Wir sind eine Hirtenkirche!

Predigt über 1. Petrus 5, 1-5 im ökumenischen Gottesdienst auf der Landesgartenschau in Lahr am Vorabend des Sonntags Miserikordias Domini (14. April

Der Predigttext für Hirtensonntag lautet:
 „Die Ältesten unter Euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch Teil habe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie:
- Nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt!
- Nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund!
- Nicht als solche, die über die Gemeinde herrschen, sondern als Vorbilder der Herde!  
So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
(Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Aber) alle miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“
 
Wir sind eine Hirtenkirche, liebe Gemeinde hier auf der Landesgartenschau! Wir vertrauen auf Christus, der uns wie ein Hirte durchs Leben führt und uns zugleich zu Hirten füreinander und für diese Erde macht. Hirten leben sehr nah an der Natur und eng verbunden mit ihren Tieren; zugleich aber leben sie im Vertrauen darauf, dass sie selbst auch geführt und getragen sind von Gott. In dieser doppelten Bindung an Gott und an diese Erde wachsen die Freude an Gottes Schöpfung und die Ehrfurcht vor dem Leben!
 
I
Mit unseren jüdischen Geschwistern beten wir zu Gott: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Ein Gebet des Vertrauens, das auch durch dunkle Täler und im Angesicht der Feinde trägt.
Manche der ältesten Bilder in den römischen Katakomben zeigen Jesus als Hirten mit einem Schaf, dem verlorenen Schaf auf den Schultern. Die ersten Gemeinden wurden verfolgt, Christinnen und Christen wurden wegen ihres Glaubens getötet und dann in diesen Höhlen begraben. Aber auf ihre Gräber haben sie dieses Bild gemalt. Es zeigt: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Seine Macht ist gebrochen. Wir haben eine Hoffnung, die uns auch durch den Tod trägt: Christus ist auferstanden und lädt uns auf seine Schultern, so wie er es versprochen hat: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“
Die Hirtenhütte hier auf dem Gelände der Landesgartenschau steht für diesen Glauben. Sie lädt uns ein innezuhalten und uns in unserem Glauben stärken zu lassen. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. …“
 
II
An der Hirtenhütte grasen Schafe. Es ist etwas Besonderes mit diesem Beruf. Der Hirte, die Hirtin leben ganz eng mit denen, die ihnen anvertraut sind. Sie stellen sich auf ihren Rhythmus ein; sie sind gemeinsam Teil eines größeren Ganzen.
Da stoßen Strategien einer möglichst effektiven und effizienten Produktion an ihre Grenzen. Wer hütet, muss sich Zeit nehmen; das ist so ähnlich wie mit kleinen Kindern. Da braucht es Geduld und Ruhe: die schlafen nicht dann, wenn uns das gefällt und sind nicht dann guter Dinge, wenn es uns gerade passt.
Wir sind eine Hirtenkirche! Wir vertrauen darauf, dass unser guter Hirte sich Zeit für uns nimmt. Dass Christus uns nachgeht, sorgt und sucht, auch wenn so ein eigensinniges Schaf mal wieder seinen eigenen Weg gehen will.
Und genau so sollen wir es auch mit- und füreinander machen: „Weidet die Herde Gottes!“ Dasein, mitgehen, sich Zeit für die anderen Menschen und für Gottes Schöpfung nehmen, innehalten – und entdecken: Ich bin Leben inmitten von Leben, das Leben will! So hat es Albert Schweitzer einmal formuliert. Diese Ehrfurcht vor dem Leben gehört zum Hirtenamt, diese Ehrfurcht gerade auch vor dem Kleinen und Besonderen: vor der Schönheit des Gänseblümchens und der Pracht der Rose, vor dem Zusammenspiel jedes einzelnen Teils im Ganzen.
Eine Landesgartenschau ist es eine großartige Gelegenheit, um diesen Respekt vor dem Leben der Tiere, der Pflanzen und Bäume, der Steine, des Wassers, der ganzen Schöpfung zu stärken. Schaut euch um und entdeckt die Schönheit, die uns umgibt! Freut euch an dieser großen und wunderbaren Schöpfung Gottes! 
 
