Predigt zu Hebr 5,7-9 von Landesbischof Dr. U. Fischer
Liebe Gemeinde,
traurige Zeiten durchleben wir in diesen Wochen. Täglich neu sehen wir im Fernsehen und in Zeitungen weinende Menschen: zunächst in Haiti und in Chile die Opfer der furchtbaren Erdbeben, bei uns in der vergangenen Woche die vielen traurigen Schülerinnen und Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden, die – ebenso wie die Eltern der Getöteten – immer noch nicht fertig werden mit den Gräueltaten, die ein Schüler vor einem Jahr mit der Ermordung zahlreicher Menschen angerichtet hat. Und dann sind da die immer neuen Opfer sexueller Gewalt, die nach langen Jahren des Schweigens endlich reden über das, was ihnen angetan wurde von Lehrkräften, die sich in übler Weise an ihnen vergangen haben, die ihnen körperlichen Schmerz zugefügt und tiefe Wunden in ihren Seelen gebrannt haben. Immer mehr Menschen melden sich und berichten unter Tränen von dem, was ihnen angetan wurde. Und wir sehen pädagogisch verantwortlich Handelnde wie die Leiterin der Odenwaldschule in Heppenheim oder den Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin, die angesichts all der erschütternden Meldungen ihre Tränen nicht mehr zurückhalten können. Traurige Zeiten durchleben wir in diesen Wochen – mit vielen Tränen. Und wir ahnen hinter diesen Tränen verzweifelte Lebenserfahrungen geschundener Menschen. Und hören förmlich das Bitten, Flehen und Schreien all jener, die mit ihrer Not nicht fertig werden.
Weggefährte dunkler Nächte
Während wir all dies vor uns sehen, erinnern wir in diesen Wochen der Passionszeit an einen, der unser heilloses, angeschlagenes, trauriges Leben geteilt hat. Wir erinnern an einen, den das Bitten und Flehen, die Schreie und die Tränen geschundener Menschen nicht kalt ließen. Der die Nähe der von Schmerz Geplagten suchte. Der ihr Bruder wurde, Weggefährte dunkler Nächte. Von ihm, den wir unseren Retter und Heiland nennen, schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes: „Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte. Und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, aus dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, Urheber des ewigen Heils geworden.“
In diesen Tagen der Passionszeit erinnern wir an diesen Gottessohn, der weiß, was das ist, Mensch zu sein. Ein Gottesssohn, der nur zum Schein Mensch geworden wäre, der nicht Schmerzen erlitten hätte wie wir Menschen, er nützte uns gar nicht. Aber so einer war Jesus Christus nicht. Er ist uns gleich geworden. In jeder Hinsicht leidend und angefochten wie wir. Im Garten Getsemani hat er zu Gott geschrieen: „Abba, lieber Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir, aber nicht, was ich will, sondern was du willst.“ Am Kreuz hat er unter Tränen gefleht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Er hat nicht die Zähne zusammengebissen, sich nicht eisern beherrscht. Er hat seine Angst nicht mannhaft unterdrückt. Nein, er hat „Bitten und Flehen Gott dargebracht“. Er ist unter lautem Schreien und mit Tränen den Weg des Gehorsams zu seinem himmlischen Vater gegangen.
"Es war ein langer, ein schmerzhafter Lernweg des Gehorsams, den Jesus im Leiden zu gehen hatte."
All dies ist Jesus Christus nicht in den Schoß gefallen. Nein, all dies musste er selbst erst mühsam erlernen. „Obwohl er Gottes Sohn war, hat er aus dem, was er erlitt, Gehorsam gelernt.“ Ja, Jesus war ein Lernender, und darin kommt er uns besonders nahe. Jesus musste einen Lernweg durchs Leiden gehen. Er musste lernen, sich durch den Widerspruch von Menschen nicht abbringen zu lassen von seinem Auftrag. Er musste lernen, mit dem immer neuen Versagen seiner Jünger umzugehen. Er musste auf dem Lernweg des Gehorsams immer neu lernen, nach der Hand Gottes zu tasten, die sich ihm zu entziehen schien. Er musste lernen, dem so dunkel gewordenen Gott auf dem Weg zu folgen, den er ihn führte. Es war ein langer, ein schmerzhafter Lernweg des Gehorsams, den Jesus im Leiden zu gehen hatte. In Bitten und Flehen, Schreien und Tränen fand er sein gehorsames Ja zu Gottes schwerem Weg.
Einer von uns
Jesus hat am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren, wie schwer es ist, Leiden auszuhalten und ihm nicht einfach auszuweichen. Deshalb ist er auch allen so nahe, die traurige Zeiten durchleiden. Er ist den Menschen in Haiti und Chile nahe in ihrem Bitten und Flehen. Den Schülerinnen und Schülern von Winnenden mit ihren Tränen, den Geschundenen und sexuell Misshandelten mit ihrem Schreien. Uns allen ist er nahe, dieser Gottessohn, der mit uns leidet. Er hat dasselbe durchgemacht, was uns zu schaffen macht. Er hat gekämpft und geweint, hat Blut geschwitzt, zu Gott geschrieen und war betrübt bis in den Tod. Ja, so ist Jesus Christus – ganz und gar einer von uns. Am Ende der Kraft, in Todesangst, mit Gott und seinem unbegreiflichen Willen ringend. Aber am Ende seines langen Lernwegs stand sein strahlendes zum Willen des Vaters. Dieses Ja, das uns zum Segen wird.
