Die güldne Sonne der Ewigkeit

Paul-Gerhardt-Gottesdienst zur Eröffnung der Tagung der Landessynode, Bad Herrenalb am 21.10.2007

Liedpredigt von Landesbischof Dr. U. Fischer über das Lied EG 449: Die güldne Sonne

Liebe Gemeinde,
das Jahr 2007 geht allmählich schon dem Ende entgegen. Es wird in die Geschichte unserer Kirche eingehen als das Jahr der Wiederentdeckung von Paul Gerhardt. Seines 400. Geburtstages haben wir in diesem Jahr in vielfacher Weise gedacht. In diesem Synodalgottesdienst stehen die kraftvollen Worte von Paul Gerhardt nochmals im Mittelpunkt.
Denn mit Ihnen möchte ich eines der schönsten Lieder Paul Gerhardts bedenken und ersingen. Entschieden habe ich mich für das Lied „Die güldne Sonne“, zu dem ich eine ganz besondere Beziehung habe. Es ist nämlich das erste Paul-Gerhardt-Lied, das ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Und das war so: Im Frühjahr 1960 kurz vor Beendigung meines 5. Schuljahres sagte unser Religionslehrer Pfarrer Boeckh zu mir: „Ulrich, wenn du in Religion eine 1 haben willst, musst du nur alle Strophen des Liedes „Die güldne Sonne“ auswendig lernen.“ Ob das pädagogisch klug war, sei dahin gestellt. Aber ich habe die Strophen gelernt. Der Pfarrer hat sein Wort gehalten. Und ich habe meine erste 1 in Religion bekommen. Geschadet hat es mir nicht. Bis heute kann ich fast alle Strophen auswendig.

Das „Morgenlied aller Morgenlieder“
Dieses Lied von Paul Gerhardt wurde das „Morgenlied aller Morgenlieder“ genannt. Und diesen Titel trägt es durchaus zu Recht, denn schon in der ersten Strophe klingt weit mehr an als nur eine Beschreibung des alltäglichen Morgens und der mit ihm verbundenen Gefühle des Dankes für die Stärkung der Nacht und der mit ihm gegebenen Sorge um die Bewältigung des kommenden Tages. Schon die ersten Worte „Die güldne Sonne“ weisen hin auf eine geistliche Wirklichkeit. Wir fühlen uns erinnert an Paul Gerhardts Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“, in dem er Jesus Christus als Sonne besingt: „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne“. Oder wir denken an die Worte eines anderen Liedes, in dem er bekennt: „Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ, das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“ Ja, die „güldne Sonne“, von der hier gesungen wird, ist mehr als der Feuerball am Himmel, der uns mit seinem Licht erfreut und mit seiner Wärme gut tut. Die „güldne Sonne“ ist Sinnbild für die Gnade Gottes, für das Licht, das von der Auferstehung Jesu her auf unser Leben fällt. Und demgemäß ist auch das „Darniederliegen“ von Haupt und Gliedern umfassender gemeint als nur im Sinne des Ruhens in der Nacht: Über allem Darniederliegen des Leben, über allem, was Haupt und Glieder niederdrücken kann, über allem Niederdrückendem geht die Sonne Gottes auf und verbreitet ein göttliches Licht. Von dieser Glaubensüberzeugung ist das ganze Lied durchdrungen. Und so verdeutlicht dieses Lied wie kein anderes das Sonnenhafte der Dichtung Paul Gerhardts.

"Paul Gerhardt ringt in diesem Lied mit vielen niederdrückenden, belastenden Lebenserfahrungen und stellt ihnen das trotzige Bekenntnis des Glaubens entgegen."

