Im Zeugendienst für Christus

Gottesdienst zur Gebetswoche für die Einheit der Christen in der katholischen St. Jodokus-Kirche Immenstaad aus Anlass der 600-Jahr-Feier der Pfarrgem

Predigt zu Lk 24,6a.48 von Landesbischof Dr. U. Fischer


Liebe Gemeinde, die Erzählung der Jünger von Emmaus ist uns allen vertraut. Nicht so bekannt dürfte der Zusammenhang sein, in dem sie steht. Denn die Emmauserzählung hat eine bedeutsame Vorgeschichte und ein noch viel wichtigeres Nachspiel.
Zunächst die Vorgeschichte: Frau kommen am Ostermorgen zum Grab Jesu. Unter ihnen auch Maria Magdalena. Sie finden das Grab geöffnet und zwei Männer in leuchtenden Gewändern verkündigen ihnen:

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“

Dieses sagen die Frauen sofort den Aposteln weiter. So werden sie zu den ersten Zeuginnen des Auferstandenen.
Und dann das Nachspiel. Nachdem die beiden Emmausjünger den Elfen und den anderen in Jerusalem alles erzählt hatten, was sie unterwegs erlebt und wie sie Jesus am Brotbrechen erkannt hatten, erscheint ihnen allen der Auferstandene und gibt ihnen den Auftrag: „Ihr seid dafür Zeugen.“ Und für diesen Zeugendienst verheißt er ihnen den Heiligen Geist als Zurüstung zum missionarischen Zeugendienst.
Am Anfang der Kirche also steht die persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen bzw. mit der Botschaft von seiner Auferstehung. Alle, die mit dem auferstanden Christus zusammentreffen, werden aufgefordert, Zeugnis von seinem österlichen Sieg über den Tod abzulegen. Wir können uns vorstellen, dass Maria Magdalena, Petrus oder die beiden Jünger von Emmaus dies nicht auf gleiche Weise getan haben. Und doch dürfte der Sieg Jesu über den Tod bei allen den Kern ihres Zeugnisses gebildet haben. Das persönliche Zusammentreffen mit dem Auferstandenen hat ihr Leben verändert. Hat sie zu Missionarinnen, zu Zeugen des Glaubens gemacht. Und so erklingt ihr Zeugnis vielstimmig – aber eben nicht disharmonisch. „Er ist auferstanden – und wir sind Zeugen dessen!“ Diese Gewissheit verbindet von Anfang an alle, die in der Kirche Jesu Christi missionarisch wirken.

Ein Weg aus der Trauer zur Freude

Nach diesem Blick auf die Vorgeschichte und das Nachspiel schauen wir uns die Emmauserzählung selber etwas genauer an. Sie gibt uns wichtige Hinweise dafür, worauf es beim Zeugendienst für den Auferstandenen ankommt. Zunächst stellen wir fest: Der Emmaus-Weg der Jünger ist ein Weg aus der Trauer zur Freude. Genau darin sind uns die Emmausjünger ganz nahe: Da sind wir unterwegs - in unseren Gemeinden, in unseren Familien und Freundeskreisen - und lassen uns niederdrücken von Enttäuschungen. Sagen - wie die Jünger - „wir hofften, aber dann ist alles anders gekommen“. So gehen wir dahin wir mit unseren enttäuschten Hoffnungen - wie Totengräber unserer begrabenen Hoffnungen. Dann kommen wir zusammen. Tauschen kluge Gedanken aus. Aber alle Gespräche umsonst. Was uns bedrückt, bleibt bedrückend. Wir erkennen nichts - wie die Jünger. Dann kommt es darauf an, dass wir nicht alleine bleiben mit unseren enttäuschten Hoffnungen. Das steht am Anfang allen Zeugendienstes, dass wir offen sind für die Einmischung Jesu, für die Wegbegleitung Christi, für den ungefragten und unerhörten Gott, der sich in unserem Leben zu Wort melden will.
Dann wird es Abend. Müde sind wir von den Wegen, die wir gehen mussten. Und wir bitten: „Herr, bleibe bei uns.“ Wir öffnen unser Haus dem Gast. Indem wir aufhören, uns dem Fremden zu verschließen, werden wir offen für neue Perspektiven des Lebens. Und dann essen wir miteinander. Teilen das Brot, den Wein, das Mahl. Der Schmerz löst sich. Fragen beginnen sich zu klären. Unser Herz wird frei. Was Worte nicht bewirken konnten, das klärt sich beim gemeinsamen Essen. Hier begegnet uns der, der selbst das Leben ist. Er lässt uns seine Gegenwart spüren und schmecken. So wie uns das Stück Brot, der Schluck Wein zufällt, so fällt uns in der Weggemeinschaft mit Jesus Christus jene Klarheit zu, die wir brauchen, um als seine Zeuginnen und Zeugen wirken zu können.

