Nachdenkliche Dankbarkeit zu Erntedank

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Jes 58,7-12; Gottesdienst zum 40jährigen Bestehen des Jugend- und Freizeitheims Fehrenbacherhof der evange

Liebe Gemeinde,
vielfachen Anlass zum Danken haben wir heute. Wir feiern das Jubiläum dieses Jugend- und Freizeitheims Fehrenbacherhof, das auf den Tag genau heute vor 40 Jahren von Landesbischof Heidland eingeweiht wurde.

Dank nicht ohne Nachdenklichkeit

Aber der Anlass zum Danken ist noch umfassender, denn wir feiern heute das Erntedankfest. Beginnen wir mit dem am Erntedankfest nahe Liegenden, dem Dank für das tägliche Brot. Obwohl viele Menschen in unserer Gesellschaft keinen Kontakt mehr zur Landwirtschaft haben,
obwohl viele ihre Lebensmittel in Supermärkten kaufen, ohne noch darüber nachzudenken, wie aus den Früchten der Erde Lebensmittel wurden,
obwohl viele das Werden und Vergehen der Natur, das Reifen und Wachsen kaum mehr wahrnehmen,
es bleibt wahr: Was wir täglich an Lebensmitteln brauchen, das verdanken wir zwar gewiss auch menschlichem Tun, aber letztlich der Tatsache, dass die Erde Frucht trägt, aus denen Menschen dann Lebensmittel herstellen. Was einst Matthias Claudius in seinem Lied „Wir pflügen und wir streuen“ über das Brot dichtete, bringt es auf den Punkt: „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ Darum gehört in einen Erntedankgottesdienst der Dank an Gott für die Früchte der Natur ebenso hinein wie der Dank für die Menschen, die für die Herstellung von Lebensmitteln verantwortlich Sorge tragen. Nichts wäre unser menschliches Tun ohne das, was die Erde dank Gottes schöpferischem Tun bereitstellt. Aber hungern müssten wir auch, wenn Menschen nicht Fähigkeiten entwickelt hätten, aus den Gaben der Schöpfung gesunde Mittel zum Leben zu schaffen.

Aber noch weiter reicht unser Dank am Erntedankfest: Danken können wir für alles, was die Schöpfung bereitstellt, damit Menschen in Industrie und Handwerk, in Handel und Gewerbe Mittel zum Leben herstellen.
Danken können wir für alle Ernten des Lebens: Für alles, was gelungen ist in unserem Beruf. Für alle Bewahrung in Gefahr. Für alle Heilung, aber auch für alles Getragensein in Krankheit und Trauer.
Danken können wir auch im Vorblick auf den morgigen Tag der Einheit für das Geschenk der Wiedervereinigung unseres Landes vor nunmehr 21 Jahren.
Danken können wir für alles, was in unserer Kirche gelingt, für allen Aufbruch, den wir an vielen Orten erleben.
Jeder und jede von uns wird viele Ernten des Lebens benennen können, für die zu danken heute Anlass ist.

"So gehört zum Erntedankfest das Nachdenken über eine gerechte Verteilung der Gaben der Schöpfung untrennbar mit hinzu."

Nun ist solch ein Dank nicht zu haben ohne Nachdenklichkeit. Sogleich fallen uns Menschen ein, die vieles von dem nicht haben, wofür wir von Herzen danken. Uns fallen Menschen ein, die täglich schlimmen Hunger erleiden, wie die Millionen Gepeinigten in Somalia und Kenia. Uns fallen Menschen in unserem Land ein, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Der Zustrom, den wir in Vesperkirchen und Tafelläden erleben, signalisiert, dass es auch bei uns immer mehr Menschen gibt, für die das tägliche Brot keine Selbstverständlichkeit ist. Und wenn im Zeichen der Energiewende vermehrt Nahrungsmittel erzeugt werden sollen, um den Energiebedarf zu decken, dann führt diese bedrohliche Entwicklung zu deutlichen Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel auf den Weltmärkten. Darf man wirklich in großem Stil Nahrungsmittel zur Energieerzeugung produzieren, wenn dadurch der Zugang zu preiswerten Lebensmitteln für immer mehr Menschen erschwert wird? So gehört zum Erntedankfest das Nachdenken über eine gerechte Verteilung der Gaben der Schöpfung untrennbar mit hinzu.

Herrliche Bilder des Segens

Daran erinnert der Predigttext aus dem 58. Kapitel des Jesajabuches. In Ausschnitten:
„Brich dem Hungrigen dein Brot! Und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten. Und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit Gottes wird dir folgen. Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und Gott wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“

Liebe Gemeinde, sind das nicht herrliche Bilder des Segens - gesprochen in einer Zeit, die gar nicht herrlich war! Das Volk Israel war aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt, aber die große Hoffnung auf eine herrliche Wiederkehr in die Heimat hatte sich nicht erfüllt. Mühsam ging es voran beim Wiederaufbau des Landes. Und dann diese herrlichen Bilder des Segens: „Licht in der Finsternis, Dunkel hell wie der Mittag, Führung und Sättigung, Herrlichkeit Gottes, bewässerter Garten und nie versiegende Wasserquelle“ - wir spüren förmlich, wie der Prophet mit diesen Worten sein Volk ermutigt hat. Mit diesen herrlichen Bildern des Segens Gottes.

