1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Wie kommen wir Gott nahe?
Kantatengottesdienst über 2.Kor12, 1-10 und Höchsterwünschtes Freudenfest (BWV 194) am Sonntag Sexagesimä (04.02.2018) Stadtkirche Karlsruhe
Liebe Gemeinde,
wie begegnen wir Gott? Wie kommen wir Gott nahe?
Gleich, nach der Predigt, werden Sie Bachs Antwort hören: als ein Duett, als ein Streitgespräch zwischen Bass und Sopran, zwischen Rationalität und Glaube, zwischen Menschenfurcht und Gottvertrauen. Die Antwort gibt es hier nur im Dialog, nicht anders, nur in dieser Spannung.
„Kann wohl ein Mensch zu Gott im Himmel steigen?“ Nein, aufsteigen, als Mensch in den Himmel aufsteigen? Wie soll das gehen? Doch: „Der Glaube kann den Schöpfer zu ihm neigen.“ Ein herrliches Bild, wie der Glaube den Schöpfer zu sich neigt. Ja, liegt es dann daran, wie stark mein Glaube ist und wie fromm ich bin, ob ich zu Gott komme? Nein, der Glaube ist nur wie ein Band, mit dessen Hilfe wir ziehen und „er ist oft genug ein zu schwaches Band.“ Aber das muss uns nicht schrecken, denn „Gott führet selbst und stärkt des Glaubens Hand.“
Wir kommen Gott nah, weil Gott uns nahekommt und Christus uns hilft, mit diesem Band des Glaubens, Gott in unsere Welt zu ziehen. Gut protestantisch klingt die Kantate zur Orgel- und Kirchweihe, mit der Bach uns auf eine Himmelsreise mitnimmt, „bis ich gen Himmel reise.“
wie begegnen wir Gott? Wie kommen wir Gott nahe?
Gleich, nach der Predigt, werden Sie Bachs Antwort hören: als ein Duett, als ein Streitgespräch zwischen Bass und Sopran, zwischen Rationalität und Glaube, zwischen Menschenfurcht und Gottvertrauen. Die Antwort gibt es hier nur im Dialog, nicht anders, nur in dieser Spannung.
„Kann wohl ein Mensch zu Gott im Himmel steigen?“ Nein, aufsteigen, als Mensch in den Himmel aufsteigen? Wie soll das gehen? Doch: „Der Glaube kann den Schöpfer zu ihm neigen.“ Ein herrliches Bild, wie der Glaube den Schöpfer zu sich neigt. Ja, liegt es dann daran, wie stark mein Glaube ist und wie fromm ich bin, ob ich zu Gott komme? Nein, der Glaube ist nur wie ein Band, mit dessen Hilfe wir ziehen und „er ist oft genug ein zu schwaches Band.“ Aber das muss uns nicht schrecken, denn „Gott führet selbst und stärkt des Glaubens Hand.“
Wir kommen Gott nah, weil Gott uns nahekommt und Christus uns hilft, mit diesem Band des Glaubens, Gott in unsere Welt zu ziehen. Gut protestantisch klingt die Kantate zur Orgel- und Kirchweihe, mit der Bach uns auf eine Himmelsreise mitnimmt, „bis ich gen Himmel reise.“
I
„Kann wohl ein Mensch zu Gott im Himmel steigen?“ Das ist die Frage des Glaubens und der Religionen. Schauen Sie nur vorne auf Ihr Programm. Der Glaube will nach oben, zum goldenen Engel! Da muss Gott sein, da kommen wir ihm nah. Das ist das Ziel, da wollen wir hin.
