„Suchet der Stadt Bestes...“

Predigt im ökumenischen Gottesdienst zum Stadtgeburtstag von Karlsruhe in der Stadtkirche

Jeremia 29, 4-7:
So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Israel nach Babel habe wegführen lassen: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt euren Töchtern Männer, dass sie Söhne und Töchter gebären. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen und betet für sie zum Herrn, denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl.
 
I
 
Liebe Festgemeinde, liebe Karlsruherinnen und Karlsruher!

Auf der biblischen Landkarte liegt Karlsruhe zwischen Jerusalem und Babylon.
Auf der einen Seite malt uns die Bibel das himmlische Jerusalem vor Augen, als Idealbild für menschliches Zusammenleben. Das himmlische ist nicht das heutige Jerusalem, das tief zerrissen ist durch viele Konflikte. Vielmehr geht es der Bibel um die Stadt der Zukunft, die Gott uns verheißt: in ihr leben Alt und Jung, Reich und Arm, Frau und Mann in Frieden miteinander. Menschen aus unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Religionen begegnen sich in ihrer Unterschiedlichkeit und freuen sich aneinander.
Auf der anderen Seite steht Babel, Babylon, der Moloch, die unwirtliche Stadt, die Stadt der Ellenbogen, des jeder gegen jeden. Die Stadt, in der alle zuerst an sich denken und für sich kämpfen. Die Stadt, in der die Menschen ihre Grenzen über-schreiten und wenig Respekt haben, weder vor den Anderen noch vor Gott. Realistisch kann die Bibel all die sozialen Konflikte, das Misstrauen, die Anonymität beschreiben, die Städte gefährden.
Am Geburtstag sehen wir Karlsruhe näher beim himmlischen Jerusalem als bei Babylon; wir sind froh und dankbar in einer offenen und bunten Stadt zu leben, in der viele Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Die erste Entdeckung an unserem Text aber ist: Gottes Aufforderung „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ gilt Babylon, der unwirtlichen und bedrohten Stadt. Gott lässt Babylon nicht fallen, Gott sieht auch Babylon als verbesserliche Stadt und ruft uns in die Verant-wortung. Das macht Mut zum Realismus. Das öffnet die Augen auch für die dunklen Seiten und Orte unserer Städte. Gott will ihr Bestes!


II

Von einer versöhnten, lebens- und liebenswerten Stadt hat wohl auch unser Stadt-gründer geträumt. Bestimmt kannte er unseren Predigttext und seine Aufforderung: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie. Baut Häuser und wohnt darin.“ Gestaltet einen Lebensraum, in dem Menschen gut wohnen und arbeiten und davon leben können. In dem Familien und Generationen gedeihen. In dem Menschen auf einander achten.
So entsteht im Wald eine Stadt, bewusst gestaltet als ein Geflecht von Beziehungen. Die Straßen verbinden und richten aus. Die Häuser gewähren Schutz und Geborgenheit, die Plätze laden dazu ein, sich zu begegnen und auszutauschen, um miteinander zu feiern, so wie gestern Abend vor dem Schloss. Schulen entstehen, in den Menschen lernen, Institute, Akademien, in denen sie sich bilden, eine Universität für Forschung und Lehre. Eine Stadt braucht Orte, um innezuhalten: Kirchen, Synagogen, Moscheen. Räume, um still zu werden, um sich neu zu orientieren, um Kraft zu schöpfen. Nötig ist ein Ort, an dem Menschen miteinander trauern und ihre Toten würdig begraben können. Immer wieder wandelt sich die Stadt, gedeiht und erleidet Rückschläge. Ein Rathaus entsteht, damit die Bürgerinnen und Bürger miteinander entscheiden können, wie sie zusammen leben wollen,
Zwischen Babylon und Jerusalem ist die Stadt eine große Gestaltungsaufgabe; so wollen wir miteinander leben: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“


III


Von Anfang an war in Karlsruhe der Umgang mit Verschiedenheit ein wichtiges Thema. Der Markgraf holte Menschen in seine neue Stadt auch von weiter her, da-mit sie wächst und sich der Wohlstand in Baden vermehrt. Wenn es seitdem in Karlsruhe gelang, Fremden eine Heimat zu geben, die religiöse und kulturelle Viel-falt als Bereicherung zu sehen und aufzunehmen, blühte die Stadt. Als Hassparolen durch die Stadt dröhnten, wurde sie braun und verlor ihre Bestimmung aus den Augen.
Zwischen Babylon und Jerusalem müssen sich unsere Städte, muss sich Karlsruhe immer wieder neu ausrichten, die Linie halten, die Zukunft eines offenen, vielfältigen und respektvollen Miteinanders nicht aus den Augen verlieren. Es ist wunderbar, wie engagiert, selbstbewusst und verantwortungsbewusst die Karlsruher Bürgerinnen und Bürger das heute gerade gegenüber den Menschen tun, die bei uns Zuflucht suchen. Wir sind dankbar dafür und wollen als Kirchen dazu beitragen!
Was ist das Beste, das wir für die Stadt suchen? Die biblische Tradition macht die Schwachen zum Kriterium dafür, wie gut ein Gemeinwesen funktioniert und ob es vom Segen Gottes erfüllt ist. Das Beste der Stadt misst sich daran, ob und welchen Platz die Armen in ihr haben, ob gut für die Kranken und für die Sterbenden gesorgt ist, ob die Fremden und Flüchtlinge zu ihrem Recht kommen und gastfreundlich aufgenommen werden.


IV

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Die Stadt, in der wir leben wollen, lebt nicht nur aus sich selbst und nicht nur aus unserer Anstrengung und Verantwortung. Wir wissen um die Grenzen menschlichen Denkens und Handelns: wir sind Menschen – nicht Gott. Deshalb gehören die Suche nach dem Besten und das Gebet für die Stadt zusammen. Hier haben wir Christinnen und Christen, die Kirchen, aber auch alle anderen Religionsgemeinschaften eine besondere Verantwortung und Aufgabe.
Wo sieben Tage die Woche rund um die Uhr gearbeitet wird, wo alles nur auf Leistung und Erfolg ausgerichtet ist, wo unsere Grenzen aus dem Blick geraten, verliert das Zusammenleben sein menschliches Gesicht.
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Die zweite Satzhälfte erinnert uns daran, dass Grenzen heilsam sind. Dass wir Sonn- und Feiertage brauchen; dass wir nicht perfekt sein müssen, sondern dass es zu unserer Menschlichkeit gehört, schwach zu sein, Fehler zu machen, loszulassen – am Ende in Frieden zu sterben. Deshalb ist es für das Beste der Stadt wichtig, regelmäßig innezuhalten und sich zu besinnen, im Gottesdienst, im Gebet, in der Stille. Uns zu vergewissern und es an-deren zuzusagen, dass wir nicht alles in der Hand haben und nicht alles in der Hand haben müssen, sondern aus der Gnade und dem Segen Gottes leben.
Gott ruft uns, als Einzelne, Gemeinden und Kirchen in die Verantwortung für unsere Stadt: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Gott lässt uns nicht allein mit dieser Aufgabe, sondern sagt uns Beistand und Segen zu: „Ich weiß wohl was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jeremia 29,11)