Verheißung - Bedingung - Segen

Aber wir hören auch, dass der Prophet seine Verheißung des Segens an Bedingungen knüpft. Segensreicher Wiederaufbau wird nur gelingen, wenn „du Hungrigen dein Brot brichst, Obdachlose in dein Haus führst, Nackte kleidest, Hungrige dein Herz finden lässt und Elenden sättigst.“ So wird der verheißene Segen gebunden an Bedingungen eines gerechten Lebens. Segen ist nichts, was wir für uns gegen andere erhoffen dürfen. Segen ist nicht zu trennen von einer Lebenshaltung, die sich in Wort und Tat auf die anderen Menschen hin ausrichtet. Und so kommen in den Dank des Erntedankfestes die Nachdenklichkeiten hinein, ohne die wir dies Fest nicht feiern können: Haben wir in unserer Welt wirklich die Teilung in Reiche und Habenichtse überwunden? Tun wir wirkungsvoll etwas dagegen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in unserem Lande immer größer wird? Es ist doch ein Skandal, wenn jedes 5. Kind in unserem reichen Land von Armut bedroht ist. Können wir also die prophetische Segensverheißung wirklich so einfach für uns in Anspruch nehmen?

"Dunkel wird hell wie der Mittag, wenn Menschen ihr Leben wirklich mit anderen teilen."

Dabei könnten wir doch wissen: Licht geht hervor in der Finsternis, wenn Menschen frei werden für die Hinwendung zu anderen Menschen. Dunkel wird hell wie der Mittag, wenn Menschen ihr Leben wirklich mit anderen teilen. Solche Menschen besitzen eine Ausstrahlung. Ihr Gemüt hellt sich auf. Innere Zufriedenheit strahlen sie aus. Irgendwie spüren wir ihr Geborgensein in Gott. Menschen, die um anderer willen verzichten können, sind für andere wie Lichter der Morgenröte. Die in solcher Hinwendung leben, werden frei von quälender Selbstbezogenheit. Auf ihr Leben fällt ein Glanz, denn an ihnen wird etwas sichtbar von der Gerechtigkeit und der Herrlichkeit Gottes. Mehr noch: Sie erfahren an sich selbst neues Leben. Die Annahme hilfsbedürftiger Menschen erfahren sie als eine Chance, selbst lebendig und erfrischt zu werden wie durch nie versiegende Wasserquellen. Wie viele Menschen, die sich für Notleidende engagieren, berichten davon, dass dieses Engagement sie verwandelt hat! Die Wüste ihrer Seele ist zu einem blühenden Garten geworden. „Wenn wir zum anderen uns wenden, dann sind wir hinterher nicht mehr dieselben“ (I.Levinas), dann sind wir Licht wie Morgenröte. Dann geschieht Segensreiches.

Mehr als Dank

So führt uns der Dank des Erntedankfestes über die Nachdenklichkeit hin zur Einübung in eine Lebenshaltung, bei der wir aus quälender Selbstbezogenheit befreit werden. Befreit zur Öffnung hin zu anderen Menschen. Wir bleiben nicht stehen beim Dank dieses Tages. Wir lassen uns anstecken zur Nachdenklichkeit. Wir werden befreit zu einem segensreichen Leben, in dem mit Hungrigen das Brot gebrochen, mit Obdachlosen das Haus geteilt, Nackte gekleidet und Elende gesättigt werden. Wir werden befreit zu einem Leben, in dem wir Segensreiches erfahren können: Verzicht auf Überflüssiges. Blick für das Wesentliche. Entdecken maßloser Ansprüche, durch die ich die Lebenschancen anderer einschränke. Erkennen meiner Gedankenlosigkeit, in der ich lebe. Die Energiewende in unserem Lande ist zwar beschlossen und wir alle sind gewiss froh über den Ausstieg aus der Kernenergie; die Wende in der Veränderung eines verantwortlichen, nicht gedankenlosen Umgangs mit der Schöpfung steht uns aber noch bevor.

Einübung einer Lebenshaltung in Hinwendung zu den Hungrigen und Elenden dieser Welt - darin mündet am Ende der Dank dieses Erntedankfestes.

Einübung einer solchen Lebenshaltung hat auch die Arbeit im Fehrenbacherhof in den 40 Jahren seines Bestehens geprägt. Hier an diesem Ort haben Kinder, Jugendliche und Erwachsene nicht nur das Danken gelernt für alle guten Gaben in ihrem Leben. Hier wurden sie auch angeregt zum Nachdenken über ein verantwortliches Zusammenleben in Gottes guter Schöpfung. Mögen noch viele Menschen an diesem Ort erleben können, dass ihr Licht hervorbricht wie die Morgenröte, ihre Heilung schnell voranschreitet, die Herrlichkeit Gottes ihnen folgt. Und mögen sie diesen Ort als einen segensreichen Ort erleben - als eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Amen.