Erschütterung zum Leben

Gottesdienst am Ostersonntag, Stadtkirche Karlsruhe am 24.04.2011. Von Landesbischof Ulrich Fischer. Predigt über Mt 28,1-10

Liebe Gemeinde,
was ein Erdbeben doch anrichten kann! Vor wenigen Wochen in Japan und vor 2000 Jahren in Jerusalem! Damals gingen in der Frühe des Ostermorgens zwei Frauen den Weg zum Grab Jesu. „Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben“, so haben wir im Bericht des Evangelisten Matthäus gehört. Begleitet wurde dieses österliche Erdbeben von Erscheinungen kosmischen Ausmaßes: Eine himmlische Gestalt wie ein Blitz erscheint, umgeben mit einem Gewand weiß wie Schnee. Ja, wenn die Erde erbebt, dann geschieht Furchterregendes, das die Welt im wahrsten Sinne des Wortes bewegt. Spalten der Erde tun sich auf. Abgründe des Todes. Zerstörung, wohin das Auge reicht. Welch furchtbare Bilder haben wir in den letzten Wochen immer und immer wieder wahrgenommen: Die Erde schwankt. Riesige Fluten ergießen sich. Zerstörte Häuser. Schiffe, die in der Folge des Erdbebens hochgespült werden und auf Häuserdächern landen. Das Obere nach unten, das Untere nach oben gekehrt. Wo eben noch das Leben pulsierte, nur noch Schrecken des Todes. Unbewohnbare Flächen - kaum können wir uns vorstellen, dass dort Menschen wieder leben werden.

 

Was ein Erdbeben doch anrichten kann

Und damals am Ostermorgen in Jerusalem? Ein Erdbeben schleudert den Stein vom Grab Jesu. Die am Grab aufgestellten Wachen werden zu Boden geworfen von der Kraft des Bebens. Auch diese Bilder kennen wir aus vielen Darstellungen: Wie tot liegen die vormals so mächtigen Wachsoldaten am Eingang des Grabes. Hingeschleudert von kosmischen Kräften. Was ein Erdbeben doch anrichten kann!

Und nicht nur das vor Augen Liegende ist erschütternd. Erschütternd auch das, was in den betroffenen Menschen selbst ausgelöst wird! Die Furcht in den Gesichtern der Menschen, ihr Schock, ihr Entsetzen, die Tränen der Kinder, die Ohnmacht der Erwachsenen. Das Erdbeben und der Tsunami. Für viele werden sie zu Todesfallen. Weglaufen vom Ort des Grauens – das wäre es. Weg, nur weg! Aber vielen ist dies nicht möglich. Der grausame Tod die Folge. Wie ist Leben möglich, wenn der Boden unter den Füßen wankt? Wenn die Grundlage des Lebens entzogen ist? Lebenshäuser kommen zu Fall. Lebensplanungen werden auf den Kopf gestellt. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Was scheinbar so sicher ist, löst sich auf. Das Gesetz des „Immer größer, immer höher, immer weiter, immer schneller, immer mehr“ zerbricht im Erdbeben, in den Fluten des Tsunami und in der nachfolgenden Reaktorkatastrophe. „Fortschritt um jeden Preis“ oder „Wir haben alles im Griff“ - wer mag dies heute noch sagen! Welche vermeintlichen Sicherheiten des Lebens hat dieses Erdbeben zerstört!
Und damals in Jerusalem?

"'Sicher ist nur der Tod!' - diese Binsenweisheit gilt nicht mehr. Sicher ist nun das Leben aus dem Tod."

