Martin Kares verabschiedet sich nach 35 Jahren in den Ruhestand

„Die Orgel war plötzlich eine ganz andere Dimension“

Karlsruhe, (17.07.2025). Martin Kares, der Leiter des Orgel- und Glockenprüfungsamtes der Evangelischen Landeskirche in Baden, geht nach 35 Jahren in den Ruhestand. Mit Leidenschaft, Kreativität und Innovationsgeist prägte er die Kirchenmusiklandschaft in Baden  – von historischen Restaurierungen bis zu modernen Klangkonzepten. 

Martin Kares
Martin Kares, der Leiter des Orgel- und Glockenprüfungsamtes der Evangelischen Landeskirche in Baden, verabschiedet sich nach 35 Jahren in den Ruhestand.

Quelle: Stefan Herholz

„Die Orgel als Instrument hat mich schon immer fasziniert. Dass man als Jugendlicher irgendwohin geht an ein Instrument und mit den Fingern so viel Krach machen kann“, erzählt Martin Kares und lacht. Nach 35 Jahren im Dienst der Evangelischen Landeskirche in Baden verabschiedete sich der Leiter des Orgel- und Glockenprüfungsamtes nun in den Ruhestand.  „Natürlich habe ich vorher Klavier gespielt. Aber die Orgel, die war plötzlich eine ganz andere Dimension: dieses Brausen, das Klingen, das Raum füllen. Das hat mich unglaublich begeistert.“

Als 15-Jähriger an der Orgel

Die Erinnerung an diese Zeit ist beim 66-Jährigen lebendig. Erinnerungen an die Teenagerzeit. Als 15-Jähriger ist er in seinem 200-Seelen-Dorf in Kurhessen-Waldeck in einer „ganz süßen kleinen Barockkirche“ zum ersten Mal auf die Empore gestiegen, um das Instrument zu spielen, das ihn fortan begleiten sollte. „Ich weiß noch, wie ich da an Weihnachten gespielt habe. Ich saß auf der Empore, neben mir der große Weihnachtsbaum, der bis an die Decke ging, mit Wachskerzen und hinter mir standen zwei Wassereimer. Also: Ich hatte auch die Aufgabe, wenn was passiert wäre, diese Wassereimer über den Tannenbaum zu kippen. Aber es war echt lustig, quasi mitten im Tannenbaum Orgel zu spielen.“  Jahre später sollte er in dieser kleinen Dorfkirche seine Frau heiraten, auch ihr erstes Kind wurde dort getauft. „Da lebten wir schon längst in Karlsruhe.“

Zwei Organistenstellen als Jugendlicher

von links nach rechts: Oberkirchenrat Mattias Kreplin, Kirstin Kares, Dr. Martin Kares, Kord Michaelis
Bei der Verabschiedung von Martin Kares am 17. Juli 2025 in der Karlsruher Stadtkirche - von links nach rechts: Oberkirchenrat Dr. Mattias Kreplin, Kirstin Kares, Dr. Martin Kares, LKMD Kord Michaelis

Quelle: Ulli Naefken

Dass Martin Kares seine Liebe zur Orgel entdeckte, geschah nicht wegen, sondern trotz der Qualität des damaligen Instruments. „Aus heutiger Sicht war es eine ziemlich schlechte Orgel.“ Zwei Jahre später ­ - Martin Kares ging im benachbarten Bayern zur Schule - hat er in der bayrischen Landeskirche zeitgleich bereits eine zweite Organistenstelle innegehabt. „Über sieben, acht Jahre haben die Pfarrer aus Kurhessen-Waldeck und Bayern ihre Gottesdienstzeiten nach meinen Möglichkeiten gelegt, damit ich am selben Sonntag immer zweimal spielen konnte.“

Orgelbaulehre nach dem Abitur

Nach dem Abitur machte Martin Kares eine Orgelbaulehre. „Die ging über drei Jahre und war sehr faszinierend“, erzählt Kares. „In der Berufsschule, die bundesweit für alle Orgelbauer in Ludwigsburg ist, haben sie gesagt, ich sollte doch unbedingt Berufsschullehrer studieren.“ Ein Rat, den er zunächst befolgte. Zusammen mit Architekten studierte er an der TH Darmstadt Holzbau - aber nur für ein Jahr. „Dann habe ich gemerkt. Wenn man Berufsschullehrer in Richtung Holzbau studiert, kann es sein, dass man irgendwo in einer Gipser- oder Mauerklasse landet, aber nicht unbedingt an der Fachschule für Instrumentenbau in Ludwigsburg.“

