Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Mt 21,1ff / EG 9,1-5 Nun jauchzet, all ihr Frommen
Liebe Gemeinde,
wohl keine biblische Geschichte prägt unser Adventsfeiern so sehr wie jene Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem. In unseren Adventsliedern nehmen wir diese Geschichte auf:
„Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt.
Sei willkommen, o mein Heil! Dir Hosianna, o mein Teil!
Er kommt zu uns geritten auf einem Eselein.
Tochter Zion, freue dich, siehe, dein König kommt zu dir, ja er kommt, der Friedefürst.
Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk.“
Und wer erinnert sich nicht an bildliche Darstellungen vom Einzug Jesu in Jerusalem in zahllosen Kirchen! Kaum eine biblische Geschichte hat so sehr die Phantasie von Dichtern und Künstlern angeregt. Kaum eine biblische Geschichte hat so sehr unsere adventliche Phantasie beflügelt.
Königlich?
In der Tat ist das eine höchst merkwürdige Geschichte. Ja, eigentlich wird hier der merkwürdigste Königseinzug der Menschheitsgeschichte geschildert. Wenn die Großen der Weltgeschichte in eine Hauptstadt einziehen, dann steht der 600er Mercedes bereit, eskortiert von einer ganzen Flotte gepanzerter Limousinen. Das Protokoll duldet keine Zufälle. Solche Einzüge sind wie Schauspiele von Glanz und Macht. Aber hier beim Einzug Jesu in Jerusalem, da entdecken wir nichts, was uns auf den ersten Blick begeistern könnte: Ein Mann, der auf einer Eselin daher reitet. Daneben das Eselsjunge – voller Flaum auf seinem jungen Fell. Darauf Kleider als Reitdecke. Andere Menschen, die Kleider ausbreiten und Zweige auf den Weg streuen, damit die Eselin und das Junge mit ihren staubigen Beinen darüber laufen können. Und dann das singende Volk, das in lauten Jubel ausbricht: Das ist ein Jubel der Sehnsucht. Es ist der Jubel, der aus einem sehnsüchtigen Herzen dringt: Da kommt der, den Gott versprochen hat und von dem viel erwartet wird: der Messias, der Ersehnte, der Retter, der Gerechte und der Helfer, der verheißene Friedenskönig!
Ein demütiger Mann auf einem armseligen Tier - ein König? Die dabeistehenden römischen Soldaten werden sich gewundert haben. Sie sehen nichts weiter als einen galiläischen Rabbi auf einem Esel stadteinwärts unterwegs. Diejenigen aber, die in der alten prophetischen Hoffnungstradition des jüdischen Volkes groß geworden sind, die begreifen: Hier geschieht, was der Prophet Sacharja vom Messias angesagt hat: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, sanftmütig und reitend auf einem Esel.“ Ihm gebührt ein königlicher Empfang mit Palmenzweigen und Jubelgesang. Und jeder Mensch jüdischen Glaubens wusste bei den Worten „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“, was das bedeutete. Wurde doch seit Jahrhunderten der 118. Psalm gesungen, wenn Menschen zum Tempel von Jerusalem hinaufpilgerten. Mit dem Huldigungsruf „Hosianna! Hilf doch! Rette doch!“ klopften die Pilger an die Tempeltür. Und aus dem Inneren des Tempels wurde ihnen dann zugerufen „Gelobt sei, der da kommt!“ Dieser alte Psalmruf nun wurde in den Straßen Jerusalems beim Einzug Jesu aufgenommen und zu einem Jubelruf auf den einziehenden König umgeformt. „Hosianna dem Sohne Davids! Hilf doch! Rette doch!“ Welch ein Jubel, welch eine Sehnsucht spricht aus solchen Worten!´
Friedenskönig
Die dem einziehenden Jesus zujubelten, die hatten verstanden, und doch hatten sie diesen Friedensfürst gänzlich missverstanden. Ihr Jubel war ein trügerischer Jubel. „Hosianna dem Sohn Davids. Hosianna in der Höhe“. Die so jubelten, werden ein paar Tage später schreien „Kreuzige-Kreuzige!“ Und aus dem „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn“ wird das schrille: „Nicht diesen, nicht diesen, sondern Barabbas.“ Ihr Jubel war nicht von langer Dauer, denn sie erwarteten einen, der ihnen die Freiheit von römischen Besatzern bringen sollte, die Reinigung der Heiligen Stadt von den gehassten Ungläubigen. Aber hier reitet kein Anführer eines Aufstandes ein, sondern der Fürst des Friedens, der König absoluter Gewaltlosigkeit. Der König, der da in Jerusalem einzieht, ist ein ganz anderer König als alle, die man sonst kennt. Keine Soldaten und Minister um ihn herum, sondern einfache Leute. Kein roter Teppich, sondern verschwitzte Kleider. Kein Schlachtross, sondern ein Arbeitstier. Ein „Bettelkönig", hat Martin Luther einmal gesagt. Einer, der Macht und Prunk der Herren in aller Welt lächerlich macht. Einer, der mit seinem Einzug auf dem staubigen Rücken eines Esels allen spottet, die die Armen der Welt in den Staub treten wollen. Mit einem Esel führte man in der damaligen Zeit keine Kriege, dazu nahm man Pferde. Jesus aber wirkt Frieden ohne Waffen und Gewalt. Er wirkt Frieden mit seinem ganzen Leben. Er macht Kranke gesund und widmet sich Kindern. Er zieht mit ehemaligen Fischern durch das Land und setzt sich mit fragwürdigem Gesindel an einen Tisch. Er weckt mit seinen bunten Geschichten in den Menschen die Sehnsucht nach Gottes Heil. Und er sagt: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen." So verändert er die Herzen der Menschen – als der Bergprediger, der Frieden und Sanftmut zum Maße unseres Lebens machen will. So schafft er Frieden als der, der bereit ist, für uns Menschen den Weg ans Kreuz zu gehen. Deshalb reitet er in Jerusalem auf einem Esel ein. Als dieser eigenartige und merkwürdige König kommt Jesus in unsere Friedlosigkeit, um Frieden zu wirken. Das macht den Zauber des Advents aus.