III
Ich will das Hirtenleben nicht idealisieren. Schon die Weihnachtshirten „auf dem Feld bei den Hürden, die da des Nachts ihre Herde hüteten“, schon diese Hirten waren arm und sozial gar nicht gut angesehen. Sie hatten oft Streit mit den Landbesitzern, über deren Land sie zogen. Sie galten als eigensinnig, so wie ihre Schafe; sie mochten sich nicht gerne unterordnen und anpassen.
Die Lage für Hirtinnen und Hirten ist weltweit seitdem schlechter geworden. Immer mehr Flächen werden immer intensiver genutzt oder bebaut. Immer schneller verschwinden Lebensräume nicht nur für Schaf- und Ziegenherden, sondern – zunächst viel unscheinbarer – für bestimmte Pflanzen und Blumen. Dann finden bestimmte Insekten keine Nahrung mehr, dann die Vögel. Was die Hirten schon lange wissen, wie das eine ganz eng mit dem anderen zusammengehört, das müssen wir in den letzten Jahren mit Schrecken lernen. Wir denken, diese Randfläche, dieses Feuchtgebiet spielt doch keine Rolle. Aber jeder Eingriff verändert das Ganze – und plötzlich sterben die Bienen. Und dann? Müssen wir die Obstbäume in Zukunft von Hand oder mit Drohnen bestäuben?
 
IV
Wir sind eine Hirtenkirche! Die Kirche des großen Hirten Jesus Christus, der auf uns achtet. Auf jede und jeden einzelnen von uns, auf das eine Schaf von einer hundertköpfigen Herde, das sich verlaufen hat. So wie Gott mit uns umgeht, so achtsam sollen auch wir mit dem Leben um uns herum umgehen! Drei Dinge sind dabei besonders wichtig:
1.    Zu einem anderen Umgang mit der Natur kann man gezwungen werden; wenn die Autos zu viel Dreck ausstoßen, bleibt nichts anderes. Aber in der Hirtenkirche geht es um mehr: Da sollen das Hirtengefühl und die Ehrfurcht vor dem Leben wachsen und unser Leben und die Welt verändern. Das geht nur freiwillig, da muss sich unsere Haltung ändern.
Das ist wie mit dem Glauben. Zum Glauben kann man niemanden zwingen; der muss mich ergreifen. Nur dann entdecke ich, wie Christus mich stärkt und ermutigt und wie ich freier werde, wie mein Vertrauen wächst: „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar!“ Dann muss ich nicht immer schneller und mit mehr PS fahren. Ich muss nicht immer größer bauen. Ich muss nicht immer mehr verdienen. Gott erquicket meine Seele; das ist genug!
2.    Die Ehrfurcht vor dem Leben kommt aus dem Herzen; sie verträgt sich nicht mit Gewinnstreben. Nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, so muss dieses neue Lebensgefühl wachsen. Das ist schwer für uns, weil wir gelernt haben, alles in Geld umzurechnen: „Was bringt das?“ Die Hirten fragen nicht nach ihrem Gewinn, sondern ziehen übers Land und vertrauen in ihren Herzen darauf, dass sie mit ihren Herden von Gott getragen sind. Sie haben genug!
3.    Aber alle miteinander, bekleidet euch mit Demut. Die Ehrfurcht vor dem Leben gedeiht, wenn wir demütig miteinander und mit dieser Erde umgehen. Demütig heißt nicht unterwürfig und ängstlich gebückt. Demütig heißt: alles, was da ist, gehört nicht mir, aber Gott vertraut es mir an! Ich herrsche nicht über die anderen Menschen, die Tiere und Pflanzen; aber Gott vertraut sie mir an. Aufrecht und selbstbewusst und freudig darf ich alles gebrauchen und genießen. Und genauso aufrecht und frei nehme ich den Auftrag wahr, dieses Leben zu bewahren. Das ist wichtig für die Menschen und alles Leben um mich herum, aber vor allem auch für die kommenden Generationen: enkeltauglich wollen wir leben. So wächst die Ehrfurcht vor dem Leben.
 
V
Wir sind eine Hirtenkirche! Kommen sie in die Hirtenhütte und probieren Sie es aus! Ich weiß nicht, ob ihnen der zuständige Hirte erlaubt, mal ein Schaf auf die Schultern zu nehmen.
Christus, der Erzhirte, wie Martin Luther übersetzt hat, oder wie die Einheitsübersetzung sagt: der oberste Hirte führt uns in die Freude am Leben – und wenn wir nicht mehr können oder uns verlaufen haben, nimmt er uns auf die Schultern und trägt uns. Dann erleben wir, was uns der Predigttext am Ende verheißt: „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“