„Wir weigern uns, Feinde zu sein“ - Aktuelles zur Situation von Christinnen und Christen in Palästina

Jerusalem

In Ost-Jerusalem und dem Westjordanland (Westbank) leben ca. 50.000 palästinensische Christ*innen. Der Überfall der palästinensischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der Krieg in Gaza hat auch Auswirkungen auf ihr tägliches Leben. Erfahren Sie mehr im Interview mit Oberkirchenrat Wolfgang Schmidt, der das Land im April besucht hat.

Warum waren Sie in Ost-Jerusalem und im Westjordanland?
 
Wolfgang Schmidt: Wir – eine Delegation des Jerusalemsvereins im Berliner Missionswerk – waren dort, weil wir Solidarität mit den palästinensischen Christen zeigen wollten. Der Jerusalemsverein besteht seit 170 Jahren. Er hat damals in Palästina den christlichen Glauben verbreitet und die Ländereien gekauft, auf denen heute die christlichen Kirchen stehen. Seit dieser Zeit besteht die Partnerschaft zu der inzwischen selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Auf unserer Reise waren wir Gäste dieser Kirche und haben in einem Gästehaus zwischen Jerusalem und Bethlehem gewohnt.
 
Warum wollen Sie als Jerusalemsverein Solidarität zeigen?
 
Delegations Jersualemsverein vor St. George´s Cathedrale
OKR Wolfgang Schmidt (3.v.li) mit einer Delegation des Jerusalemsvereins und Geistlichen vor der St. George´s Cathedral in Jerusalem
Wolfgang Schmidt: Leider ist es so, dass man bei uns relativ schnell und ohne großes Nachdenken über Israel redet, die Bewohner Palästinas und insbesondere die palästinensischen Christinnen und Christen dabei aber aus dem Blick geraten. Ich spreche bewusst von Palästina, auch wenn Deutschland Palästina als Staat nicht anerkennt. Es gibt keine deutsche Botschaft, aber ein ständiges Vertretungsbüro für Ost-Jerusalem, die Westbank und den Gazastreifen in Ramallah. Wir haben deshalb auch mit dem deutschen Gesandten, Oliver Owcza, über die Probleme gesprochen.
 
Was sind das für Probleme?
 
Wolfgang Schmidt: Die Probleme sind sehr vielfältig. Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober und der sich anschließenden Militäraktion Israels in Gaza ist der Tourismus in der Westbank und in Ost-Jerusalem praktisch völlig zum Erliegen gekommen. Für viele Menschen dort ist der Tourismus aber die Haupteinnahmequelle. Sie betreiben Gästehäuser, arbeiten in Hotels, führen ausländische Touristen durch die heiligen Stätten, zum Beispiel durch Bethlehem, das zu circa 70% vom Tourismus lebt. Viele Familien haben derzeit große finanzielle Probleme. 20 christliche Familien haben das Land deshalb verlassen und sind ausgewandert. Außerdem gibt es Menschen, die in Israel gearbeitet haben. Ihnen ist der Übertritt nach Israel nicht mehr erlaubt. Auch sie haben keine Einkünfte, können beispielsweise das Schulgeld für ihre Kinder nicht mehr bezahlen. Deshalb geraten auch die christlichen Schulen unter finanziellen Druck. Eine Schule des griechisch-orthodoxen Patriarchats in Jerusalem musste schon geschlossen werden. Wenn solche Institutionen geschlossen werden, ist das ein großer Einschnitt für die christliche Gemeinschaft.
 
Außerdem gibt es erhebliche Probleme in der Westbank mit Eigentumsrechten, den Zugangswegen zu Grundstücken und mit den Checkpoints der israelischen Armee. Wir haben eine christliche Familie besucht, die seit über 30 Jahren vor Gericht darum kämpft, dass ihr Landbesitz vom Staat Israel anerkannt wird. Jetzt gibt es eine massive Eskalation dort, weil der übliche Zugangsweg von der Landstraße aus von Israel zu einer Militärzone erklärt worden ist, so dass man die Familie – wenn überhaupt – nur noch über riesige Umwege erreichen kann. Wenn die Leute zum Ackerbau auf ihre Felder gehen wollen, kommen Soldaten und bedrohen sie mit Waffen. Trotz aller Repressalien hat die Familie das Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein.“ Und das begründen sie ausdrücklich mit ihrem christlichen Ethos.
 
Was hat es mit den Checkpoints (Kontrollstationen) der israelischen Armee in der Westbank auf sich?
 