Auch Paulus erzählt deshalb von einer Himmelsreise, als seine Gegner Zweifel an seinem Glauben nähren. Er erzählt, wie es ist, entrückt zu werden: Ich wurde immer leichter, es war, als würde ich schweben. „Bis in den dritten Himmel!“ Ich sah „ein unendlich helles Licht“; „des Höchsten Glanz“ umgab mich. Freude und Ruhe, so muss es im Paradies sein.“
Solch geistliche Reisen sind unheimlich, denn es geschieht etwas mit uns, was wir nicht selbst in der Hand haben. Wir kommen Gott nah, Gott kommt uns nah – und wir spüren, dass das Leben von nun an anders aussieht. So wie wenn wir uns verlieben. Plötzlich überwältigt uns etwas und ergreift uns. So ist auch, wenn uns Trauer übermannt.
Auf so eine Himmelsreise nimmt Bach uns mit. Zu Gott, „den kein Haus, kein Tempel fasst.“ Gott lässt sich nicht an einer Stelle lokalisieren und einfangen – und damit heraushalten aus unserem Alltag, aus dem, was uns wichtig ist. Gott zieht als edler Herzensgast in unsere Brust ein: „Lass dir dies Haus gefällig sein!“ singt der Bass - und der Chor stimmt ein: „Blas in mir das Fünklein auf, bis dass nach vollbrachtem Lauf ich den Auserwählten gleiche und des Glaubens Ziel erreiche.“ Gott entfacht in uns ein Feuer, das mich als Person ergreift und mein Leben verändert.
Auch Paulus erzählt deshalb von einer Himmelsreise, als seine Gegner Zweifel an seinem Glauben nähren. Er erzählt, wie es ist, entrückt zu werden: Ich wurde immer leichter, es war, als würde ich schweben. „Bis in den dritten Himmel!“ Ich sah „ein unendlich helles Licht“; „des Höchsten Glanz“ umgab mich. Freude und Ruhe, so muss es im Paradies sein.“
Solch geistliche Reisen sind unheimlich, denn es geschieht etwas mit uns, was wir nicht selbst in der Hand haben. Wir kommen Gott nah, Gott kommt uns nah – und wir spüren, dass das Leben von nun an anders aussieht. So wie wenn wir uns verlieben. Plötzlich überwältigt uns etwas und ergreift uns. So ist auch, wenn uns Trauer übermannt.
Auf so eine Himmelsreise nimmt Bach uns mit. Zu Gott, „den kein Haus, kein Tempel fasst.“ Gott lässt sich nicht an einer Stelle lokalisieren und einfangen – und damit heraushalten aus unserem Alltag, aus dem, was uns wichtig ist. Gott zieht als edler Herzensgast in unsere Brust ein: „Lass dir dies Haus gefällig sein!“ singt der Bass - und der Chor stimmt ein: „Blas in mir das Fünklein auf, bis dass nach vollbrachtem Lauf ich den Auserwählten gleiche und des Glaubens Ziel erreiche.“ Gott entfacht in uns ein Feuer, das mich als Person ergreift und mein Leben verändert.
II
Bachs Musik nimmt uns mit auf eine Himmelsreise, die uns einen anderen Horizont eröffnet. So wie das Beten in seinen verschiedenen Gestalten: Ich richte mich aus, werde still und lausche: „Unendlich großer Gott, ach wende dich zu uns … und zum Gebet deiner Knechte!“ Oder ich bitte und klage, ich schreie und dränge: „Hilf, Gott, hilf!“ Auch das Fasten war schon bei Paulus ein Weg sich auf diese Himmelsreise zu begeben. Manche werden sich in den kommenden Wochen wieder vornehmen, bewusst auf etwas zu verzichten, um zu erleben: was brauche ich, was trägt mich? Beim Klimafasten etwa in diesem Jahr unter dem Motto: „So viel Du brauchst…“ versuchen, anders unterwegs zu sein.
Paulus erzählt von seiner Himmelsreise. Aber er tut das in einer besonderen Form: Er spricht über diese Gottesbegegnung nicht in der Ich-Form: „Ich war im dritten Himmel“, schaut nur her wie toll!