„In diesem Jubelruf bündelt sich alle adventliche Sehnsucht, alles Wünschen nach Veränderung der Welt hin zum Frieden.“
„Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ Mit diesen Worten begrüßen wir am ersten Adventssonntag Jesus als unseren König des Friedens. Wir tun es mit diesen Worten aus dem Gebetbuch des Psalters. Dieser Bitt- und Huldigungsruf, der einst allen Gläubigen auf dem Weg zum Tempel galt, dieser Gruß erhält im adventlichen Jubel einen neuen Klang, indem er Jesus zugerufen wird, dem Friedenskönig, dem Sohn Davids. In diesem Jubelruf bündelt sich alle adventliche Sehnsucht, alles Wünschen nach Veränderung der Welt hin zum Frieden. Wenn wir miteinander Abendmahl feiern, singen wir in der Liturgie: „Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe!" Ja, bei jeder Feier des Abendmahls klingt dieser adventliche Jubel auf. Und jedes Mal neu erinnert uns dieser Jubel an Jesus, der als Friedenskönig zu uns gekommen ist und der in Brot und Wein immer neu zu uns kommt, um einzuziehen in unsere Welt, in unsere Stadt, in unser Herz. Deshalb singen wir: „O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat“. Deshalb bitten wir: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist:“ Aber anders als die Menschen damals in den Straßen von Jerusalem wissen wir heute, wem wir da adventlich zusingen: Unserem Herrn, der als Gerechter und als Helfer für uns den Weg ans Kreuz gegangen ist, um uns Frieden zu schaffen.
„Es ist nicht getan mit dem „Hosianna in der Höhe“, wenn wir dabei die Menschen in der Tiefe vergessen.“
Aber, liebe Gemeinde, ganz so einfach dürfen wir es uns bei unserem adventlichen Singen nun doch nicht machen. Es ist nicht damit getan, dem zuzujubeln, der da als Friedenskönig zu uns kommt. Es ist nicht getan mit dem „Hosianna in der Höhe“, wenn wir dabei die Menschen in der Tiefe vergessen. Wir verbinden aus gutem Grund heute die Feier des 1. Advents mit der Eröffnung der Aktion BROT FÜR DIE WELT. Das ist gut so und das muss so sein. Denn der, den wir heute mit dem Ruf „Hosianna in der Höhe“ jubelnd begrüßen, dieser ist ja zu uns gekommen, um Menschen in der Tiefe aufzuhelfen. Er ist als Gerechter und Helfer gekommen, um Armen neue Hoffnung zu schenken. Zugespitzt gesagt: Nur wer sein Herz und seine Hand öffnet für die Menschen in der Tiefe, hat ein Recht, mit seinem Mund „Hosianna in der Höhe“ zu jubeln. Darum muss unser jubelndes adventliches Singen einmünden in die Hilfe für die Armen dieser Welt – sei es nun in die Hilfe für die Bürgerkriegsopfer in Angola, die dringend Zugänge zu sauberem Wasser brauchen, oder für die Versöhnungs- und Friedensarbeit der Toraja-Kirche in Indonesien, um nur zwei Beispiele der Arbeit von BROT FÜR DIE WELT zu nennen, für die wir in unserer badischen Landeskirche besonders um Unterstützung bitten. Mit unserer Hilfe für jene, welche die Tiefen menschlichen Lebens durchleiden, zeigen wir, dass wir den verstanden haben, den wir mit dem Jubelruf „Hosianna in der Höhe“ begrüßen.
So feiern wir in rechter Weise Advent - mit Herzen, Mund und Händen:
Indem wir unsere Herzen öffnen für die Not der Armen,
indem wir mit unseren Händen helfen, damit der Friedenskönig und sein Friede auch zu ihnen kommt,
und indem wir mit unserem Mund einstimmen in den adventlichen Jubel der irdischen und himmlischen Chöre. Amen.