„Wir arbeiten weiter für den Frieden“ – Stephen Lakkis zur Lage im Libanon

Pfarrer Stephen Lakkis, Friedensbeauftragter der Badischen Landeskirche, ist im Libanon aufgewachsen und bis heute eng mit dem Land verbunden. Im Interview schildert er die humanitären Folgen des aktuellen Konflikts, ordnet die politische und religiöse Vielfalt des Libanon ein und erklärt, warum zivile Friedensarbeit langfristig wirksamer ist als militärische Gewalt – und wie Menschen in Deutschland konkret unterstützen können.
Wie kommt es, dass jemand aus einem islamischen Land wie dem Libanon Friedensbeauftragter der Badischen Landeskirche wird?
Stephen Lakkis: Oft wird angenommen, der Libanon sei ein muslimisches Land, doch das stimmt überhaupt nicht. Im Gegensatz zu Israel, das als jüdischer Staat gegründet wurde, oder dem Iran, der sich momentan als islamischer Staat versteht, wurde Libanon von Anfang an als pluralistischer und multireligiöser Staat gegründet – als eine Demokratie, in der verschiedene christliche und muslimische Gemeinschaften zusammenleben und die Macht teilen, auch mit anderen Religionsgemeinschaften. Der libanesische Präsident ist maronitischer Christ, der Premierminister ist sunnitischer Muslim und der Parlamentspräsident ist schiitischer Muslim. Auch in der Regierung und im Parlament sind Posten für andere Religionsgruppen reserviert, wie zum Beispiel für orthodoxe oder protestantische Christen oder die Drusen. Beirut ist eine bunte Stadt, in der Kirchen und Moscheen nebeneinanderstehen, und wo man einen Weihnachtsbaum vor der Hauptmoschee sieht.
Ich bin unglaublich stolz auf unsere Landeskirche, dass sie einen so starken Fokus auf den Frieden legt und erkennt, dass Frieden ein globales Thema ist. Es ist wie beim Klima: Wir können nicht nur an unseren eigenen kleinen Hinterhof in Baden denken. Wir müssen das Klima des Friedens für die ganze Welt im Blick haben. Die Bereitschaft der badischen Landeskirche, jemanden wie mich zum Friedensbeauftragter zu wählen, zeigt, dass unsere Kirche diese Notwendigkeit, global für den Frieden zu arbeiten, wirklich versteht.
Wie wirkt sich der aktuelle Konflikt im Libanon auf Sie persönlich und Ihre Friedensarbeit aus?
Stephen Lakkis: Es ist eine sehr schwere Zeit. Wir haben enge Familienangehörige und Freunde im Libanon sowie viele christliche Kollegen und Kolleginnen, die direkt von dieser jüngsten Serie schrecklicher Angriffe betroffen sind. Viele Menschen wissen gar nicht, wie klein Libanon ist – weniger als halb so groß wie Israel. Selbst wenn nur ein Gebiet bombardiert wird, sind Familien überall davon betroffen. Wir alle kennen Familien, die jemanden verloren haben und deren Häuser und Leben zerstört wurden. Auch wir sind davon betroffen. Ich wünschte, wir könnten dort sein, um zu helfen, aber reisen ist derzeit nicht möglich. Deshalb versuchen wir, per Telefon in Kontakt zu bleiben.
In den Nachrichten wird viel über die Hisbollah berichtet. Welche Rolle spielt sie in diesem Konflikt?
Stephen Lakkis: Die Hisbollah ist eine politische Partei, die aus der schiitischen Gemeinschaft hervorgegangen ist und auch über eine bewaffnete Miliz verfügt. Sie stellt ein erhebliches Problem dar und ist für viele Menschen im Libanon ein Grund für Wut und Frustration. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, wie klein diese Gruppe ist. Nicht einmal alle Schiiten unterstützen die Partei. Die AfD hat in Deutschland mehr Unterstützung als die Hisbollah im Libanon. Es ist also unfair, den gesamten Libanon mit der Hisbollah zu identifizieren.