Nein, er weist von sich weg: „Ich kenne da einen, der war im Paradies!“ Paulus hat Anteil an diesen Erfahrungen. Sie beflügeln ihn. Er spürt die Kraft, der dieser Mensch begegnet ist. Er merkt, was Gott ihm alles zutraut – und wie sich Türen auftun und sich etwas bewegt. Aber das gehört ihm nicht; es bleibt eine Gnade; kein Eigentum, sondern ein besonderes Geschenk; ein Moment, der kaum festzuhalten ist, der unsere Hoffnung nährt, aber sich dann auch wieder entzieht.
Paulus rühmt sich nicht, dass er dieses Glück erlebt hat, und erhebt sich nicht über die anderen. Denn er hat auch erlebt, dass seine Krankheit, sein Pfahl im Fleisch, nicht geheilt wurde, trotz allem Beten und Flehen.
Paulus erzählt von seiner Himmelsreise. Aber er tut das in einer besonderen Form: Er spricht über diese Gottesbegegnung nicht in der Ich-Form: „Ich war im dritten Himmel“, schaut nur her wie toll!
Nein, er weist von sich weg: „Ich kenne da einen, der war im Paradies!“ Paulus hat Anteil an diesen Erfahrungen. Sie beflügeln ihn. Er spürt die Kraft, der dieser Mensch begegnet ist. Er merkt, was Gott ihm alles zutraut – und wie sich Türen auftun und sich etwas bewegt. Aber das gehört ihm nicht; es bleibt eine Gnade; kein Eigentum, sondern ein besonderes Geschenk; ein Moment, der kaum festzuhalten ist, der unsere Hoffnung nährt, aber sich dann auch wieder entzieht.
Paulus rühmt sich nicht, dass er dieses Glück erlebt hat, und erhebt sich nicht über die anderen. Denn er hat auch erlebt, dass seine Krankheit, sein Pfahl im Fleisch, nicht geheilt wurde, trotz allem Beten und Flehen.
III
Paulus kehrt von seiner Himmelsreise zurück. Seine Lebensperspektive hat sich grundlegend verändert. Er sucht Gott nicht mehr oben, er entdeckt ihn unten am Kreuz und hört ihn sagen: „Meine Gnade ist genug für dich!“ Da kehren sich Maßstäbe um: Nicht was ich mehr habe als andere an Reichtum, an Weisheit oder Macht ist entscheidend, sondern wieviel Kraft von Christus in mir steckt, was Gott mir und uns alles zutraut; viel mehr als wir denken.
Auf dem Weg von der Krippe ans Kreuz zeigt sich Gottes Schwäche für unsere Welt und für die Schwachen. Aber unsere Schwäche wird nicht idealisiert; die Kraft Gottes, ermächtigt die Schwachen, stärkt sie, macht sie handlungsfähig. Sie gibt den Kranken einen Platz in unserer Mitte; und plötzlich erleben wir, wieviel Kraft uns vermeintlich Starken von Menschen zufließt, die eine schwere Krankheit ertragen müssen. Oder in der Vesperkirche, wo sich die Rollen immer wieder umkehren. Haben Sie auch schon die Geschichte von Picasso gehört, der ohne Obdach ist, aber gut malen kann und wenn es Streit gibt gerufen wird: weil er schlichten kann.
Auf dem Weg von der Krippe ans Kreuz zeigt sich Gottes Schwäche für unsere Welt und für die Schwachen. Aber unsere Schwäche wird nicht idealisiert; die Kraft Gottes, ermächtigt die Schwachen, stärkt sie, macht sie handlungsfähig. Sie gibt den Kranken einen Platz in unserer Mitte; und plötzlich erleben wir, wieviel Kraft uns vermeintlich Starken von Menschen zufließt, die eine schwere Krankheit ertragen müssen. Oder in der Vesperkirche, wo sich die Rollen immer wieder umkehren. Haben Sie auch schon die Geschichte von Picasso gehört, der ohne Obdach ist, aber gut malen kann und wenn es Streit gibt gerufen wird: weil er schlichten kann.
IV
Wo finden wir Gott? Wie kommen wir Gott nah?
