Kommt her, lasst euch stärken und lauft mit Jesus der Liebe nach!
Predigt zu 1. Korinther 14, 1-3. 20-25 im Festgottesdienst zur Wiedereröffnung der Evangelischen Stadtkirche Hockenheim am 2. Sonntag nach Trinitatis
Liebe Festgemeinde, herzlichen Glückwunsch zum Wiedereinzug in Ihre wunderbar renovierte Stadtkirche! Hell und einladend ist sie geworden, offen und kommunikativ. Mit ihrer barocken Verspieltheit lädt sie dazu ein, den Blick umherschweifen zu lassen: auf Engel, auf Jesus, auf der Empore auf die Bilder der großen reformatorischen Gestalten. Sie zieht den Blick und das Herz und die Seele nach oben, führt uns als Gemeinschaft zusammen und lässt uns spüren: Gott ist wahrhaftig mitten unter uns. Also: „Tretet ein!“ Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. „Schaut euch um!“ Bei allem, was euch unterscheidet, ihr gehört zu Jesus Christus, ihr seid seine Geschwister. Und dann: „Geht als Gesegnete wieder hinaus in die Stadt!“ Und nehmt Gottes Frieden mit und tragt ihn in die Welt.
I
Seit über 110 Jahren lädt diese Kirche ein, führt zusammen und strahlt aus. Menschen kommen mit ihrer Freude und lassen ihre Kinder da unter dem Engel taufen. Wer von Ihnen ist hier getauft worden? Wer hat hier geheiratet?
In diesen Mauern stecken Freude, Dank und Bitten, aber auch Trauer und Verzweiflung. Sie sind auch durch die Renovierung nicht vertrieben worden. Vielleicht haben sie sich ein bisschen alleine gefühlt in den vergangenen Monaten, weil hier im Raum nicht gesungen und gebetet und das Wort Gottes gehört wurde. Aber dafür waren ja viele hier zum Workout.
Aber nun sind Sie alle wieder da – und mit Ihnen auch die Gebete, die Lieder, die Worte der Bibel, die Hoffnungen und Sorgen; auch die alten Geschichten, von der Urgroßmutter, die hier gebetet hat, dass der Mann und der Sohn heil aus dem Krieg zurückkommen. Von den Eltern, die sich in die Kirche gesetzt und an den Händen gehalten haben: Hoffentlich geht bei der Operation unseres Kindes alles gut!
Diese Kirche steckt voller Erfahrungen und Geschichten mit Gott. Nun haben sie frischen Glanz bekommen, damit der Glaube heute an Schwung gewinnt, damit die Menschen hier und draußen Hoffnung bekommen und Mut, Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Davon erzählt auch der Bibeltext für den heutigen Sonntag. Er steht im Korintherbrief im 14. Kapitel:
Davon erzählt auch der Bibeltext für den heutigen Sonntag. Er steht im Korintherbrief im 14. Kapitel:
1 Lauft der Liebe nach!
Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.
20 Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Bosheit geht; im Verstehen aber seid erwachsen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Un-kundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen: Ihr seid von Sinnen!
24 Wenn aber alle prophetisch, verständlich redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.
Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.
20 Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Bosheit geht; im Verstehen aber seid erwachsen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Un-kundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen: Ihr seid von Sinnen!
24 Wenn aber alle prophetisch, verständlich redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.
II
Strebt nach der Liebe! Lauft der Liebe nach!
Das ist der erste Satz des heutigen Bibeltextes; das ist die Überschrift über das, was diese Kirche predigt. Direkt am Eingang, dort wo die Stufen jetzt weggefallen sind, damit ein barrierefreier Zugang möglich ist, markiert ein Kunst-werk, das ein Wort des modernen französischen Philosophen Michel Serres aufnimmt, diesen Grundton, der die Kirche bestimmt: „Die Liebe leuchtet inmitten der fünf Sinne, sie ist ihre glückliche Summe.“
Alles, was hier in dieser Kirche geschieht, alles, was das Miteinander der Gemeinde bestimmt, alles, was ausstrahlt aus dieser Kirche, lebt von der Liebe. Deshalb: Lauft der Liebe nach, die mit Christus in unsere Welt gekommen ist.
„Lauft nach!“ Darin steckt eine doppelte Bewegung, wie beim Atemholen: Ausatmen und Einatmen, Einatmen und Ausatmen. Lauft nach, d.h. kommt dahin, wohin Gott sich uns zeigt, dahin, wo Jesus uns zuruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Dafür ist dieses Haus da. Hier ist Gott gegenwärtig, wahrhaft unter euch. Hier sind Menschen eingeladen, innezuhalten und Atem zu holen.
Mit einer bunten Gottesdienstlandschaft: sonntags um 10, mit Familien- und Kindergottesdiensten oder auch mal abends, mit offenen Kirchentüren, die einladen, einzutreten, still zu werden, neue Kraft zu schöpfen. Mit Jump-Gottesdiensten für Menschen, die sich mehr beteiligen, die etwas sehen und erleben wollen. Mit klassischer Kirchenmusik, die zuhören und zur Ruhe kommen lässt. Der Hörsinn, der von der Liebe bestimmt ist, zeigt sich in vielerlei Gestalt, auch im Chorgesang, auch im Schwung der Gospelmusik.
