Schaukeln ist uns angeboren. Schon vor der Geburt sind wir neun Monate lang durchs Leben geschaukelt worden und haben verborgen im Bauch unserer Mutter das Auf und Ab des Lebens so gespürt, wie sie darin unterwegs war. Gut aufgehoben, bis die Zeit reif war für uns, wir zum ersten Mal Luft geholt haben und damit angefangen haben, der oder die zu werden, die wir heute sind.
„Das Leben ist nicht ein Sein, sondern ein Werden“, sagt Martin Luther.
An die neun Monate vor unserer Geburt erinnern wir uns nicht bewusst. Aber sie steckt uns noch in den Gliedern, diese ganz frühe Zeit. Und wir werden an sie erinnert, wenn wir als Kind das erste Mal auf eine Schaukel klettern oder der Großvater uns in seinem Schaukelstuhl auf den Schoß nimmt. Das tut gut. Und ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt: Schaukeln senkt die Herzfrequenz und die Temperatur der Haut, und das Glückshormon Endorphin wird beim Schaukeln ausgeschüttet. Das gibt Schwung fürs Werden und Wachsen.
In Freiburg kann man in einer Kirche schaukeln. In der Himmelsschaukel in der Thomaskirche können auch Erwachsene im langsamen Hin- und Herschwingen spüren: Glaube ist eine Bewegung, eine dynamische Kraft, die ohne Anstrengung heilsame Energie überträgt.
„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind‘s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber in Gang und im Schwung“ heißt es bei Martin Luther im Zusammenhang.
Die Himmelsschaukel in der Thomaskirche ist eine Wiege für Kleine und Große. Für manche ist das Schaukeln sogar zu einer Art Therapie geworden.
Zum Beispiel für Frank, ein Mann um die vierzig. Er kommt seit einigen Wochen zum Schaukeln in die Thomaskirche, bleibt jedes Mal so lange wie möglich in der Schaukel und auch hinterher zum Reden. Vor kurzem hat sein Arzt ihm eine Autismus-Diagnose gestellt. Das war für ihn aber nicht schlimm. Im Gegenteil; er sagt, er kommt mit seinem Leben jetzt besser klar, weil er manches an seinem Anderssein besser versteht. Beim Schaukeln, sagt er, ist er mit seinen Gedanken gut aufgehoben, er ist ganz bei sich und kann registrieren, wie es seinem Körper geht. Welche Gefühle er wahrnimmt. „Schaukeln ist das Beste“, sagt er, „es synchronisiert mich.“
„Das Leben ist nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind‘s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber in Gang und im Schwung.“