Wolfgang Schmidt: Die Westbank oder das Westjordanland ist seit dem Sechstagekrieg (1967) von Israel besetzt und steht – für Palästinenser - unter militärischer Gerichtsbarkeit Israels. Nach 1967 sind dort um die 250 jüdische Siedlungen entstanden. Die Westbank ist nach dem sogenannten Oslo-II-Abkommen in drei Zonen eingeteilt. Die A-Zone umfasst ca. 18% des Gebiets und steht unter der zivilen und militärischen Verwaltung der Palästinenser-Behörde (Palestinian Authority). Zu ihr gehören die großen Städte, wie z.B. Bethlehem, Nablus, Ramallah und weitere. Die B-Zone umfasst ca. 22 %. Hier liegt die militärische Verantwortung bei Israel und die zivile bei der Palästinenser-Behörde. Die C-Zone ist die größte. Sie umfasst ca. 60% des Westjordanlands. Sie wird ausschließlich von Israel verwaltet. Hier leben inzwischen weit über 400.000 jüdische Siedler. Die Kontrollstationen sollen eigentlich verhindern, dass Terroristen in israelisches Gebiet einreisen und dort Attentate verüben können. Nach dem 7. Oktober ist das israelische Militär aber viel restriktiver geworden. Zu den ständigen Kontrollpunkten kommen sogenannte „flying checkpoints“ (mobile Kontrollstationen), die überall aufgerichtet werden können. Zahlreiche Straßen und Wege sind gänzlich unpassierbar. Innerhalb der Westbank wird überall kontrolliert. Es gibt Riesenstaus, die Menschen wissen nicht, was los ist, wann sie ankommen, ob sie überhaupt ankommen oder ihnen die Weiterreise untersagt wird.
 
Ein paar Beispiele: Ein Mitarbeiter in der Propstei in Jerusalem hat mir erzählt, dass er – wenn er seine Mutter in Nablus besucht – seine Signal-App löscht, um sicher zu sein, dass an der Grenze niemand seine private Kommunikation sieht und sie womöglich missversteht. Ein Schüler hat gesagt, dass er sein Dorf nach dem 7. Oktober nur ein einziges Mal verlassen hat, weil er vor den Kontrollen an den Checkpoints Angst hat. Ein missverständliches Wort oder eine unüberlegte Geste kann hier richtig gefährlich werden.
Eine Schülerin hat uns erzählt, wie sie regelmäßig an den Checkpoints angehalten wird. Sie muss ihr Smartphone öffnen und ein Soldat schaut die Posts an, um zu schauen, ob sie irgendetwas Kritisches im Hinblick auf Gaza geäußert hat. Die Eingriffe in das Privatleben der Menschen sind riesig. Das ist dort Alltag.
 
Ein Mitarbeiter des Gästehauses, in dem wir gewohnt haben, lebt in einem Flüchtlingslager in Bethlehem, also in der A-Zone. Doch auch dort gehen israelische Soldaten in die Häuser. Zweimal schon seien sie nachts in sein Haus eingedrungen und hätten sogar seine kleinen Kinder mit der Waffe bedroht.
Viele Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sagen, dass die israelischen Soldaten jetzt – nach dem 7. Oktober- viel gewalttätiger und repressiver seien als vorher.
 
Ist es antisemitisch, wenn man das Vorgehen der israelischen Armee oder der Regierung missbilligt?
 
Wolfgang Schmidt: Antisemitismus ist nicht ganz einfach zu greifen. Natürlich können Äußerungen, wenn sie die Politik des Staates Israel betreffen, antisemitisch sein. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass jede Äußerung im Blick auf das Vorgehen Israels antisemitisch ist. Ich kann Israel unter politischen Gesichtspunkten als Staat betrachten, der an bestimmte völkerrechtliche Vorgaben gebunden ist, wenn er der Völkergemeinschaft angehören will. Diese Maßstäbe kann ich ohne Weiteres an jeden Staat anlegen, egal ob er nun ein jüdischer oder ein anderer Staat ist.
 
Was können wir tun, um den Christinnen und Christen in Palästina zu helfen?
 
Wolfgang Schmidt: Wir haben bei unserem Besuch mit dem deutschen Vertreter in Ramallah gesprochen und werden auch versuchen, den israelischen Botschafter hier auf die Situation anzusprechen. Das Wichtigste ist aber, dass wir das Leben der Menschen und ihre großen Probleme wahrnehmen und auf sie aufmerksam machen. Wir müssen auch immer wieder versuchen, auf die Politik einzuwirken. Denn gerade die Christinnen und Christen dort setzen sich mehrheitlich für gewaltfreie Wege ein.
 
 
Wie Sie helfen können:  Der Jerusalemsverein hat ein Spendenprojekt für palästinensische Familien ins Leben gerufen. Weitere Informationen mit Online-Spende-Möglichkeit.