Und dann „entschwindet er von unseren Augen“. Seine Gegenwart lässt sich nicht festhalten. Wie er gekommen ist, so entschwindet er. Im Verschwinden wird seine Nähe erfahren. Wir können sie nicht konservieren. Wir müssen sie immer neu erfahren. Aber diese Erfahrung seiner Nähe reicht, um uns in Bewegung zu setzen. Wir machen uns auf den Weg. Verändert. Froh. Weil wir seine Gegenwart gefühlt, geschmeckt haben. Weil wir mit ihm Tischgemeinschaft hatten. Weil er das Brot mit uns teilte und in diesem Brot sich selbst uns mitteilte. Wir machen uns auf und sagen es weiter: Der Herr ist auferstanden!
So wird Ostern Wirklichkeit auf unseren Emmaus-Wegen. Was als mühsamer Kreuzweg beginnt, kann als österlicher Weg enden. Wenn wir uns mit ihm auf den Weg machen, mit dem Gekreuzigten und Auferstanden. Wenn wir in unserem Stimmengewirr auf ihn hören. Wenn wir ihn bitten „Herr, bleibe bei uns!“. Wenn wir ihm begegnen in Brot und Wein. Das Geheimnis unserer Weggemeinschaft mit Christus ist dieses Geheimnis der gespürten und geschmeckten und doch nicht zu konservierenden Gegenwart des Auferstandenen. Aus diesem Geheimnis schöpfen wir die Kraft zum Zeugnis für ihn.

Darauf also kommt es an in unserem österlichen Zeugendienst: Offen sein für ihn, der uns das Leben und die Auferstehung geschenkt hat. Darauf kommt es an: Das, was wir mit dem Auferstandenen erlebt haben, auch mit anderen teilen.
Darauf kommt es an in unserem österlichen Zeugendienst: Christus als den bekennen, der uns aus den Kreuzwegen unseres Lebens herausführt zur Freude. Und darauf kommt es an: Gastfreundschaft praktizieren, denn erst bei der Gemeinschaft am Tisch gewinnen wir letzte Klarheit.

Überwinden, was das ökumenische Zusammenleben erschwert

Was dies nun konkret für den Zeugendienst in unseren Kirchen bedeutet, will ich verdeutlichen, indem ich einen Blick zurück werfe auf den 2. Ökumenischen Kirchentag, den wir in der vergangenen Woche in München gefeiert haben. Vor 100 Jahren wurde bei der Weltmissionskonferenz in Edinburgh für die ökumenische Bewegung ein wichtiger Anfang gemacht. Man spürte, dass das missionarische Zeugnis der Kirche unglaubwürdig wird, wenn die Kirchen auf den Missionsfeldern der Erde miteinander konkurrieren. Genauso erwartet heute unser Land, das längst zum Missionsfeld geworden ist, ein glaubwürdiges gemeinsames Zeugnis der Kirchen. Und so war es gut, dass Erzbischof Zollitsch und ich in einem Gottesdienst unter dem Titel „Gemeinsam unter einem Dach“ versucht haben, Zeugnis abzulegen von unserer ökumenischen Zusammenarbeit in Baden, die von besonderer Wertschätzung und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. Ein Zeugnis war auch der gemeinsame Stand der Erzdiözese Freiburg und der Evangelischen Landeskirche in Baden auf der Agora, dem Markt der Möglichkeiten. Hier hatte ich Gelegenheit, in einem lebhaften Interview mit dem Ökumenebeauftragten der Erzdiözese, Dr. Birkhofer, das uns im Glauben Verbindende gemeinsam zu bezeugen. Ja, wir konnten uns in München freuen an vielen Versuchen eines gemeinsamen Glaubenszeugnisses. Aber dennoch wurde es mir in München oft nicht recht ökumenisch warm ums Herz. Und das lag nicht nur an den niedrigen Temperaturen, die uns frösteln ließen. Ich habe doch in München manche missionarische ökumenische Leidenschaft vermisst.