Diese Glaubensüberzeugung beinhaltet eine tief gehende Spannung, die das ganze Lied durchzieht. Wenn Sie einmal das Lied insgesamt durchlesen, wird es Ihnen schwer fallen, einen klaren Gedankengang zu entdecken, und das ist kein Zufall. Paul Gerhardt ringt in diesem Lied mit vielen niederdrückenden, belastenden Lebenserfahrungen und stellt ihnen das trotzige Bekenntnis des Glaubens entgegen. Paul Gerhardt hatte den 30jährigen Krieg mit all seinem Leid miterleben müssen, viel Leid in seiner Familie, viel Ärger auch mit der reformierten Ausrichtung seiner Kirchenleitung. All dies schwingt mit, wenn er menschliche Lebenserfahrungen in diesem Lied zur Sprache bringt. Er tut dies besonders in den Strophen 3, 5-7, 9 und 11:

Er fordert auf, Gott ein Lobopfer darzubringen - und doch weiß er, wie schwer uns solche Opfer fallen (Str. 3).
Er bittet Gott, ihn zu bewahren vor lasterhaften Verfehlungen und schändlichem Verhalten - und zugleich weiß er, wie schwer es ist, nach Gottes Geboten zu leben (Str. 5).
Er kennt die Neigung des menschlichen Herzens zum Neid und das tödliche Gift des Geizes; ihn ekelt die in reformierten Kreisen seiner Zeit verbreitete Anhäufung von Reichtum um jeden Preis an (Str. 6).
Er weiß um die menschliche Vergänglichkeit, aus eigener Erfahrung weiß er, wie plötzlich das Lüftlein des Todes ein Leben auslöschen kann (Str. 7).
Er weiß um die Schuldverflochtenheit eines jeden Menschen und um sein grenzenloses Angewiesensein auf Gottes Vergebung (Str. 9).
Und fast resümierend kann er in der 11. Strophe all dieses zusammenfassen: Es gibt in unserem Leben Bitteres, manches, was uns kränkt und plagt.

Würden wir Paul Gerhardts Lied heute weiterdichten in unsere Zeit hinein, so hätte jeder und jede von uns noch andere bittere Lebenserfahrungen zu benennen: Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in unserem Land und mehr noch in unserer Welt. Die weiter wachsende Ungewissheit über die Zukunft dieser Welt angesichts einer drohenden Klimakatastrophe. Das unermessliche Leid, das Menschen anderen zufügen, angefangen von den Gräueln der Welt- oder Bürgerkriege über Tötung neugeborener Kinder oder die Misshandlung heranwachsender Kinder. Aber manche von uns denken auch an persönliche Schicksalsschläge, die zu verarbeiten nur schwer und zu verstehen niemals möglich sein wird. Oder an so manches Belastende, das uns auch während dieser Synodaltagung beschäftigen wird. All dieses gehört hinein in das „Morgenlied aller Morgenlieder“. All dies ist eingeschlossen in Paul Gerhardts Nachdenken über die dunklen Seiten des Lebens.

Über die menschliche Erfahrung hinaus
Aber dann gibt es kontrastierend dazu die anderen Strophen des Liedes, die nicht von unseren menschlichen Erfahrungen singen, sondern von Gottes Größe, und das sind im Besonderen die Strophen 2, 4, 8 und 10. In ihnen besingt Paul Gerhardt - in Aufnahme vieler biblischer Motive - die grenzenlose Allmacht Gottes:
Im Kontrast zum menschlichen Unvermögen singt er vom schöpferischen Vermögen Gottes, von seiner Erschaffung dieser und der künftigen Welt (Str. 2).
Im Kontrast zu all dem, was wir Menschen an Schädlichem anrichten, singt er davon, dass Gott Abend und Morgen, unser Hinlegen und Aufstehen segnend umfasst (Str. 4).
Im Kontrast zur menschlichen Sterblichkeit singt er von der Ewigkeit Gottes, die Heil und Heilung zu schenken vermag (Str. 8).
Im Kontrast zur menschlichen Angewiesenheit singt er in Superlativen von Gott als dem Größten, dem Schönsten, dem Besten (Str. 10).

"Nicht der allmächtige Gott ist es, der uns die notwendigen Kräfte schenkt, mit bitteren Lebenserfahrungen fertig zu werden. Nein: Es ist der sanftmütige und demütige Gott; der Gott, der gerade auf seine Allmacht verzichtet und für uns den Weg zum Kreuz geht."