Aber was die Hisbollah hat, ist ein starkes Narrativ. Sie bildete sich Anfang der 80er Jahre als schiitische Miliz, um gegen die israelische Invasion im Libanon zu kämpfen. Und dieser kleinen Miliz gelang es tatsächlich, Israel zu vertreiben. Während des libanesischen Bürgerkriegs kämpfte sie auch gegen lokale christliche Gruppen. Seitdem präsentiert sich die Hisbollah als einziger verlässlicher Verteidiger des Libanon gegen israelische Aggressionen und wird vom schiitischen Regime im Iran unterstützt.
Gibt es eine Möglichkeit, die Hisbollah zu schwächen oder zu entwaffnen?
Stephen Lakkis: Seit vielen Jahren setzen sich lokale christliche Gemeinschaften und kirchliche Gruppen im Süden aktiv für den Frieden mit ihren schiitischen Nachbarn ein. Gerade diese Programme sowie die alltäglichen Freundschaften und Kooperationen haben am wirksamsten dazu beigetragen, das Narrativ der Hisbollah zu widerlegen, wonach sie ihre Waffen zur Verteidigung gegen Christen benötige. Lokale Schiiten, die christliche Freunde und Nachbarn haben, glauben das nicht mehr. Doch jeder israelische Angriff bestärkt die Hisbollah nur in ihrer Behauptung, dass sie nach wie vor als bewaffnete Verteidigung gegen israelische Aggressionen gebraucht werde. Das rückt den Frieden noch weiter in die Ferne. Selbst Versuche der Regierung, die Hisbollah zu entwaffnen, werden als Verrat dargestellt, als Handlungen korrupter Politiker, die versuchen, Libanon wehrlos gegenüber Israel zu machen.
Am schlimmsten ist jedoch, dass wir miterleben, wie Israel Libanon über Jahren hinweg ständig bombardiert, Drohnen und Kampfjets in den Libanon fliegen lässt und Zivilisten sowie UN-Friedenstruppen tötet – alles unter Verletzung des Völkerrechts. Dies ermöglicht terroristischen Gruppen wie der Hisbollah und dem iranischen Regime, die moralische Überlegenheit für sich zu beanspruchen, als die Einzigen, die sich wehren oder gegen Ungerechtigkeit im Libanon aufschreien. Das sendet eine schreckliche Botschaft aus. Wir müssen verstehen, dass israelische Aggression terroristische Gruppen wie die Hisbollah und das iranische Regime aktiv stärkt. Es ist wichtig, dass europäische Politiker und religiöse Stimmen hier hinschauen und dieses Unrecht immer wieder benennen.
Was hören Sie von Ihrer Familie über die aktuelle Lage dort?
Stephen Lakkis: Die Lage ist düster. Die Libanesen mussten sich schon an den Krieg gewöhnen. Aber viele sind nun ernsthaft besorgt über diese aktuelle extreme und unverhältnismäßige Reaktion Israels. Aufgrund der israelischen Angriffe leben eine Million Menschen nicht mehr in ihren Häusern, entweder weil diese zerstört wurden oder weil es nicht sicher ist, in diese Gebiete zurückzukehren. Familien schlafen auf der Straße oder suchen Zuflucht in Schulen, was auch bedeutet, dass viele Kinder nicht lernen können.
Wir sprechen in Deutschland auf sehr abstrakte Weise über „Krieg“. Aber Krieg ist ein Sammelbegriff für viele einzelne Handlungen, die alle schrecklich sind und die Chancen auf Frieden zerstören. Krieg bedeutet, dass Familien am Straßenrand leben, ohne Zugang zu Wasser oder Toiletten. Krieg bedeutet, dass verletzte Kinder operiert und ihnen Gliedmaße amputiert werden müssen, selbst wenn keine Betäubungsmittel verfügbar sind. Krieg bedeutet, dass die Leichen von Großeltern in den Trümmern zurückbleiben müssen, weil sich niemand in die Angriffszonen zurücktraut, um die Toten zu begraben. Und leider bedeutet Krieg auch, Rechtfertigungen in manchen deutschen Medien zu lesen, die erklären, warum dieses Leiden notwendig oder, schlimmer noch, kein Grund für Sorge sei.
Für Kinder muss die Lage besonders schwer sein.
Stephen Lakkis:
Das ist sie auch. Eltern müssen trotz der Bombenangriffe weiterhin zur Arbeit gehen. Die Kinder wissen also nicht, ob ihre Mutter oder ihr Vater am Ende des Tages nach Hause kommt. Meine Schwägerin sagt einfach, dass sie nicht für morgen planen kann, weil niemand weiß, was kommen wird.
