4 Gott, der Herr, (Gott, die Macht über uns) hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger (Lernende) haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden (die Müden zu stärken). Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8 (Nahe ist mir die Kraft/Macht, die) Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.
Gemeinsam aufbrechen und die Müden stärken
Predigt über Jesaja 50, 4-9 in der koreanischen Gemeinde in Heidelberg am Sonntag Palmarum (25.03.2018)
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,
es ist wunderbar, dass wir heute gemeinsam Gottesdienst feiern können. Ich danke Ihnen sehr für diese Einladung – und ich danke Ihnen für die Gemeinschaft, die zwischen uns gewachsen ist.
Die Kirche Jesu Christi ist eine Kirche mit einem weiten Horizont in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht. Wir gehören zusammen: Woher wir auch stammen; welche Sprache wir sprechen; welche kulturelle Traditionen wir mitbringen; ob wir Mann oder Frau, alt oder jung, reich oder arm sind: wir sind eins in Christus!
es ist wunderbar, dass wir heute gemeinsam Gottesdienst feiern können. Ich danke Ihnen sehr für diese Einladung – und ich danke Ihnen für die Gemeinschaft, die zwischen uns gewachsen ist.
Die Kirche Jesu Christi ist eine Kirche mit einem weiten Horizont in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht. Wir gehören zusammen: Woher wir auch stammen; welche Sprache wir sprechen; welche kulturelle Traditionen wir mitbringen; ob wir Mann oder Frau, alt oder jung, reich oder arm sind: wir sind eins in Christus!
Zu uns gehören die, die uns vorangegangen sind, und die, die nach uns kommen werden.
Wir werden von denen getragen, die uns vorangegangen sind: Von Jesaja, auf dessen Wort wir heute hören. Von den ersten Christinnen und Christen in den Gemeinden in Kleinasien. Von unseren Lehrern und Lehrerinnen im Glauben, mögen es unsere Eltern oder Großeltern gewesen sein oder andere Menschen in unseren Gemeinden.
Und wir tragen Verantwortung für die Menschen, die nach uns kommen: für das Leben, das uns Gott zum Bebauen und Bewahren anvertraut hat; dass unser Glaube weitergegeben wird und die Müden gestärkt werden.
In dieser großen Zeit und Raum übergreifenden Gemeinschaft leben und glauben wir, in ihr feiern wir Gottesdienst. Was zeichnet unser gemeinsames christliches Leben heute aus? Wie werden wir als Gemeinde Jesu Christi erkennbar?
I
Das erste Kennzeichen ist das Hören. Wir sind eine Gemeinde, weltumspannend, durch die Zeiten hindurch. Das „Wir“ ist umfassend. Aber es lebt aus der Vielfalt der Glieder am einen Leib. Wer dazu gehört, muss nicht so aussehen, so angezogen sein, das gleiche politische Programm vertreten wie alle anderen. Der christliche Glaube ist konkret, persönlich und individuell. Mir gilt Gottes Zusage; ich bin gefragt; das hat uns die Reformation vor 500 Jahren noch einmal eingeschärft.
Alle Morgen weckt Gott mir das Ohr, dass ich höre, wie die hören, die Jesus nachfolgen. Das ist eine große Zumutung! Morgens aufzustehen – und dann erst einmal neu hinzuhören. Was hat Gott mir zu sagen? Das ist die Idee der Herrnhuter Losungen oder der täglichen Bibellese. Nicht morgens aufwachen und schon wissen, was richtig und falsch ist, sondern wieder neu hinhören. Was ist heute Gottes Auftrag an mich?
Wenn das gelingt, dann ist das wie so eine kleine Pause, ein Innehalten. Ein Spalt öffnet sich, in dem sich Gottes Güte ausbreiten kann. Gerade in Konflikten ist das hilfreich, egal ob sie persönlich oder politisch sind. Da geht normalerweise alles ganz schnell. Der beleidigt mich. Ich halte dagegen. Die anderen sind für mich oder für ihn. Es gibt keine Alternative. So schaukelt sich das Ganze auf – und dann geht es zur Sache.