Er singt wie ein Protestmann Gottes. Und bündelt seinen Protest in die Worte: „Hast niemals keinen zu sehr noch betrübt.“ So sehr ich die Glaubensstärke Paul Gerhardts bewundere, so meldet sich doch an dieser Stelle bei mir deutlicher Widerspruch: Ist wirklich ein so ungebrochenes Singen von Gottes Allmacht möglich angesichts der Fülle menschlicher Leidenserfahrungen? Können wir so ungebrochen singen von einem Gott der wirklich niemanden zu sehr betrübt? Manche Lebenserfahrungen sind zu schmerzlich, zu übermächtig, zu unverständlich, als dass wir sie mit einem Glauben an einen immer mächtigen Gott zusammenbringen könnten. In Paul Gerhardts Lied scheint alles Leid der Welt seinen von Gott gegebenen Ort in dieser Welt zu haben. Fast meint man zu spüren, dass die Erfahrungen von Leid den Dichter letztlich nicht wirklich berühren. Etwas zu protzig erklingt das Bekenntnis zu Gott - fast so als wäre er ein unbewegter Beweger, der alles Geschehen auf dieser Welt aus einer unnahbaren Weite lenkt, also auch das von uns erfahrene Leid, auch alles, was Menschen einander an Furchtbarem antun. Ist der von Paul Gerhardt hier dargestellte Glaube aber noch empfindlich für das wirkliche Leben? Muss er nicht ergänzt und korrigiert werden durch den Gedanken, dass wir eben doch immer wieder auch Erfahrungen mit Gott machen, in denen er uns zu sehr betrübt? Dass wir aber gerade darin Gottes Liebe erfahren, dass er uns in diesen zu sehr betrüblichen Erfahrungen durch seinen Sohn Jesus Christus zuruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen sei, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“
Nicht der allmächtige Gott ist es, der uns die notwendigen Kräfte schenkt, mit bitteren Lebenserfahrungen fertig zu werden. Nein: Es ist der sanftmütige und demütige Gott; der Gott, der gerade auf seine Allmacht verzichtet und für uns den Weg zum Kreuz geht. Er stärkt uns, indem er sein Joch auf sich nimmt und unsere Last mit trägt. Er ist unsere güldene Sonne in tiefster Todesnacht.

So bleibt in Paul Gerhardts Morgenlied Widersprüchliches, das wir nicht singend, sondern nur dem Lied nachdenkend auflösen können.

Die güldne Sonne der Ewigkeit
Wie fast alle Lieder Paul Gerhardt schließt auch dieses mit einer Strophe, bei der der Blick geweitet wird hin zur Ewigkeit Gottes. Nicht billige Vertröstung auf ein besseres Jenseits hat der Dichter hier im Sinn. Nicht Vertröstung, aber Vollendung. Die „güldne Sonne“, von der die 1. Strophe sang, erschöpft sich mit ihrem Glanz nicht im Hier und Jetzt. Im Glanz dieser Sonne vollendet sich menschliches Leben, vollendet sich Gottes Heil. Im Licht dieser Sonne werden die Widersprüche des Lebens aufgelöst, wenn Leid und Schmerz nicht mehr sein werden.

Auf die güldene Sonne der Ewigkeit ausgerichtet zu sein, gibt uns Kraft, all jenes zu verändern, was in unserem Leben an Beschwerlichem veränderbar ist.
Auf die güldene Sonne der Ewigkeit ausgerichtet zu sein, gibt uns die Gelassenheit, all jenes hinzunehmen, was in unserem Leben an Mühseligem nicht zu ändern ist.
Auf die güldene Sonne der Ewigkeit ausgerichtet zu sein, gibt uns die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Darum lasst uns singen:
Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende;
nach Meeresbrausen und Windessausen
leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht.
Freude die Fülle und selige Stille
wird mich erwarten im himmlischen Garten;
dahin sind meine Gedanken gericht’.
Amen