Das Duett wird die Frage gleich beantworten und lässt Paulus dabei zu Wort kommen: Den eigenen schwachen Glauben Gott anvertrauen. „Des Höchsten Kraft wird mächtig in den Schwachen!“ singt der Sopran. Doch der Bass hält dagegen: „Die Welt wird sie verlachen!“ Schaut doch nur: Was kann ein Kind in der Krippe schon verändern? Was hilft ein Gekreuzigter gegen die Mächte des Todes? Darüber kann man doch nur spotten.
Aber der Glaube lässt nicht locker: „er ist guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten.“ Doch wieder widerspricht der Bass: „Gott ist unsichtbar und entfernet.“ Und erntet Widerspruch vom Glauben: „Wohl uns, dass unser Glaube lernet, im Geiste seinen Gott zu schauen.“ Und wieder: „Ihr Leib hält sie gefangen.“
So wogt das Duett hin und her zwischen Glaube und Zweifel, zwischen der Erfahrung des Aufbruchs und der eigenen Schwäche, zwischen Resignation und Hoffnung. Es ist unser Duett, was da gesungen wird. Es ist ein Duett in jedem und jeder von uns. Wird mein Gottvertrauen mich tragen oder kämpfe ich mit um die Macht? Entdecke ich die Kraft Christi, die in mir wohnt?
In der Kantate finden beide Seiten am Ende zusammen, weil Gott Mensch wird, weil Gott Gottvertrauen und Realismus nicht auseinanderfallen lässt. Deshalb singen Sopran und Bass am Ende gemeinsam: „Da Gott den Glauben nun belohnt und bei uns wohnt, bei uns als seinen Kindern, so kann die Welt und Sterblichkeit die Freude nicht vermindern.“
Auch wenn wir weiter im Duett unterwegs sind; auch wenn wir weiter darum ringen, mit und trotz all den Schrecken schon hier vergnügt und selig zu leben. Die Zusage Gottes gilt: „Meine Gnade ist genug für dich; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwäche!“
Das Duett wird die Frage gleich beantworten und lässt Paulus dabei zu Wort kommen: Den eigenen schwachen Glauben Gott anvertrauen. „Des Höchsten Kraft wird mächtig in den Schwachen!“ singt der Sopran. Doch der Bass hält dagegen: „Die Welt wird sie verlachen!“ Schaut doch nur: Was kann ein Kind in der Krippe schon verändern? Was hilft ein Gekreuzigter gegen die Mächte des Todes? Darüber kann man doch nur spotten.
Aber der Glaube lässt nicht locker: „er ist guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten.“ Doch wieder widerspricht der Bass: „Gott ist unsichtbar und entfernet.“ Und erntet Widerspruch vom Glauben: „Wohl uns, dass unser Glaube lernet, im Geiste seinen Gott zu schauen.“ Und wieder: „Ihr Leib hält sie gefangen.“
So wogt das Duett hin und her zwischen Glaube und Zweifel, zwischen der Erfahrung des Aufbruchs und der eigenen Schwäche, zwischen Resignation und Hoffnung. Es ist unser Duett, was da gesungen wird. Es ist ein Duett in jedem und jeder von uns. Wird mein Gottvertrauen mich tragen oder kämpfe ich mit um die Macht? Entdecke ich die Kraft Christi, die in mir wohnt?
In der Kantate finden beide Seiten am Ende zusammen, weil Gott Mensch wird, weil Gott Gottvertrauen und Realismus nicht auseinanderfallen lässt. Deshalb singen Sopran und Bass am Ende gemeinsam: „Da Gott den Glauben nun belohnt und bei uns wohnt, bei uns als seinen Kindern, so kann die Welt und Sterblichkeit die Freude nicht vermindern.“
Auch wenn wir weiter im Duett unterwegs sind; auch wenn wir weiter darum ringen, mit und trotz all den Schrecken schon hier vergnügt und selig zu leben. Die Zusage Gottes gilt: „Meine Gnade ist genug für dich; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwäche!“
