Heilung an Leib und Seele

Gottesdienst zur Eröffnung der Tagung der Landessynode am 18. Oktober 2009

Predigt über Mk 2,1-12 von Landesbischof Dr. U. Fischer

 

Liebe Synodalgemeinde,
wir begehen heute im Anschluss an diesen Gottesdienst das 30jährige Jubiläum der Arbeitsrechtlichen Kommission unserer Landeskirche und damit des Dritten Wegs im Arbeitsrecht unserer Kirche - ein sehr irdisches Ereignis, welches das geistliche Geschehen des Gottesdienstes heute an einen anderen Ort und auf eine andere Zeit versetzt. Aber können wir wirklich das irdische Geschehen in einer Kirche so trennen von ihren geistlichen Vollzügen? Haben das irdische Arbeitsrecht und der geistliche Auftrag der Kirche nicht viel mehr miteinander zu tun? Besteht die mühsam errungene Freiheit der Kirche nicht gerade darin, dass sie einerseits die geistliche Freiheit in der Verkündigung des Evangeliums lebt, andrerseits aber gerade auch in der Gestaltung ihres Arbeitsrechts, also in einer höchst irdischen Angelegenheit, die Freiheit bewahrt? Und hat uns nicht die Theologische Erklärung von Barmen gelehrt, dass die Botschaft und die Ordnung einer Kirche stets aufeinander bezogen sein müssen, also Geistliches und Irdisches nicht voneinander getrennt werden dürfen? Steht also der nun gefeierte Gottesdienst doch in einem inneren Zusammenhang zum nachfolgenden Jubiläum?

Mit diesen Fragen im Kopf nähern wir uns dem Predigttext zum heutigen Sonntag aus dem 2. Kapitel des Markus-Evangeliums, der in einer ganz eigenen Weise diesen Zusammenhang zwischen Geistlichem und Irdischen thematisiert. Hören wir:
„Nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vier Männern getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden - sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.“

"Er, in dem Menschen den Sohn Gottes erkannten, dieser Jesus heilt in seiner einzigartigen Vollmacht einen Menschen - ganz, an Leib und Seele. Er bleibt nicht stehen beim äußerlich sichtbaren, irdischen Defekt des Gelähmten. Er sieht tiefer."

Liebe Synodalgemeinde, das ist keine Heilungsgeschichte, wie wir sie sonst zahlreich in den Evangelien finden. Nein, anders als bei allen anderen Heilungsgeschichten geht es bei dieser um das Ineinander von körperlicher und geistlicher Heilung, um das Miteinander des Heilwerdens an Leib und Seele, um Krankheit und Sünde, um Heilung und Vergebung, um Irdisches und Geistliches. Diese Geschichte erzählt die Begegnung eines Menschen mit der umfassend heil machenden Gegenwart Gottes in Jesus Christus. Was sich in der Sündenvergebung ereignet, wird sichtbar in einer körperlichen Heilung. Und umgekehrt: Wo zunächst ausschließlich körperliche Heilung erwartet wurde, geschieht mehr, geschieht Tieferes, nämlich ein heil machender Zuspruch der Sündenvergebung. Die Botschaft dieser ganz besonderen Heilungsgeschichte ist klar. Jesus handelt hier in einzigartiger Vollmacht. Er handelt an der Stelle Gottes, denn „wer darf Sünden vergeben als Gott allein?“ Ganz recht: Er, in dem Menschen den Sohn Gottes erkannten, dieser Jesus heilt in seiner einzigartigen Vollmacht einen Menschen - ganz, an Leib und Seele. Er bleibt nicht stehen beim äußerlich sichtbaren, irdischen Defekt des Gelähmten. Er sieht tiefer. Er sieht hinein in die Seele dieses Menschen und er erkennt sein Angewiesensein auf die Gnade Gottes. Deshalb spricht er ihn zärtlich an: „Mein Sohn“. Jesus geht es nicht um die Wiederherstellung eines kranken Körpers. Nein, mit der Heilung des Gelähmten setzt er ein Zeichen einer viel tiefer gehenden Heilung.

Vom Glauben anderer getragen

Das ist keine normale Heilungsgeschichte. Hier wird ein Mensch nicht nur befreit von einer körperlichen Lähmung. Er wird zugleich befreit von der Fesselung an sich selbst. Er wird befreit von der Lähmung seiner Seele. Das hatten sich jene vier Männer, die ihren gelähmten Freund zu Jesus brachten, wohl anderes vorgestellt. Zielstrebig und hartnäckig, ja geradezu dreist und frech gehen sie vor: Hausfriedensbruch ist das, wenn man durchs Dach in ein Haus einsteigt. Beschädigung fremden Eigentums gar. Unbeirrbar „schaufeln“ sie sich den Weg zu Jesus frei, indem sie das Flachdach des Hauses aufgraben und den Gelähmten auf einer Liege herunterlassen - Jesus genau vor die Füße. Die Beharrlichkeit dieser vier Männer ist beachtlich, für Jesus ist sie Zeichen eines unerschütterlichen Glaubens. Der Gelähmte ist also in dieser Geschichte ein vom Glauben anderer Getragener. Er ist getragen vom Glauben jener, deren Glaube auch Tun bedeutet, Schweiß und Schwielen. Er ist getragen vom stellvertretenden Glauben jener, die sich noch bewegen können, während er bewegungslos auf seiner Liege liegt. Seine körperliche Heilung erhofften sich die vier Männer von Jesus - mehr nicht. Und dann dieses: Heilung an Leib und Seele.

