Bedeutung von Kirchenräumen
„Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen. Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn.“ So möchten wir mit den Worten des Psalmisten jubeln an diesem Festtag. Die Stiftskirche erstrahlt in neuem Glanz. So liebenswert, dass sich unsere Seele in Sehnsucht nach dieser Kirche verzehren will. Nach dieser Kirche, die wie keine zweite Symbol evangelischen Selbstbewusstseins im badischen Frankenland ist.
Die Wiederentdeckung des Kirchenraumes
Diese Kirche heute im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christen ökumenisch einzuweihen, ist ein besonderes Zeichen ökumenischer Verbundenheit in Baden. Zugleich bekunden wir Evangelischen damit, dass wir in den letzten Jahren einiges von unseren katholischen Geschwistern gelernt haben. Die Wiederentdeckung des Kirchenraumes - sie gehört für mich zu den großartigsten Entwicklungen der zurückliegenden Jahren im deutschen Protestantismus. Wir Evangelischen, die wir den Gottesdienst im Alltag der Welt zu Recht besonders wertschätzen, wir haben ja so unsere Mühe mit dem Gedanken, dass es heilige Orte gibt. Aber allmählich setzt sich auch unter uns die Erkenntnis durch, dass wir Menschen Orte brauchen, an denen wir uns der Nähe Gottes in besonderer Weise vergewissern können. Ohne Äußerlichkeit, ohne die Entäußerung in Räume und Zeiten, in Formen und Formeln kann auch evangelischer Glaube nicht gedeihen. Auch der evangelische Mensch baut sich eben nicht nur von innen nach außen, er wird auch von außen nach innen gebaut. Und für diese Erbauung von außen nach innen haben Kirchengebäude eine besondere Bedeutung.
Eine Kirche wie diese Wertheimer Stiftskirche baut durch ihre Aura an der Innerlichkeit des Glaubens jener, die sich hier versammeln. Viele, die hier Gottesdienst feiern, erfahren diesen Raum irgendwie als einen heiligen Raum. Indem Kirchenräume als Lebensräume von außen her an unserem Glauben bauen, können wir auch als Evangelische von Kirchenräumen als heiligen Räumen sprechen. In diesen Räumen berührt uns ein himmlisches Geheimnis, das uns ahnen lässt, dass wir mit unseren irdischen Ängsten nicht allein gelassen sind vom ewigen Gott. Dennoch hoffe und weiß ich, dass wir dieses Geheimnis auch in anderen Räumen erfahren können, auch in der heimischen Wohnung, auch unterwegs, auch an Kranken- und Sterbebetten und ganz gewiss überall dort, wo Menschen im Namen Gottes zusammenkommen.
Lebens- und Glaubensraum
Wenn wir einen Kirchenraum betreten, dann betreten wir den Lebens- und Glaubensraum vieler Generationen vor uns. Wir hören förmlich, wie dieser Kirchenraum erzählt von den vielen Generationen der Gläubigen vor uns, erzählt von der Geschichte Gottes mit ihnen. Menschen vor uns haben diesen Kirchenraum mit ihren Gebeten und Gesängen, mit ihren Tränen und ihrem Dank gefüllt. Dieser Kirchenraum als Lebensraum der vielen Generationen vor uns ist ein durch das Gebet geheiligter Raum. Zu ihm haben unzählige Menschen eine emotionale Beziehung gewonnen. Immer wieder zieht es sie hierher, denn diese Kirche ist eben kein normales Gebäude, vielmehr ein liebenswertes Haus, eine Wohnung Gottes, zu der sich unsere Seele immer wieder in Sehnsucht verzehrt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir der Pflege unserer Kirchen, gerade jener mit einer langen Geschichte, besondere Aufmerksamkeit widmen. Viele Ehrenamtliche und Hauptamtliche in unseren Gemeinden, allen voran die Kirchendienerinnen und Kirchendiener, tun dies mit liebevoller Hingabe.
"Darum gehören das Beten und das Tun des Gerechten (Bonhoeffer) so untrennbar zusammen: das Beten in unseren Kirchen und die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens."
Altar und Taufstätte, Predigtstätte und Orgel haben wir heute wieder in Dienst genommen. Eingezogen aber sind wir durch die Türen dieser Kirche. Es ist wichtig, dass die Türen einer Kirche offen stehen. Denn Menschen, die in einer Kirche die Nähe Gottes erfahren, sie können und dürfen sich nicht abschirmen vom Alltag der Welt mit seinen Freuden und Nöten. Sie können und dürfen sich der Verantwortung für das Leben in der Welt nicht entziehen. Darum gehören das Beten und das Tun des Gerechten (Bonhoeffer) so untrennbar zusammen: das Beten in unseren Kirchen und die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Darum gehört auch alle Not der Welt auf den Altar einer Kirche. Die Not jener, die sich in unserem Land nach Geborgenheit sehnen. Die Not jener, die in ständiger Angst vor Abschiebung leben müssen. Die Not jener, die nicht mehr mithalten können mit den Anforderungen unserer Gesellschaft und für die soziale Sicherungen nicht mehr greifen. Haben auch sie einen Platz im Haus Gottes? Ist die Kirche auch ihr Lebensraum? Darin findet die Liebe zum Kirchenraum seine Erfüllung, dass diese Liebe den Kirchenraum zur Heimat für die vielen macht, die auf der Suche sind. Mögen viele Suchende in dieser Stiftskirche offene Türen, offene Ohren und offene Herzen finden. Amen.