Auch hier geht es um Tod und Leben. Auch hier zunächst große Furcht angesichts des unvorstellbaren Erdbebens. Das Erdbeben des Ostermorgens stellt das Leben auf den Kopf. Tödliche Sicherheiten werden zerstört. Scheinbar eherne Gesetze lösen sich in Luft auf. Die Regel „tot ist tot“ – sie gilt nicht mehr. Das ewige Spiel der Macht, das am Karfreitag scheinbar erfolgreich mit der Kreuzigung eines Unschuldigen am Kreuz von Golgatha zu Ende gespielt war, ist neu eröffnet. Der scheinbar Ohnmächtige ersteht aus dem Grab, dessen Stein weg geschleudert wird durch ein österliches Erdbeben. „Sicher ist nur der Tod!“ - diese Binsenweisheit gilt nicht mehr. Sicher ist nun das Leben aus dem Tod. Sackgassen der Hoffnungslosigkeit öffnen sich zu Wegen des Lebens. Die Furcht der Frauen wandelt sich zur österlichen Freude. Wo sie nur ein trostloses Ende sehen, tut sich ihnen eine neue Zukunft auf. Anders als bei allen anderen Erdbeben der Weltgeschichte steht am Ende dieses österlichen Bebens nicht die Furcht, sondern eine tröstliche Erschütterung. Gott erschüttert tödliche Sicherheiten und schafft neue Lebensmöglichkeiten.

 

Erschütterungen

Was ein Erdbeben doch anrichten kann! Nochmals ein Blick nach Japan. Noch lange werden die Menschen dieses Landes brauchen, bis sie Kraft zum Wiederaufbau bekommen. Jetzt sind sie angewiesen auf andere, die für sie einstehen. Die für sie beten. Die ihnen helfen, Wege in die Zukunft zu finden. Noch überwiegt die Verzweiflung. Bei den Obdachlosen in den Notunterkünften. Bei jenen, die keine Zeit finden, um ihre Toten zu trauen. Bei all jenen, die vor dem Nichts stehen. Noch überwiegt die Verzweiflung auch bei jenen, die mit den Folgen des Erdbebens kämpfen, mit der Atomkatastrophe von Fukushima. Immer neue Ratlosigkeiten bei den Technikern und Fachleuten. Immer neue verzweifelte Versuche, die radioaktive Verseuchung zu begrenzen. Und dann diese Perspektivlosigkeit eines verstrahlten Landstrichs, der auf lange Zeit wohl unbewohnbar sein wird. Erinnerungen an Tschernobyl werden wach. Das Grauen dort begann am 26. April 1986, fast genau heute vor 25 Jahren. Von den tödlichen Folgen sind bis in die Gegenwart noch Unzählige gezeichnet. Und die Folgen des Erdbebens von Japan, die Folgen der Katastrophe von Fukushima – wer kann sie absehen? Wie damals in Tschernobyl stemmen sich auch jetzt Menschen gegen die Verzweiflung. Mobilisieren Widerstandskräfte gegen den Tod. Räumen Trümmer zur Seite. Setzen am Kernreaktor ihr Leben ein, um zu retten, was vielleicht noch zu retten ist. Finden Kraft zum Aufräumen, wenngleich an Wiederaufbau noch gar nicht zu denken ist. Und viele mögen sich fragen: Können wir einfach so weitermachen wie bisher – mit Risiken, die uns Menschen und die Schöpfung überfordern? Was ein Erdbeben doch anrichten kann!

"Weil die Frauen von Jerusalem auf ihrem Weg von der Furcht zur Freude verkündigt haben, welche Erschütterung zum Leben Gott an Ostern gewirkt hat, deshalb gibt es die Kirche Jesu Christi."

