Größer als alle Vernunft - Eine singende Entfaltung der Trinitätslehre

Gottesdienst zum Sonntag Trinitatis, Karlsruhe am 18.05.2008

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu 2. Korinther 13,13

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
mit diesem Gruß habe ich Ihnen bereits den Predigttext zum Sonntag Trinitatis verlesen. In der Tat: Was uns heute als Wort der Schrift gegeben ist, ist ein Gruß. Ursprünglich hat er seinen Ort im Gottesdienst der ältesten Christengemeinde gehabt. Paulus beschließt mit diesem Gruß nun seine Sammlung von Briefen an die Gemeinde von Korinth. Nachdem alles geschrieben ist, was geschrieben werden musste, spricht er - ganz im Stil eines gottesdienstlichen Liturgen - seiner Gemeinde von Korinth segnend die Worte zu „die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“

In diesem alten liturgischen Gruß ist die spätere Trinitätslehre der Kirche angelegt. Fast 400 Jahre hat man in der Alten Kirche über das Verhältnis von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist gestritten. Auf dem ersten ökumenischen Konzil von Nizäa im Jahr 325 wurde eine Einigung erreicht, und auf dem zweiten ökumenischen Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 wurde dann jenes Glaubensbekenntnis formuliert, das wir nach der Predigt miteinander sprechen werden und das uns bis heute mit der ganzen Christenheit auf Erden verbindet. Im Kern ging es bei den Streitigkeiten über die Dreieinigkeit Gottes um die Frage, wie Gottes Heil bringendes Wirken - sein Wirken als Schöpfer der Welt und als Vater aller Menschen, sein erlösendes Handeln durch Jesus Christus und die Begleitung seiner Kirche durch den Heiligen Geist - zusammengedacht werden können. Wie kann die Einheit des göttlichen Wesens behauptet und zugleich die Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes geglaubt werden? Wie kann das Beziehungsgeflecht von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist gedacht werden als eine Beziehung enger, gegenseitiger Liebe? Wie kann Gott einer sein, der zugleich als Schöpfer der Welt der „Gott über mir“ ist, als in Jesus Christus Mensch Gewordener der „Gott neben und mit mir“ und als der Heilige Geist der „Gott in mir“? Gott offenbart sich auf verschiedene Weise - als Vater, Sohn und Heiliger Geist - und doch ist er einer. Wie sollen und können wir dies begreifen?

Diesen Fragen denkerisch nachzugehen, ist allemal lohnend. Aber vergessen wir nicht: Ihren Ursprung hat die Trinitätslehre in der gottesdienstlichen Liturgie der Kirche. Und deshalb will ich heute nicht vor Ihnen predigend eine Trinitätstheologie entwickeln, sondern ich will mit Ihnen dem nachspüren, was Paulus in seinem Brief an die Korinther getan hat. Ich will mit Ihnen Orte im Gottesdienst aufsuchen, in denen wir seit alters her bis heute von Gott dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist sprechen, singen und uns zu diesem dreieinigen Gott bekennen. Liebe Gemeinde, Sie sind dabei aufgefordert, durch Ihr Singen heute in diesem Gottesdienst mit zu predigen und so die Trinitätslehre der Kirche zu entfalten.

Tauferinnerung
Jeder Gottesdienst beginnt im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, also mit einem Bekenntnis zum dreieinigen Gott. Zugleich erinnert uns das Votum zu Beginn des Gottesdienstes an unsere Taufe, denn von Anbeginn der Christenheit wurden Menschen - gemäß dem Befehl des Auferstandenen - getauft „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Jeder Gottesdienst, auch der heutige beginnt also mit einer Tauferinnerung. Eine solche Tauferinnerung wollen wir uns nun zusingen mit der ersten Strophe des Taufliedes „Ich bin getauft auf deinen Namen“, im Gesangbuch unter der Nummer 200.

In der Taufe hat uns Gott als seine Kinder angenommen.
In der Taufe haben wir Jesus Christus als unseren Herrn anerkannt.
In der Taufe wurden wir durch den Heiligen Geist mit Geschwistern im Glauben zu einer Gemeinschaft zusammengefügt.
Wo wir uns im gemeinsamen Glauben zum Gottesdienst versammeln, da beten wir zum dreieinigen Gott, auf dessen Namen wir getauft sind. Wir danken Gott für all das, was er uns als Schöpfer, Erlöser und Tröster schenkt, etwa so, wie es im Lied EG 160 geschieht: Gott Vater, dir sei Dank gesagt.

