.2.2015
 
Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH,
Hamburg.
 

Projekt der Evangelischen Landeskirche in Baden, v.a. gefördert durch „Aktion Mensch“, das Diakonische Werk Baden und die Paul Lechler Stiftung,
Laufzeit 3/2012 – 2/2015

Zielgruppe des Projektes sind Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre von psychisch kranken Eltern sowie ihre Familien in den 4 ausgewählten Modellregionen Badens: Mosbach, Sinsheim, Lörrach, Konstanz.
Durch die verschiedenen Projektaktivitäten werden betroffene Familien nachhaltig unterstützt, so dass Kinder und Jugendliche von Überforderung und großer seelischer Not entlastet werden – als Beitrag zur Prävention psychischer Erkrankung dieser Kinder und Jugendlichen.

Das Gesamtprojekt zielt auf die Verstetigung von Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern als Regelangebote. Mit der Projektevaluation sollen gesundheits-, familien- und sozialpolitische Verantwortungsträger sowie Krankenkassen in Baden-Württemberg für die Beteiligung an einer Regelfinanzierung gewonnen werden.


Wenn in einer Familie ein Elternteil dauerhaft psychisch belastet oder psychisch krank ist, brauchen Eltern Hilfe. Aber auch die Kinder benötigen besondere Aufmerksamkeit. Denn sie merken, wenn etwas mit ihren Eltern nicht stimmt und machen sich große Sorgen um sie als die wichtigsten Menschen in ihrem Leben.
Kinder verstehen nicht was los ist, z.B.
• wenn die Mutter Tag für Tag niedergeschlagen und müde ist, als hätte sie keine Kraft und zu nichts mehr Lust, ja sogar ihre Alltagsaufgaben kaum bewältigt (Depression);
• wenn der Vater sich ständig wechselnd mal übertrieben lebenslustig zeigt, mal extrem hoffnungslos (bipolare Störung);
• wenn ein Vater eine unerklärlich heftige Angst vor ganz gewöhnlichen Dingen und Situationen spürt (Angststörung);
• wenn Mutter oder Vater ab und zu verwirrt ist, sie bzw. er Dinge hört und sieht, die in Wirklichkeit nicht existieren; sich z.B. ständig beobachtet oder von allen schlecht behandelt fühlt, obwohl nichts Besonderes vorgefallen ist (Psychose; Schizophrenie).
Erkrankte Eltern verhalten sich oft merkwürdig und auch unberechenbar.
Viele Kinder können mit niemandem über ihre Situation zuhause sprechen. Oft glauben sie schuld zu sein an den Problemen und versuchen alles besonders gut und richtig zu machen. Es wird dadurch aber nicht besser.
Am schlimmsten ist es für Kinder, wenn sie sich für ihre Eltern schämen. Dann tun Kinder alles dafür, dass die Familie nach außen nicht auffällt. Sie laden keine Freunde mehr zu sich nach Hause ein, sie übernehmen Aufgaben und Verantwortung der Erwachsenen, die viel zu groß für sie sind. Ihre eigenen Wünsche stellen sie völlig zurück und verbergen vor anderen und sich selbst, wie es ihnen geht.
Sie sind wie vergessen, niemand schaut nach ihnen. Ohne Begleitung besteht ein hohes Risiko, dass sie selbst erkranken.

An den vier Projektstandorten in Baden – Sinsheim, Mosbach, Konstanz und Lörrach – werden durch unterschiedliche Aktivitäten im Zusammenwirken der Psychologischen Beratungsstelle und des Sozialpsychiatrischen Dienstes Kinder und Eltern unterstützt:
• Familien können ihre Sorgen besprechen. Sie werden angeleitet, miteinander darüber zu reden, was eigentlich los ist, und was die Belastungen und die Krankheit für jedes Familienmitglied bedeuten. Sie finden Wege, um besser damit zu leben.
• Kinder bekommen Kontakt zu anderen Kindern in einer ähnlichen Situation. In einem durch Fachkräfte geschützten Rahmen können Sie sich öffnen, ihre Gefühle ausdrücken und mehr erfahren über die elterliche Erkrankung, an der wie bei jeder Krankheit niemand Schuld hat. Sie können regelmäßig an Freizeitangeboten teilnehmen und unbeschwerte Zeit erleben.
• Eltern lernen zu sehen, was sie gut machen und wobei sie Unterstützung brauchen. Sie tauschen sich mit Eltern in ähnlicher Lebenslage aus und schauen auf die Bedürfnisse ihrer Kinder. Sie akzeptieren und fördern den Kontakt ihrer Kinder zu Vertrauenspersonen außerhalb der Familie, z.B. zu Patenfamilien.

Präsentation des Projektes:
(download siehe unten)

Quelle: Projektleitung VKIF EOK

Projekt "Was ich im Herzen trage"

"Was ich im Herzen trage"
Mit dem Projekt "Was ich im Herzen trage" reagiert die Evangelische Landeskirche auf den demografischen Wandel und neue Bedürfnisse. Vorerst drei Jahre lang fördert sie die Beratung von Menschen über 65 Jahren und ihren Angehörigen, indem sie  ausgewählte Beratungsstellen finanziell unterstützt. Bedarf hat es genug. Krisen und Konflikte gibt es auch im Alter. Die Rollen ändern sich, wenn Eltern alt werden und Kinder für sie Verantwortung übernehmen müssen. Auch der Tod des Partners oder eine Demenz bringen vieles ins Wanken. Qualifizierte Beratungen können dazu beitragen, wieder festen Boden unter den Füße zu spüren.
In Freiburg im Breisgau und in Lörrach wird das Angebot bereits rege wahr genommen.
Projektbeschreibung

Projektleitung

Quelle: M. Gloge
S. Mack, U. Bank-Mugerauer, M. Schöniger

Projektgruppe

Quelle: M. Gloge
M. Fischer, C. Mohler, J. Diebold, V. Michalski, S. Mack, U. Bank-Mugerauer, M. Schöniger, E. Wuchner, C. Ehnes
 
AKTUELL: Veranstaltung

Am 30.7.2015 hat sich die Landesarbeitsgemein-schaft (LAG) für Kinder psychisch erkrankter Eltern in Baden-Württemberg gegründet. Sie bündelt Hilfen für Betroffene und vertritt deren Interessen auf Landesebene. Ziel ist es, Angebote und Hilfen abzusichern. Außerdem sollen Strukturen geschaffen werden, Präventionsangebote möglichst flächendeckend anbieten zu können.
 

AKTUELL: Politische Weiterarbeit

Sozialministerium ist im Gespräch mit Verantwortungsträgern der Kinder- und Jugendhilfe und des Gesundheitswesens zur Verbesserung der Versorgungslage von Kindern psychisch kranker Eltern in Baden-Württemberg.

Zwischenbericht zur Halbzeit
Quelle: istockphoto.com, MariaBobrova

ZWISCHENBERICHT
Die Projektleitung legt den 1. Zwischenbericht zur Halbzeit der Projekt-laufzeit vor. Lesen Sie mehr zur Situation von Kindern psychisch kranker Eltern, zu den konkreten Projektaktivitäten und zur Evaluation mit ersten Ergebnissen.