Unser Gottvertrauen unterbricht diese Eskalation. Erst einmal durchatmen und hören, bevor das erste Wort aus dem Mund heraus geht: Was würde Jesus sagen? Sich in die Anderen hinein versetzen. Das Hören erfordert Mut! Nach Alternativen schauen. Dazu braucht es Phantasie! Und Geduld und Beharrlichkeit! „Gott öffnet mir das Ohr! Ich weiche nicht zurück!“
II
Der zweite Orientierungspunkt ist die Ausrichtung auf die Müden. Um sie geht es Gott. 4 Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.
Als müde werden in der Bibel Menschen beschrieben, die mit ihren Kräften am Ende sind. Sie haben geklagt und geschrien. Sie haben etwas erlitten – nun wissen sie nicht mehr weiter. Kraftlos sind sie. Verzweifelt. Manche richten sich ein in ihren Verhältnissen – und geben ihre Last weiter; andere versinken im Kummer.
Als müde werden in der Bibel Menschen beschrieben, die mit ihren Kräften am Ende sind. Sie haben geklagt und geschrien. Sie haben etwas erlitten – nun wissen sie nicht mehr weiter. Kraftlos sind sie. Verzweifelt. Manche richten sich ein in ihren Verhältnissen – und geben ihre Last weiter; andere versinken im Kummer.
Dieses Bild des erschöpften Menschen, von Burn-out und Müdigkeit redet direkt in unsere Zeit. Den Druck, sich selbst zu optimieren, erleben schon Jugendliche in der Schule. Es gilt, lebenslang immer besser zu werden, immer effizienter, immer mehr Kompetenzen in allen Dimensionen; aber eine Ruhe ist nicht in Sicht. Ich laufe immer hinterher. Wer dem nicht gewachsen ist, wird leicht beschämt. Gefragt ist der ganze Mensch, mit Körper, Geist und Seele. Manchen fällt es schwer, Arbeitszeit und Freizeit zu trennen; in bestimmten Berufen, die viel Anerkennung und Gratifikation versprechen, wird erwartet, dass Menschen jederzeit im Dienst sind.
Jesaja ruft uns auf, dagegen zu halten: Wie stärken wir die Müden? Wie sprechen wir ihnen überzeugend zu, dass Gottes Güte sie trägt und nicht zuschanden werden lässt?
Die Müden zur rechten Zeit stärken – das ist die Kunst, um die es in der Gemeinde geht. Diese Kunst hat m.E. zwei Seiten:
1. Sie wahrt das Geheimnis von Menschen: „Du kennst mich Gott, bei dir bin ich geborgen. Bei dir ist das, wo ich nicht den Erwartungen entspreche, das, was mir selbst an mir fremd ist, auch das ist bei dir gut aufgehoben!“ In unseren Gemeinden respektieren wir einander in unserer Verschiedenheit, in unserem Geheimnis, und vertrauen einander Gott an.
2. Dieser Respekt vor dem Geheimnis der Anderen führt aber nicht in eine Gleichgültigkeit. Wir suchen die Begegnung. Wir schauen achtsam, wo Menschen erschöpft sind. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch. Wir versuchen, ihr Vertrauen in Gott zu stärken und ihnen einen guten, gesegneten Platz in unserer Mitte zu geben. Dass sie Mut bekommen und sich selbst wieder mehr zuzutrauen.
In dieser Spannung von Geheimnis und Achtsamkeit im Umgang miteinander wächst die christliche Gemeinde.