Dank und Bitte
Dem Dankgebet tritt in unseren Gottesdiensten das Bittgebet zur Seite.
Bittend wenden wir uns an Gott, den Schöpfer des Lebens, der als „Gott über uns“ für uns sorgt wie ein Vater und uns mütterlich liebt. Wir bitten ihn um Schutz und Segen für unser Leben, um Bewahrung in Not.
Wir wenden uns an Gott in Jesus Christus, der uns als „Gott neben und mit uns“ durchs Leben begleitet als Bruder und Herr. Wir bitten ihn um Orientierung für unseren Lebensweg, um Weisung und Zuspruch.
Wir wenden uns an Gott, den Heiligen Geist, der uns als „Gott in uns“ tröstet und beisteht. Wir bitten ihn um Kraft zum Leben und um Geistesgegenwärtigkeit angesichts aller Unübersichtlichkeiten des Lebens.
So entfaltet sich unser Bittgebet als Gebet zum dreieinigen Gott. Wie ein solches Gebet trinitarisch abgeschlossen werden kann, wollen wir nun darstellen, indem wir vom Lied EG 475 die letzte Strophe singen.

Von Anfang bis Ende
Was in der Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes begonnen hat, das zieht sich wie ein cantus firmus durch unser Leben. Im Namen des dreieinigen Gottes wurden wir Glieder seines Leibes, Teil seiner Gemeinde. An den dreieinigen Gott wenden wir uns in unseren Gebeten - dankend und bittend. Und am Ende des Lebens werden wir zugehen auf eine Zukunft, die uns Gott, der Schöpfer, als Herr über Zeit und Ewigkeit eröffnet, in die uns Jesus Christus, der Auferstandene, vorangegangen ist, und auf die uns der Heilige Geist tröstend und Hoffnung stiftend vorbereitet. Vorbereitung auf das eigene Sterben im Angesicht des dreieinigen Gottes - wie dies geschehen kann, singen wir nun mit den Worten Jochen Kleppers, indem wir einstimmen in das Lied unter der Nummer 532 „Nun sich das Herz von allem löste“

„Wir entfalten keine Trinitätslehre, aber mit unserem Singen und Beten bekennen wir uns zu dem dreieinigen Gott, der als Schöpfer, Erlöser und Tröster an uns handelt.“

So, liebe Gemeinde, erinnern wir uns in unseren Gottesdiensten unserer Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Singen wir vom dreieinigen Gott und beten zu ihm. Wir entfalten keine Trinitätslehre, aber mit unserem Singen und Beten bekennen wir uns zu dem dreieinigen Gott, der als Schöpfer, Erlöser und Tröster an uns handelt. Gewiss: Die Trinitätslehre gehört in unseren Gemeinden kaum noch zum Grundbestand des Glaubenswissens, und doch ist sie für unsere Glaubenspraxis unverzichtbar. Für den interreligiösen Dialog scheint sie eher hinderlich zu sein. Ein Spötter hat die Trinitätslehre als ein theologisches Monstrum bezeichnet. Und nicht selten wird uns von Anhängern anderer Religionen gesagt: „Ihr behauptet an einen Gott zu glauben. Aber wie kann Gott dann einen Sohn haben und warum redet ihr dann von Dreieinigkeit?“ Bei der Trinitätslehre aber geht es - und das haben wir eben singend erlebt - nicht um Mathematik nach dem Muster 1 + 1 + 1 = 1. Es geht nicht um theologische Gedankenakrobatik, sondern es geht um den Glauben an einen Gott, der größer ist als alle Vernunft und dessen Größe wir denkerisch letztlich nicht erfassen können. Gottes Größe können wir nur besingen und anbeten.

„... Du bist zu dritt“
Vielleicht haben jene drei Mönche die Trinitätslehre am besten begriffen, von denen eine alte Geschichte erzählt: Sie lebten in einem Kloster auf einer Insel. Eines Tages besuchte sie der zuständige Ortsbischof. Er war entsetzt ob der mangelnden Bildung der drei Mönche. Nichts wussten sie von der göttlichen Dreifaltigkeit. Nicht einmal das Glaubensbekenntnis konnten sie richtig sprechen. Der Bischof unterrichtete sie mehrere Tage lang. Dann nahm er Abschied. Als er sich mit seinem Schiff etwas von der Insel entfernt hatte, ruderten die drei Mönche hinter ihm her und riefen: „Bruder, Bischof, wir haben schon wieder vergessen, was wir von dir über die heilige Dreifaltigkeit gelernt haben.“ Mitleidig lächelte der Bischof. Dann fragte er sie: „Was betet ihr denn jeden Tag?“ Die drei Mönche antworteten: „Wir beten ‚Großer Gott, wir sind zu dritt und du bist zu dritt. Halleluja.’“ Was der Bischof antwortete, ist nicht überliefert. Diese Mönche hatten die Lehre von der göttlichen Dreieinigkeit mit ihrem Verstand gewiss nicht erfasst, aber sie hatten gelernt, den dreieinigen Gott anzubeten. Und damit hatten sie begriffen, was für unseren Glauben wichtig ist.
Eifern wir ihnen nach, indem wir Gott anbeten und vom Lied EG 289 die fünfte Strophe singen: Sei Lob und Preis mit Ehren Gott Vater, Sohn und Heilgem Geist. Amen.