„Ich würde es mit auf eine einsame Insel nehmen“ – 500 Jahre Evangelisches Gesangbuch

Sonderbriefmarke

Den einen ist es fremd, die anderen benutzen es regelmäßig: das Gesangbuch. Die Geschichte des evangelischen Gesangbuchs beginnt 1524: in Wittenberg erscheint ein Liederheft mit acht Liedern. Zum 500-jährigen Jubiläum erscheint sogar eine Sonderbriefmarke. Aber kann man mit so alten Liedern heute noch etwas anfangen?  

Ein Abend im Februar im Gemeindezentrum in Heidelberg-Boxberg. Bezirkskantor Michael-Braatz-Tempel hat zu einer „Singstunde“ eingeladen. Eine Stunde lang will er heute mit uns Abendlieder aus dem Evangelischen Gesangbuch singen. „Das Beste, was man für das Singen in Kirchen und Gottesdiensten tun kann, ist: alte Lieder neu kennenlernen, neue Lieder kennenlernen, viel ausprobieren, viel hören und viel singen.“ Deshalb tourt er in den nächsten Monaten durch Heidelberger Gemeinden. Jede der Singstunden hat ein anderes Motto.
 
500 Jahre Evangelisches Gesangbuch - für Michael Braatz-Tempel bedeutet das vor allem 500 Jahre evangelischer Gemeindegesang. „Im Mittelalter hat nur der Klerus gesungen. Die Gemeinde war absolut passiv, hat zugeschaut und zugehört. Die Reformatoren wollten, dass die Gemeinde mit agiert. Was lag da näher als miteinander zu singen?“  
 
Bezirkskantor Michael Braatz-Tempel
Bezirkskantor Michael Braatz-Tempel bei der Singstunde
Dass der Kirchenmusiker mit dem Gesangbuch vertraut ist, ist kein Wunder. Aber es ist für ihn weit mehr als ein Arbeitsmittel: „Mein Gesangbuch – das ist eins der Dinge, die ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde. Das ist ein solcher Schatz! Voller Dichtung, sprachlich wertvoll, musikalisch genauso. Und natürlich steckt da auch eine ganze Menge Theologie drin.“  Er schätzt das Gesangbuch aber nicht nur als Liedersammlung. „Es ist im Prinzip ein Hausbuch, mit Psalmen, Gebeten und Andachten. Ich blättere da einfach auch gern drin.“  
 
Sehen und spüren was die Menschen in den letzten fünf Jahrhunderten gesungen und geglaubt haben, das findet Michael Braatz-Tempel spannend. „Natürlich muss man heute nicht mit jedem Lied aus früheren Jahrhunderten einverstanden sein. Ich schaue einfach, was ich für mich heute noch rausziehen kann. Was will ich singen und was eben auch nicht mehr?“ Kritisch sieht er vor allem die Lieder, „in es wirklich nur um Sünde geht und darum, welch armer Mensch ich hier im Jammertal bin.“
 
Derzeit wird in der Evangelischen Kirche in Deutschland an einem neuen Gesangbuch gearbeitet. Der Heidelberger Bezirkskantor wünscht sich, dass viele Melodien erhalten bleiben. „Aber ich glaube, viele Lieder können auch mit drei Strophen leben, den Rest braucht man dann doch nicht mehr.“
 
Ein Gottesdienst ohne Gesang - das ist auch für die Besucherinnen und Besucher der Singstunde nicht denkbar. Die Tradition reicht weit zurück. Schon in der Bibel gibt es mit den Psalmen eine umfangreiche Liedsammlung. Die ersten christlichen Gemeinden haben die Tempel- und Synagogenmusik in ihren Gottesdiensten weitergeführt. Für Michael Braatz-Tempel ist klar, dass es im Gottesdienst keine passiven Zuschauerinnen und Zuschauer geben soll. „Es geht ums Mitmachen. Wir können gemeinsam die Stimmen erheben, gemeinsam loben, gemeinsam klagen, gemeinsam unseren Gefühlen Ausdruck verleihen, sei es Angst oder Freude. Und wenn ich mir vorstelle: ich singe genau das gleiche Lied wie jemand vor 300 Jahren, ich habe vielleicht die gleichen Emotionen dabei oder es klingt genauso, dann bewegt mich das. Für mich ist das evangelische Kirchenlied definitiv ein Weltkulturerbe.“
 
Was rät der Profi den Menschen, die von sich sagen, dass sie nicht singen können? „Ich respektiere das, aber ich möchte sie trotzdem immer ermutigen, es zu tun. Manchmal ist es auch einfach nur die Scheu oder Schüchternheit oder eine schlechte Erfahrung mit dem Singen, dass sie mal eine schlechte Rückmeldung gekriegt haben. Man sollte sich bewusst machen: unser Stimmapparat ist eigentlich so gebaut ist, dass jeder Mensch singen kann.  
 
Die Frage nach persönlichen Lieblingsliedern findet Michael Braatz-Tempel „ganz schwierig, weil ich so viele Lieder wirklich heiß und innig liebe. Ich kann gar nicht sagen: das ist es. Das wechselt von Jahreszeit zu Jahreszeit, von Tageszeit zu Tageszeit und ist auch abhängig von meiner Lebenssituation. Wenn ich traurig bin, dann tröstet mich „Befiehl du deine Wege“, wenn ich gut drauf bin und es mir richtig gut geht, dann ist „Du meine Seele singe“ einfach was, was mich noch weiter erhebt. Das ist wunderschön.“
 
Die abendliche Singstunde vergeht wie im Flug. „Endlich konnten wir mal viel singen,“ sagt eine Frau, „Ich wusste gar nicht, dass im Gesangbuch so viele Abendlieder stehen“, eine andere.
Auch in den nächsten Monaten lädt der Heidelberger Bezirkskantor zu Singstunden ein. Dann hebt er weitere Schätze: Passionslieder, Osterlieder, Kinderlieder, Sommerlieder …
 
Information und Material zum Jubiläum 500 Jahre Evangelisches Gesangbuch finden Sie unter Mit Herz und Mund.