"Jesus hat hinter den Symptomen der körperlichen Erkrankung die grundlegenden Störungen im Leben des Gelähmten entdeckt und bearbeitet."

Wie ungeheuer modern ist das, was mit dieser außerordentlichen Heilungsgeschichte ausgesagt wird. Natürlich soll durch diese Geschichte nicht das Missverständnis befördert werden, dass jede menschliche Krankheit Folge einer konkreten Sünde sei. Solch ein Zusammenhang, der den Kranken dann noch die Last eines schlechten Gewissens zusätzlich auflädt, hat die Bibel selbst seit der Abfassung des Buches Hiob grundsätzlich aufgehoben. Aber dass körperliche Leiden auffallend häufig in einem tiefen Zusammenhang zu sonstigen Störungen des Lebens stehen, das lässt sich nicht bestreiten. Und die psychosomatische Medizin weiß inzwischen sehr viel über das Zusammenspiel zwischen seelischem und körperlichem Wohlbefinden, bzw. seelischer Belastung und körperlicher Krankheit. Zugespitzt könnte man gerade zu sagen: In mancher Krankheit verdichtet sich das Miteinander eines geistlichen, seelischen mit einem irdischen, körperlichen Schaden. Heilung eines Menschen auf die Beseitigung körperlicher Störungen zu reduzieren, bedeutet jedenfalls eine gefährliche Verkürzung. Viele körperliche Leiden sind Zeichen einer tiefgehenden Störung des Lebens. Oft weisen Krankheiten uns darauf hin, dass in unserem Leben Dinge in Unordnung geraten sind. Und viele Konflikte, die wir mit uns herumschleppen und die wir nicht bewältigen, finden in körperlichen Beschwerden ihren Ausdruck. Körperliche Heilung ist oft nicht mehr und nicht weniger als Zeichen einer tiefer gehenden Heilung. Jesus hat hinter den Symptomen der körperlichen Erkrankung die grundlegenden Störungen im Leben des Gelähmten entdeckt und bearbeitet. Und diese grundlegenden Störungen nennt er „Sünde“. Deshalb antwortet Jesus auf die gläubige Bitte um körperliche Heilung mit dem heilenden Angebot der Sündenvergebung.

Innere Zusammenhänge von Körper und Seele

An dieser Stelle wage ich einen Bezug zum heutigen Jubiläum: Den Zusammenhang zwischen körperlichem Leiden und seelischer Belastung kennen auch Mitarbeitende der Kirche. Und oft sind diese Mitarbeitenden darauf angewiesen, dass sich andere ihres Ergehens annehmen – wie die Freunde des Gelähmten, dass andere stellvertretend für sie den Weg frei schaufeln, bis Lösungen komplexer Problemlagen gefunden werden. Wenn wir uns in der Kirche in unserer Arbeit blockieren, wenn wir Belastungen am Arbeitsplatz durch ungute Verhaltensweisen verstärken, dann kann dies krank machen. Krankmachende Arbeitsbedingungen zu identifizieren und zu verändern, das ist unsere gemeinsame Aufgabe als Dienstgeber wie als Dienstnehmerinnen und –nehmer der Kirche. Wir werden diese Aufgabe nur erfüllen können, wenn wir vertrauensvoll und partnerschaftlich zwischen Leitungsorganen und kirchlicher Mitarbeiterschaft zusammenarbeiten. Wir brauchen zur Erfüllung unseres kirchlichen Auftrags die Freiheit von jeglicher Fremdbestimmung, auch von jeder gewerkschaftlichen Fremdbestimmung. Wir brauchen zur Erfüllung unseres Auftrags als Kirche ein Bewusstsein unserer Mitarbeiterschaft, wirklich dazu zu gehören zur Gemeinschaft der Getauften. Und wir brauchen eine durch nichts beeinträchtigte „Loyalität“ zum Herrn unserer Kirche, zu Jesus Christus. Als Gemeinschaft der Glaubenden gestalten wir Kirche geistlich und rechtlich in unaufgebbarer Einheit - ganz himmlisch und zugleich ganz irdisch. Zeugnis und Dienst, Botschaft und Ordnung einer Kirche sind nicht voneinander zu trennen. Was uns irdisch blockiert, wird uns auch geistlich nicht zur Entfaltung kommen lassen. Umgekehrt: was uns geistlich frei macht, kann auch irdische Blockaden lösen.

Eine Kirche, die versucht, in der Nachfolge Jesu zu leben, nimmt die in der Heilungsgeschichte aufgezeigte Spur auf. Wissend um innere Zusammenhänge von Körper und Seele, von Krankheit und Sünde, von Heilung und Vergebung spricht diese Kirche Menschen Gottes Vergebung zu. Gleich werden wir das Abendmahl miteinander feiern. Zuvor werden wir Gott unsere Sünden bekennen. Und wir werden Gott bitten, wieder zurecht zu bringen, was in unserem Leben in Unordnung geraten ist. Und ich werde in der Vollmacht, die Jesus Christus seiner Kirche gegeben hat, Ihnen die Vergebung der Sünden zusprechen. Und solche Vergebung, sie bleibt nichts Innerliches. Nichts, was nur die Seele entlastet und das Herz frei macht. Das Unsichtbare will ans Licht. Die zugesagte Vergebung der Sünden, die Heilung der Seele will körperlichen Ausdruck finden, indem wir einander in einer neuen Haltung begegnen - als geheilte Menschen, als Menschen, denen Gottes Heil auf den Kopf zugesagt und in die Seele hinein gelegt wurde, damit das ganze Leben heil wird. Amen.