Das Internet als Einkaufszentrum

Beim Social-Media-Konvent der Evangelischen Landeskirche in Baden sprach Journalist und Aktivist Markus Beckedahl

Markus Beckedahl ist seit 2010 Mitglied im Medienrat der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg und war von 2010-2013 Mitglied in der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" im Deutschen Bundestag. In der Zeit vor https://netzpolitik.org war er mal bei den Grünen aktiv. Er schreibt den wochentäglichen bits-Newsletter aus dem netzpolitik-Universum. Er denkt gerne über das Internet und die Gesellschaft nach und auch was nun der nächste Schritt ist.
Der Gründer von netzpolitik.org hatte seinem Impuls vor Kirchenvertreter*innen, die Social Media für die Verkündigung des Evangeliums nutzen, mit dem Titel „Fight for your digital rights“ überschrieben. „Im Internet haben wir heute neue Öffentlichkeiten und eigentlich ist das etwas Tolles“, so Markus Beckedahl. Allerdings sei die Vorstellung von mehr Demokratie und Offenheit durch das Netz eine Utopie.
 
„Die Kommunikation konzentriert sich auf wenige Plattformen, die kapitalistisch geführt werden, etwa Google, Facebook und Amazon. Gefühlt kann man dort einen öffentlichen Raum nutzen, praktisch ist es aber einen privatisierter Raum“, so der Journalist und Aktivist.
 

Öffentlicher versus privatisierter Raum

Beckedahl illustrierte seine These an einem Vergleich: Im öffentlichen Raum können wir uns dank des Rechts auf Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit oder Bewegungsfreiheit vielfältig politisch auszudrücken, etwa auf Demonstrationen. „In einem Einkaufszentrum könnten wir dagegen eher keine Demo durchführen. Es ist zwar ein gefühlter öffentlicher Raum, weil dort viele Menschen sind. Allerdings gelten dort AGBs und unsere Grundrechte gelten nicht im selben Maß wie draußen.“
 
Das Internet sei in dieser Hinsicht ein privatisierter öffentlicher Bereich wie das Einkaufszentrum. Bei den wenigen großen Plattformen, die als Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, entstehe ein Lock-in-Effekt, so Beckedahl: "Von dort kommt man nicht mehr weg, weil alle dort sind. Versuchen Sie mal, Facebook zu verlassen und eine datenschutzfreundliche Alternative zu nutzen. Ein Großteil ihrer Follower wird nicht mitziehen.“


Welche Regeln und Rechte gelten im Netz?

Häufig sei an solchen Orten nicht klar, warum bestimmte Beitrage gelöscht werden. „Nach welchen Regeln arbeiten die Content-Moderator*innen? Gelten die Facebook-Community-Regeln oder das Netzwerkdurchsetzungsgesetz?“, fragte der Speaker in die Runde. Ungeklärt sei auch, wie ein Algorithmus entscheide, welche Beiträge überhaupt im Feed angezeigt werden. „Wer kontrolliert, wie Facebook und Co. die Realität zusammensetzen? Sie haben theoretisch die Möglichkeit, Öffentlichkeiten zu manipulieren, indem sie bestimmte Informationen mehr, andere weniger bereitstellen!“
 
Die von Markus Beckedahl gegründete Plattform netzpolitik.org hat sich zusammen mit Whistleblower*innen angeschaut, wie TikTok Informationen bereitstellt. „Wir waren überrascht, dass Menschen mit Behinderung dort seltener angezeigt werden. Offiziell heißt es, man möchte sie so vor Mobbing schützen. Aber damit hält man sie aus der Öffentlichkeit heraus und macht sie gar nicht erst sichtbar“, so Markus Beckedahl.


Hate Speech, Uploadfilter, Datenschutz …

Phänomene wie Hate Speech, die in sozialen Medien keine Seltenheit sind, entstünden durch emotionale und polarisierende Beiträge, die möglichst viel Aufmerksamkeit binden und Interaktionen schaffen sollen. Solche Postings werden häufiger geteilt und ermöglichen, dass mehr Daten von Nutzer*innen gesammelt und Werbeplätze verkauft werden.
 
Markus Beckedahl spricht auch über Uploadfilter, ein weiteres großes Internet-Thema der letzten Jahre. Diese automatisierten Entscheidungssysteme überprüfen Inhalte beim Hochladen, um sie gegebenenfalls zu verhindern, falls vermeintliche oder tatsächliche Urheberrechtsverletzungen entdeckt werden. „Das führte bereits 2019 vor allem junge Menschen auf die Straße, weil sie kapiert hatten, dass so etwas schon heute auf YouTube nicht funktioniert, weil Uploadfilter zum Beispiel keine Satire und andere Schrankenregelungen des Urheberrechts erkennen.“
 
Abschließend wies Beckedahl noch auf Mastodon, Jitsi oder BigBlueButton als datenschutzfreundliche Microblogging- und Videocall-Dienste hin. Überdies könne man auf Kirchtürmen wunderbar Freifunk-Knoten einrichten, die via WLAN anderen Menschen einen kostenlosen Zugang ins Internet geben. „Es geht bei all diesen Aktivitäten stets um die Entscheidung, in welcher digitalen Welt wir alle leben wollen.“


Vortrag zum nachträglich Anschauen

Vortrag von Markus Beckedahl beim 3. Treffen des Social.Media.Konvents am 18. Juni 2021