Du nimmst auf deinen Rücken
die Lasten, die mich drücken,
viel schwerer als ein Stein;
du wirst ein Fluch dagegen
verehrst du mir den Segen;
dein Schmerzen muss mein Labsal sein. (EG 84,5)
"Denn sein Schreien war kein Schreien hinein in die Dunkelheit der Welt. Es war ein Schreien, ein Bitten und Flehen hin zu Gott."
„Und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.“ So fährt der Hebräerbrief fort. Ist Jesus denn erhört worden? Äußerlich betrachtet zunächst nicht: Der Kelch ist ihm nicht erspart geblieben. Er musste ihn bis zum letzten bitteren Tropfen auskosten. Sein Schreien am Kreuz blieb ohne Antwort. Seine Tränen wurden nicht getrocknet. Und doch ist er erhört worden. Denn sein Schreien war kein Schreien hinein in die Dunkelheit der Welt. Es war ein Schreien, ein Bitten und Flehen hin zu Gott. Er hat sein geängstetes Herz Gott entgegengehalten. Er hat sein Schreie und seine Tränen, sein Bitten und Flehen eingebettet ins Gebet. Wie schlimm muss es Menschen gehen, die mit ihren Tränen und ihren Schreien nur noch zum Psychiater gehen können, die aber nicht mehr wissen, dass sie sich mit ihren Tränen Gott anvertrauen können. Wohl denen, die wissen, wo sie sich hinwenden können mit ihrem Bitten und Flehen! Jesus hat es gewusst. Er hat gegen das ihm auferlegte Leiden gekämpft, aber er hat sich schließlich dem Willen Gottes ergeben. Im Gebet hat er Widerstand geübt und Ergebung. Jesus hat sich in den Willen Gottes hineingebetet. Er hat Gott vertraut, dass er besser weiß, was jetzt gut ist. So ist er erhört und in einem tiefen Sinn aus dem Tode errettet worden: Gott hat den Gehorsam seines Sohnes gesegnet. Gott hat diesen Gehorsam mit seinem Ja beantwortet. So können wir uns voller hineinbeten in den Willen Gottes voller Vertrauen, dass er uns erhört, auch wenn wir das im Augenblick noch nicht verstehen und wahrnehmen können.
Auf Gott steht mein Vertrauen,
sein Antlitz will ich schauen
wahrhaft durch Jesus Christ,
der für mich ist gestorben,
des Vaters Huld erworben
und so mein Mittler worden ist. (EG 521,3)
Keine Sackgasse
„Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, Urheber des ewigen Heils geworden.“ Mit diesen Worten schließt der Abschnitt aus dem Hebräerbrief. Dem inneren Lernweg des Leidens folgte an Ostern das Ja Gottes zu diesem Weg des Leidens. An Ostern wurde offenbar, dass der Leidensweg Jesu keine Sackgasse war. Dass es ein von Gott begleiteter Weg war. Dass am Ende dieses Weges das Tor zu einem Leben aufgestoßen wurde, in dem alles Bitten, Flehen und Schreien ein Ende haben und in dem es Tränen nicht mehr geben wird. Weil der Lernweg des Leidens für Jesus Christus nicht im Tode endete, darum dürfen wir darauf hoffen, dass auch unsere Leidenswege in Tore zum Leben münden – auch die Leidenswege all jener Menschen, deren Tränen wir in diesen Tagen sehen. Das Ziel dieser Wege beschreibt der Verfasser des Hebräerbriefes gern mit dem Bild der ewigen Ruhe. Ein – wie ich finde – sehr hilfreiches Bild: Auch für die Geschundenen, die mit all dem zu kämpfen haben, was schmerzt, gibt es die Verheißung der Ruhe, der inneren Ruhe in diesem Leben und der ewigen Ruhe dermaleinst.
"Und das heißt dann: Uns der Menschen anzunehmen, die uns in diesen Tagen mit ihrem Bitten und Flehen, mit ihrem Schreien und ihren Tränen begegnen. Sie zu begleiten auf den Lernwegen des Leidens."
Der Weg zu dieser Ruhe aber ist ein schmerzlicher Lernweg des Leidens und für uns alle, die wir an Jesus als unseren Retter und Heiland glauben, ist es ein Weg des Gehorsams. Wenn wir Jesu Lernweg des Gehorsams betrachten, werden wir selbst zum Gehorsam aufgerufen. Und das heißt dann: Uns der Menschen anzunehmen, die uns in diesen Tagen mit ihrem Bitten und Flehen, mit ihrem Schreien und ihren Tränen begegnen. Sie zu begleiten auf den Lernwegen des Leidens. Ihnen zu helfen, dass sie am Ende dieser schmerzlichen Lernwege Rettung und Heil erleben: Ruhe für ihre Seele. Manchmal möchte ich auch lieber wegschauen in diesen Tagen. Manchmal nerven mich die immer neuen Meldungen von immer neuen Tränen und Schreien. Aber dann werde ich daran erinnert, dass auch unser Weg zur ewigen Ruhe ein Lernweg des Leidens ist. Ein Weg im Gehorsam gegen den, der uns auf diesem Weg vorangegangen ist – zu unserm ewigen Heil.
Dein Seufzen und dein Stöhnen
und die viel tausend Tränen,
die dir geflossen zu,
die sollen mich am Ende
in deinen Schoß und Hände
begleiten zu der ewgen Ruh. (EG 84,13)