III
Der dritte Orientierungspunkt ist die Gewaltfreiheit. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
Schon das Volk Israel hat diese Frage beschäftigt, die die Kirche seit 2000 Jahren nicht loslässt: Geht das: nicht zurück schlagen, sich selbst zurück nehmen, gewaltfrei neue Lösungen ermöglichen? Diese Fragen beschäftigen Sie wahrscheinlich in den letzten Monaten im Gespräch mit ihren Freunden und Verwandten in Korea sehr. Ich bin gespannt von ihnen zu hören, ob und wie sich in diesem Konflikt ein Fenster für eine friedlichere Zukunft öffnen kann.
Schon das Volk Israel hat diese Frage beschäftigt, die die Kirche seit 2000 Jahren nicht loslässt: Geht das: nicht zurück schlagen, sich selbst zurück nehmen, gewaltfrei neue Lösungen ermöglichen? Diese Fragen beschäftigen Sie wahrscheinlich in den letzten Monaten im Gespräch mit ihren Freunden und Verwandten in Korea sehr. Ich bin gespannt von ihnen zu hören, ob und wie sich in diesem Konflikt ein Fenster für eine friedlichere Zukunft öffnen kann.
Jesaja ist realistisch und nüchtern. Der Abschied von Krieg und Rüstung, die Suche nach anderen, gewaltärmeren Lösungen von Konflikten bedeutet ein hohes Maß an persönlichem Einsatz und Risiko. Wer Alternativen ausprobiert, braucht Mut. Vor allem, wenn gleichzeitig die Angst geschürt wird vor den Fremden, dem Gegner.
Das gilt im Kleinen wie im Großen: Der Krieg in Syrien ist ein Krieg auf dem Rücken und gegen die Menschen in Syrien. Unsere internationale Politik ist längst hinter die Regeln des sogenannten gerechten Krieges zurückgefallen: der Schutz der Zivilbevölkerung, die Verhältnismäßigkeit der Mittel, das Ziel eines dauerhaften und rechtsfähigen Friedens, nicht einmal das, worüber sich die christlichen Konzile und Staaten im Mittelalter verständigt hatten, wird beachtet. Die beteiligten Akteure kennen nur ihre Machtinteressen.
Was können wir als Kirchen tun? Bonhoeffer hat vor dem 2. Weltkrieg auf ein weltweites Friedenskonzil gehofft. Ein solches Konzil, zu dem der Papst, das orthodoxe Patriarchat und der ökumenische Rat der Kirchen einladen, wäre auch heute ein wichtiges Zeichen; noch besser wäre ein gemeinsames Treffen der Weltreligionen.
Der Ruf in die Gewaltlosigkeit gilt aber auch im Kleinen, da wo wir vor Ort etwas tun können. Wenn die Vertreter von Moscheegemeinden inzwischen große Angst vor Brandanschlägen haben; wenn muslimische Mädchen erzählen, wie sie wegen ihres Kopftuchs in der Straßenbahn behandelt werden, dann sind wir als Einzelne und in unseren Gemeinden gefragt, uns mutig und deutlich für die einzusetzen, die bedroht sind. Wir müssen Zeichen setzen und Spielräume eröffnen auf dem Weg des Friedens. Das ist nicht leicht und bequem, aber wir hören Gottes Wort und verlassen uns darauf: Gott wird uns helfen, darum werden wir nicht zuschanden.
IV
Heute am Palmsonntag denken wir daran, wie Jesus in Jerusalem einzog. Er ist unbewaffnet und orientiert sich an den Worten des Propheten: Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Die politisch Verantwortlichen nehmen ihn gefangen; das Volk stimmt seiner Ermordung zu, auch die Müden. Doch er bleibt seinem Weg und Gottes Geboten treu. Am Karfreitag stirbt er am Kreuz; aber drei Tage später setzt Gott ihn ins Recht und weckt ihn auf.
Heute, am Palmsonntag 2018, will Jesus in unsere Städte und Dörfer einziehen. Er will die Müden stärken und Frieden stiften. Seit Ostern ist der Tod besiegt. Lasst uns zusammen vortreten und es zeigen: Der Friede Gottes ist höher als alle anderen Mächte und Gewalten.