Studium und zweite Ausbildung

Die Konsequenz: „Nach dem Jahr habe ich umgesattelt auf Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und christliche Archäologie. Exotenfächer, wo wirklich die große Anstellung gewunken hat“, erinnert sich Kares im Rückblick schmunzelnd. So hat er nebenher noch eine weitere Ausbildung am Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg zum Restaurator für historische Musikinstrumente begonnen.
 
Mit diesem Abschluss in der Tasche zog es Kares  an das Münchner Stadtmuseum - als Leiter der Werkstatt zur Restaurierung historischer Musikinstrumente. „Dazwischen war ich aber noch ein Jahr in Amerika und hab dort auf die Schnelle einen Bachelor of Music mit Hauptfach Orgel gemacht“, blickt Kares zurück. „Ich war sehr unstet, mal ein halbes Jahr hier, mal ein Jahr dort. Aber irgendwie hat sich am Ende alles zusammengefügt.“  Wie gut, lässt sich daran erkennen, dass sein nächstes berufliches Kapitel erst in diesem Sommer und damit 35 Jahre später enden sollte.

Wechsel zur Ekiba

Eigentlich wurde damals für die Stelle im Evangelischen Oberkirchenrat ein hauptamtlicher Kirchenmusiker gesucht. „Ich habe mir gesagt: ‚Das bin ich zwar nicht, aber ich habe andere Dinge, die dazu passen.‘ So habe ich mich einfach ‘mal beworben.“ Zur zweiten Bewerberrunde wurde Martin Kares dann auch eingeladen. „Und ich bin den damaligen Entscheidern, das war der sogenannte Beirat für Kirchenmusik der Landeskirche, heute noch unglaublich dankbar, dass sie diese Entscheidung getroffen haben.“
 
Seitdem sind 35 Jahre vergangen. 35 Jahre, in denen Martin Kares als Leitender Sachverständiger für Orgeln und Glocken der Ekiba mit unzähligen Menschen zusammengearbeitet und unzählige Projekte geplant, beraten und begleitet hat. Dennoch sind ihm einige Einzelprojekte besonders in Erinnerung geblieben.
„Wenn es Stifter gab, die gesagt haben: ‚Mir sind die Glocken so wichtig, dass ich meiner Gemeinde was Gutes tue und ein neues Geläut stifte oder eine neue Glocke. Wo ich die Begeisterung, die ich selbst gespürt habe, auch bei diesen Menschen gespürt habe“, sagt Kares. „Anderswo müssen neue Kommunikationsmethoden entdeckt werden, Apps erfunden werden. Die Kirche hat das seit paar Hundert Jahren. Da ist klar: Wenn man irgendwo tagsüber eine Glocke hört, dann ist das ein Gebetsruf. Das ist eine Aufforderung, Kontakt mit unserem Schöpfer aufzunehmen.“
 
Createsoundscape - Kulturerbe Kirchenglocken

Hörst du nicht die Glocken?

Glocken als Kommunikationssignale neu zu entdecken und mit Leben zu füllen, wurde für Martin Kares zu einem großen Anliegen. „Warum läuten wir überhaupt, warum gibt es die Glocken in Kirchen?“ Diese Fragen trieben ihn um und führten zur Erkenntnis: „Leute, wenn das nur noch Folklore ist, dann ist es auch angreifbar, dann ist es sinnentleert.“ Das Ergebnis war die ökumenische, deutschlandweite Kampagne: Hörst du nicht die Glocken? - mit einem Leitfaden für Gemeinden, um das in den Glocken enthaltene Potential zeitgemäß zu nutzen. „Das war einer der wirklich großen Höhepunkte“, resümiert der Glocken-Spezialist. Genauso wie die vom Bund geförderte Kampagne der klingenden Glockenlandkarte Createsoundscape. „Inzwischen sind auf dieser interaktiven Landkarte schon 14.000 Glocken verzeichnet und jede Woche kommen neue Geläute hinzu“, sagt Kares. „Ein tolles Mitmachprojekt.“  Dabei geht es nicht nur um die besonders großen oder historischen Glocken, sondern um ein möglichst breites Spektrum. „Von der kleinsten Kapellenglocke bis zum großen Dom.“