Das Schlimmste sind die psychischen Auswirkungen. Das Dröhnen der israelischen Jets ist ununterbrochen zu hören, und selbst wir können die Explosionen am Telefon hören, wenn wir mit der Familie reden. Man merkt, wenn Familie und Freunde versuchen, stoisch und tapfer zu sein, aber man hört trotzdem die Frustration und Angst in ihren Stimmen.
Der ständige Lärm der israelischen Drohnen ist das Schlimmste. Freunde weigern sich aus Angst vor den Drohnen, ihre Vorhänge oder Fenster zu öffnen. Mein Bruder erzählt mir, wie die Leute die israelischen MK-Drohnen Em Khalil (Khalils Mutter) nennen – die neugierige Nachbarin, die immer in die Fenster anderer Leute späht. Selbst in Kriegsgebieten muss man einen Weg zu lachen finden, besonders für die Kinder.
Deutschland hat heute noch immer mit den Folgen der Schulunterbrechungen während der Pandemie zu kämpfen. Die Libanesen wissen: Selbst wenn morgen Frieden herrschen würde, die Narben des Krieges bei diesen Kindern, die so lange nicht zur Schule gehen konnten, bei dieser Generation werden bleiben. Die Folgen des Krieges verschwinden so schnell nicht.
In 2015 nahm Libanon (ein Land mit rund 3 Millionen Einwohnern) 2 Millionen syrische Flüchtlinge auf. Können die Libanesen angesichts einer Million Vertriebener auf den Straßen immer noch so widerstandsfähig und hilfsbereit sein?
Stephen Lakkis: Gastfreundschaft ist ein zentraler Bestandteil der libanesischen Kultur, in den christlichen Gemeinschaften sogar noch mehr. Aber leider ist es diesmal anders. Das israelische Militär führt derzeit eine große Bombardierungskampagne durch, um jeden zu töten, von dem es behauptet, er stehe in Verbindung mit der Hisbollah. Das hat dazu geführt, dass Familien zurückhaltend geworden sind, wenn es darum geht, anderen in Not zu helfen. Eine junge christliche Familie, die in der Nähe meiner Verwandten lebte, wurde bei einem israelischen Raketenangriff getötet, während sie gemeinsam frühstückte. Man geht davon aus, dass sie ins Visier genommen wurde, weil sie eine bedürftige Familie bei sich aufgenommen hatte. Nur wenige Familien sind heute noch mutig genug zu helfen, wenn ein „barmherziger Samariter“ zu sein bedeutet, die eigene Familie dem Risiko auszusetzen, getötet zu werden. Diese Angriffe schwächen also nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern auch unsere Erwartung auf christliche Nächstenliebe.
Können Menschen in Deutschland helfen?
Stephen Lakkis: Einfach zu wissen, dass sie nicht vergessen sind und dass andere an sie denken und für sie beten – das ist schon eine große Hilfe.
Ich bin beeindruckt von der Arbeit, die Mitarbeiter des deutschen Auswärtigen Amtes im Libanon leisten, obwohl die Mittel für die Entwicklungshilfe stark gekürzt wurden. Es gibt auch lokale NGOs und besonders engagierte kirchliche Gruppen, die sich um Familien kümmern und sich für den Frieden einsetzen. Durch die Friedenskollekte der badischen Landeskirche haben wir die Möglichkeit, diese Arbeit vor Ort zu finanzieren, daher freue ich mich über jede Spende. Spenden sind möglich unter www.ekiba.de/gutes-tun.
Aber das Wichtigste für uns alle in Deutschland und im Libanon ist durchzuhalten. Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer, aber Frieden, wie ein Obstbaum, wächst nur mit viel Zeit und Mühe. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen oder aufgeben, wenn wir nicht schon in der ersten Woche oder gar im ersten Jahr Früchte sehen. Und unser Wunsch nach schnellen Lösungen darf uns nicht dazu verleiten zu glauben, dass solche Bombenangriffe Frieden schaffen.
Doch selbst mitten im Krieg, selbst wenn keine Sicherheit in Sicht ist, arbeiten wir weiter für den Frieden. Denn wir wissen, dass es im Libanon schon lange Frieden gab und dass es wieder Frieden geben kann.