Und damals in Jerusalem? Die Frauen bleiben nicht erstarrt stehen am Grab. In ihre Furcht mischt sich erste Freude. Und diese Freude macht ihnen Beine. Sie laufen los, gestärkt vom Zuruf des Engels „Fürchtet euch nicht!“ Dann die Begegnung mit dem Auferstandenen und sein ermutigendes „Fürchtet euch nicht!“ Neue Hoffnung bricht sich Bahn. Hoffnung auf eine Zukunft mit dem Auferstandenen. Kein Verkriechen in der Trauer. Kein „Weiter so“ in den tödlichen Sicherheiten des Lebens, sondern Verkündigung an die Jünger: „Christus ist auferstanden. Gott hat mit seinem Aufstand gegen den Tod die Welt erschüttert. Erschüttert zum Leben.“ Seit dieser Verkündigung der Frauen nach dem österlichen Erdbeben geht diese Botschaft um die Welt. Die Botschaft von Gottes Sieg über den Tod. Die erschütternde Botschaft von der Auferweckung Jesu zum Leben. Weil die Frauen von Jerusalem auf ihrem Weg von der Furcht zur Freude verkündigt haben, welche Erschütterung zum Leben Gott an Ostern gewirkt hat, deshalb gibt es die Kirche Jesu Christi. Ihrer Verkündigung nach dem Erdbeben von Jerusalem verdanken auch wir uns. Was ein Erdbeben doch anrichten kann!

 

Gottes österlicher Aufstand für das Leben

Heute feiern wir Ostern – erschreckt und erschüttert vom Erdbeben in Japan. Trauernd mit den Menschen dort, die sich hilflos den Gewalten der Erde ausgesetzt fühlen. Wir feiern Ostern, indem wir aber nicht einfach stecken bleiben im Erschrecken über dieses Erdbeben. Wir feiern Ostern, indem wir uns anstecken lassen von der Botschaft von Gottes erschütterndem Sieg über den Tod;
indem wir die Botschaft von Gottes Aufstand für das Leben weitersagen;
indem wir das tödliche Lied des „Immer weiter so“ und die deprimierende Melodie des „Fortschritt um jeden Preis“ nicht mitsingen;
indem wir mithelfen, scheinbare Sicherheiten in Frage zu stellen.
Wir feiern Ostern, indem wir uns vom österlichen Erdbeben von Jerusalem aufwecken lassen, selbst nun für das Leben einzustehen gegen menschengemachte Todesrisiken, die letztlich nicht beherrschbar ist;
indem wir innehalten und uns fragen, welche Risiken wir eigentlich bereit sind zu tragen, wenn es um die Sicherung unserer Industriegesellschaft geht;
indem wir uns befragen lassen von Gott, dem Schöpfer des Lebens, und von Jesus Christus, dem aus dem Tod Erstandenen, wie wir durch unseren eigenen Lebensstil dazu beitragen können, schonender mit Gottes Schöpfung umzugehen.
Gottes österlicher Aufstand für das Leben beflügelt uns. Er stiftet an zu kräftigem, österlichem Singen. Er befähigt, uns einzumischen in die Diskussionen unserer Gesellschaft. Er macht uns bereit, uns für einen schöpfungsverträglichen Lebensstil einzusetzen.

"Gottes Aufstand für das Leben mündet ein in den Aufstand gegen alles, was Leben bedroht."

So bleiben wir nicht stehen beim Erschrecken über das Erdbeben von Japan. Durch das österliche Erdbeben von Jerusalem werden wir ermutigt, für die Menschen in Japan, für uns selbst und für die ganze Menschheitsfamilie nun auch Gottes Aufstand für das Leben zu bezeugen – gegen allen Augenschein, der uns in diesen Wochen so sehr erschüttert. Ermutigt durch das österliche Erdbeben von Jerusalem bezeugen wir Gottes Aufstand für das Leben in unserem eigenen Leben, in den gesellschaftlichen Debatten unserer Tage, in der Arbeit einer Ethikkommission ebenso wie in Gesprächen in unseren Gemeinden. Aber auch in den Ostermärschen, bei denen für einen zügigen Ausstieg aus der Kernenergie und eine baldige Wende in der Energiepolitik protestiert wird. Gottes Aufstand für das Leben mündet ein in den Aufstand gegen alles, was Leben bedroht. So überwindet das österliche Erdbeben von Jerusalem unsere Furcht und befreit zum Leben! Es ermutigt uns, Gottes österlichen Sieg über den Tod zu feiern und zu bezeugen, zu bekennen und zu besingen:
Christ ist erstanden!