Größte Kirchenglocke Baden-Württembergs

Ein Einzelprojekt, an das sich Kares besonders gern erinnert, ist die Karlsruher Friedensglocke, die größte Kirchenglocke Baden-Württembergs. „Der Glockenstuhl in der Christuskirche war nicht mehr zu retten. Pfarrer Koch stand neben mir und hat gesagt:  ,Oh, wie sollen wir das finanzieren?‘ Dann hab ich gesehen, wie groß diese Glockenstube ist und gesagt: ,Da gehört eigentlich eine große Glocke rein.‘ Und dann kam er auf die Idee der größten Glocke, und ich habe gesagt: Ihr Name läutet für den Frieden. Damit sind wir an die Öffentlichkeit gegangen. Mit 200 Euro oder so konnte man sich einkaufen und sich auf dieser Glocke verewigen. Es stehen über 2000 Namen auf der Glocke und zwar längst nicht nur Gemeindeglieder. Sie läutet mittags um 12 Uhr, jeden Tag als Aufforderung zum Friedensgebet.“  Mit dieser Spendenaktion wurde am Ende nicht nur die Glocke, sondern die gesamte Sanierung innerhalb von 34 Monaten finanziert.

Erfindung der Upside-Down-Türme 

Kirche in Odenheim
Der Glockenturm in Odenheim

Quelle: epd

Ein weiterer Meilenstein für Kares sind die sogenannten Upside-Down-Türme. „Normalerweise hängen die Glocken oben im Turm. Das Ganze muss sehr stabil sein, und das Fundament ist sehr aufwendig wegen der Schwingungsdynamik. Wir hatten zwei Projekte, wo die Gemeinden dringend einen neuen Turm brauchten. Es gab einen Architektenwettbewerb, und ich hab gleich gesagt: ‚Für das, was ihr euch vorstellt an Kosten, werdet ihr das niemals realisieren können - und das kam dann auch so.‘ Dann habe ich mir überlegt: Wie könnte man die Konstruktion verändern, damit es deutlich preiswerter wird und trotzdem funktioniert? Und dann kam ich eben auf die Idee, die Glocken direkt unten im Bereich des Fundamentes aufzuhängen, wo die Kräfte viel geringer sind, wodurch die Konstruktion sehr viel leichter sein kann. Und oben kommt eine Pyramide rein, sozusagen eine umgedrehte, die die Schallwellen zur Seite ablenkt. Diese Schallröhre muss nur noch sich selbst tragen und gegen Wind stabil sein“, erklärt Kares. „Das hat es vorher noch nicht gegeben. Inzwischen haben wir drei Türme fertig, zwei sind noch in Planung. Aus ganz Deutschland kommen Leute und schauen sie sich an.“

Großen Freiheiten

Glocken sind für den 66-Jährigen in den vergangenen 35 Jahren zu der einen großen Leidenschaft geworden. Orgeln sind es für den Mann, der rund zwei Jahrzehnte Vorsitzender der deutschen Vereinigung der Orgelsachverständigen gewesen ist, immer geblieben. „Hier in Baden hatte ich große Freiheiten - im Kleinen wie im Großen. Im Kleinen sieht man das zum Beispiel an dem Instrument, das bei uns in der Kapelle steht, und das es auch an vielen anderen Orten jetzt gibt. Diese Kombination von Orgel und Keyboard“, erzählt Kares. „Das gab es vorher auf diese Weise nicht. Es gab historisch die Kombination Orgel plus Cembalo. Man hat unten eine große Truhe gehabt mit der Orgel und oben lag das Cembalo. Das war das Ausdrucksmittel des 18. Jahrhunderts. Ich habe mir überlegt: Was würden wir denn heute da oben drauflegen? In der kleinen Form kann man das in der Kapelle in Herrenalb sehen mit einer Orgelkiste und oben drauf das Digitalklavier. Es gibt diese mittlere Größe wie hier bei uns in der Kapelle und auch große Orgeln wie in Waldbronn oder in Oberreuth - eine richtig große Orgel mit einem Einschubfach, in das man das Digitalklavier reinlegen kann. Damit hat man alle Spielarten, Arten der Kirchenmusik, traditionell und modern, neues geistliches Lied, historischer Choral sozusagen an einem Arbeitsplatz vereint.“
 