Für all das ist hier Raum; in dieser Kirche lässt sich mit allen fünf Sinnen im Geist der Liebe innehalten und neue Kraft schöpfen: Hier gibt es etwas zu sehen und zu hören; im Abendmahl in der Mitte der Gemeinde schmecken wir, wie freundlich Gott ist; wir geben uns die Hand zum Friedensgruß beim Abendmahl und spüren, fühlen, wie Gott uns verbindet. Und manchmal gibt es auch etwas zu riechen, vom Blumenschmuck oder am Heiligen Abend, wenn der Duft des Weihnachtsbaums die Kirche erfüllt.
„Lauft nach!“, das heißt: holt in dieser Kirche Atem, lasst euch im Glauben und in der Hoffnung stärken. Kommt herein, hier findet ihr miteinander neue Zugänge zum Glauben, Wege mit den Engeln, Aufstiege in den Himmel.
III
Die andere Bewegung geht von der Kirche aus. „Lauft Jesus nach auf seinem Weg in die Welt!“ Und dann ausatmen. So bekommen wir die anderen in den Blick. Unsere Verantwortung für die Zukunft dieser Erde. Die Liebe bleibt nicht bei sich und unter uns. Wer hier in dieser Kirche im Glauben wächst und Erfahrungen mit Gott macht, der gewinnt Kraft auf andere zuzugehen. Ihnen zu erzählen, wohin die Engel einen Menschen führen wollen und können. Ihnen weiter zu sagen, was er selbst gehört hat: „Fürchtet euch nicht! Ihr gehört zu Gott.“
Dabei braucht man Herz und Verstand. Viermal sagt der Bibeltext: Bemüht euch, verständlich vom Glauben zu reden, so dass die Menschen einstimmen können und heute verstehen, was ihr sagt. Gott traut uns viel zu, wenn wir seine Liebe weitergeben. Wir haben Kraft, Klugheit, Energie, viele Möglichkeiten. Wir können zuhören und hinschauen: Was sind heute die Fragen? Was erhoffen und erbitten Menschen heute von Gott? Freiheit, die sich mit der Liebe verbindet; Kraft und Mut, sich im Glauben aufzurichten und für die Liebe einzustehen; Vertrauen, dass Gott für unsere Würde einsteht.
Diese Kirche ist ein Raum, um diese Beziehung zu Gott heute zu erproben und dem Gottvertrauen heute ein Gesicht zu geben. Was bedeutet das? Mir fällt die Taufe als Grundszene des Glaubens ein. Wir vertrauen unsere Kinder Christus an, der uns und ihnen zusagt: „Fürchtet euch nicht, ihr gehört zu mir!“ Ein Segen, der aufrichtet, sich an freien Menschen freut. Der uns, den Eltern, Patinnen und Paten, uns als Gemeinde aber auch sagt: Was aus euren Kindern wird, das liegt nicht in eurer Hand! Ihre Würde ist auch ihre Freiheit, einen anderen Weg zu gehen.
IV
Die Liebe will nicht in der Kirche bleiben. Sie will raus in die Stadt zu den Menschen. Sie will gerade zu denen, die Jesus zu sich einlädt: zu den Kranken, zu den Schwachen, zu den Armen. Jesus lockt uns hinter sich her: Kommt mit mir mit. Lauft mit mir der Liebe nach!
Was bringt Jesus mit dieser Liebe? Einerseits Trost, Ermutigung, Stärkung! Damit beginnt es: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Das haben wir in die Welt zu tragen, mit unserer Diakonie, mit unseren Angeboten für Familien, für Kinder und Jugendliche, mit Vesperkirchen und Beratung. Darauf warten und hoffen die Menschen.
Aber dann ist das Mitgehen mit Jesus für uns und die anderen auch Herausforderung und Mahnung. Warum geht er eigentlich immer zu denen, mit denen wir lieber nichts zu tun haben wollen? Da sitzt eine Frau am Brunnen, eine Fremde, die nicht zu uns gehört – und was macht Jesus: geht hin, redet mit ihr, stärkt sie. Da ist dieser Zachäus, der am Zoll unseren Leuten das Geld aus der Tasche zieht – und was macht Jesus: geht hin und isst mit ihm. Und gewinnt ihn dazu, umzukehren, sein Leben neu auszurichten.
Wer der Liebe nachläuft, setzt Zeichen in dieser Welt – Zeichen der neuen Wirklichkeit der Liebe Gottes. Jesus ruft uns zu: Die Mächtigen unterdrücken diejenigen, die ihnen anvertraut sind, aber so soll es unter euch nicht sein! Wie können wir das leben? Jesus mahnt: Liebet eure Feinde! Was können wir tun für Versöhnung, für den Frieden, für das Miteinander gerade mit den Fremden; wie können wir eintreten gerade für die, die nicht für sich sorgen können. „Lauft der Liebe nach!“
V
Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer wunderbar frisch und kraftvoll renovierten Kirche. Sie zeigt uns: Gott ist in Jesus Christus mitten unter uns und ruft uns zu: „Kommt her, fürchtet euch nicht, ihr gehört zu mir.“ In ihr erleben wir: Wir gehören schon jetzt in Gottes Wirklichkeit. Wir spüren in diesem Raum, in unseren Gottesdiensten, in der Musik schon etwas von dieser neuen Welt, in der kein Schmerz, kein Leid, keine Ungerechtigkeit, kein Krieg mehr sein werden.
Hier werden wir verbunden in einer neuen Gemeinschaft, in der wir verschieden und eigensinnig sein dürfen und doch gemeinsam in Christus verbunden sind.
Hier werden wir herausgerufen aus alten Wegen und mutig in die Welt gesandt: „Lauft der Liebe Christi nach, weil Gott mitten unter euch ist.“