Und dabei sind die Herausforderungen so klar. Wieder einmal war es Kardinal Lehmann, der diese Herausforderungen formulierte. Er sieht drei Brennpunkte ökumenischer Verständigung: die fehlende Anerkennung gemeinsamer Gottesdienste, konfessionsverschiedener Ehen und des Abendmahls, der Eucharistie. Und dann fährt er fort: „Die Tragik der Kirchenspaltung erweist gerade im Persönlichsten, wie es Ehe und Familie darstellen, ihre stärkste Macht… Hier erleben Menschen die Jahrhunderte lange Entfremdung furchtbarer als im öffentlichen Verhältnis der Konfessionen selbst.“ Ja, genau darum geht es auch uns in unserem ökumenischen Miteinander hier in Baden: Um all jener willen, die in ihrer Ehe- und Familiengemeinschaft auf jeweils ihre Art und Weise Kirchengemeinschaft vollziehen, um der Ehen und Familien willen muss es Ziel unseres gemeinsamen Glaubenszeugnisses sein, alles zu überwinden, was das ökumenische Zusammenleben in Ehe und Familie, und dann auch in Gemeinden erschwert. Schon um der Menschen willen müssen wir theologische Übereinstimmung suchen. Dabei geht es gar nicht darum, alle Verschiedenheiten aufzuheben. Auch Maria Magdalena, Petrus und die Emmausjünger haben einen vielstimmigen Chor gebildet. Eine Einheitskirche würde gerade den Reichtum der kirchlichen Traditionen verachten. Wir müssen aber jene Verschiedenheiten überwinden, die kirchliche Gemeinschaft verhindern. Wir müssen nicht in allen Punkten übereinstimmen, aber wir müssen leidenschaftlich fragen: Hat das, was uns theologisch an der anderen Kirche nicht einleuchtet, wirklich kirchentrennende Qualität? Sich diese Frage zu stellen, heißt, auf der Spur des Auferstandenen zu Osterzeugen zu werden.

Im Zeugendienst für Christus

Aber noch weiter muss unser gemeinsames Zeugnis reichen, wenn es denn österliches Zeugnis vom Auferstandenen sein soll. Als Jesus zum Himmel fuhr und seinen Jüngern den Heiligen Geist zusagte, hat er sie aufgefordert, ihre Blickrichtung zu verändern: „Was steht ihr da und schaut in den Himmel?“ Als Christi Zeuginnen und Zeugen sind wir in ökumenischer Geschwisterschaft aufgerufen, nicht starr in den Himmel zu schauen, sondern hinzuschauen auf jene, denen in unseren Gemeinden und in unserer Gesellschaft der Blick auf den Himmel versperrt ist, weil sie Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Kirche plagen. Als seine Zeuginnen und Zeugen sollen wir hinschauen auf jene, denen der Himmel verschlossen ist durch Leid und Unglück, mag dies nun eine tiefe Verletzung oder Krankheit sein oder das Leiden an unmenschlichen Zuständen in dieser Welt. Im Zeugendienst für Christus sollen wir hinschauen auf jene, die sich abgewandt haben vom Glauben, weil ihnen das Leben zur Hölle geworden ist. Und indem wir diese Menschen in den Blick bekommen, können und sollen wir österliche Himmelszeuginnen und -zeugen werden.

Unser Zeugendienst gründet darin, dass der Auferstandene in unser Leben eingetreten ist. Das ist die Vorgeschichte. Und das Nachspiel ist noch lange nicht zu Ende. Er hat uns verheißen: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird, und werdet meine Zeugen sein bis an die Grenzen der Erde.“ Der Auferstandene lässt uns in unserem Zeugendienst nicht allein. In der Kraft seines heiligen Geistes können wir eintreten für ihn in dieser Welt, damit diese Welt Hoffnung hat. Amen.