Mit dieser Lösung habe er im Lauf der Zeit auch viele Streitfälle in Gemeinden befrieden können.
Kardinalfrage war stets: Wie kriegt man für einfache Verhältnisse mit möglichst geringem finanziellen Aufwand schönklingende Instrumente hin? „Dazu hatten wir 1998 in Bad Herrenalb die größte Orgelausstellung der Welt im 20. Jahrhundert. Dort wurden 50 Instrumente aufgebaut, die zum Teil eigens dafür entwickelt wurden mit Innovationen, die in der Fachwelt eine große Resonanz hatten. Ökonomische Orgeln waren schon immer sehr wichtig, und es sind auch wirklich gute Instrumente, kleine Instrumente entstanden hier in Baden“, sagt Kares.

Kreativität  der größte Antreiber

Kreativität ist für ihn dabei immer einer der größten Antreiber gewesen und auch die größte Motivation. „Da ist dann vielleicht manchmal die Struktur ein bisschen ins Hintertreffen geraten“, schmunzelt Kares. Von großem Vorteil sei gewesen, dass er in verschiedenen Bereichen zu Hause gewesen ist – in der Technik durch die Orgelbaulehre, in der Architektur, in der Statik, in der Kunstgeschichte, in der Restaurierung. „Alle diese Felder spielen zusammen. Durch den Einblick in diese unterschiedlichen Bereiche entstehen kreative Prozesse. Durch die Verknüpfung dieser unterschiedlichen Elemente und natürlich die Musik. Also ich spiele nach wie vor leidenschaftlich gern und gucke immer neidvoll auf die Organisten, die ganz schwere Noten spielen. Das kann ich nicht beziehungsweise müsste viel üben. Dafür lasse ich mich inspirieren im Spiel, und dann tragen mich die Eingebungen des Geistes davon. Früher in der Schulzeit habe ich Dixieland gespielt. Kontrabass und Klavier, das schlägt manchmal noch ein bisschen durch, aber ich glaub, die Gemeinden leiden nicht zu sehr darunter.“
 
Auch im Ruhestand wird Martin Kares seine Kreativität und Schaffenslust nicht zügeln. „Zurzeit plane ich ein tolles, großes Projekt in Heidelberg an der Johanneskirche. Dort wird es eine Evensong-Orgel geben“, sagt Kares, der sich ab Herbst selbständig machen möchte als Fachberater für Orgel- und Geläuteprojekte. „Ich habe gerade ‘ne Anfrage aus Riga. Beim Dom geht‘s um ‘ne große Glockensanierung. Da überlege ich, ob ich das mache. Außerdem habe ich schon über mehrere Jahre ein Projekt in Birmingham, eine Orgel im großen Konzertsaal der Hochschule.“

Wichtigstes Zukunftsprojekt in Österreich

Das wohl wichtigste Zukunftsprojekt wartet jedoch in Österreich. „Ich bin Opa geworden und das Enkelkind lebt in Wien. In bestimmten Phasen werden meine Frau und ich die junge Familie unterstützen und sind dann vielleicht mal zwei Wochen weg“, sagt Kares. Und wer den Ruheständler in Zukunft noch einmal selbst an der Orgel hören möchte, muss dazu in den Kirchenbezirk Bretten-Bruchsal. Planbar ist das aber nicht, „weil ich Springer bin“. Besonders gern spiele er übrigens in Familiengottesdiensten, „wo man so ein bisschen die Orgel von der ganz anderen Seite kennenlernt“. Und wo er seine Faszination für die Orgel, die ihn als Jugendlicher gepackt hat, weitergeben kann an eine nächste Generation.
 
  

Stefan Herholz

Pressesprecher / Bereichsleitung Presse und Öffentlichkeitsarbeit