Der Friede Christi sei mit euch!
Zwei Familien, insgesamt neun Personen steigen im Herbst 1945 aus einem Bus. Sie sind aus ihrer Heimat in Ostpreußen vertrieben worden. Sie sind weit gelaufen. Immer mal wieder haben sie Lastwagen ein Stück mitgenommen. Nun stehen sie auf dem Dorfplatz – in einem badischen Dorf. – Hier sollen sie bleiben? Ein paar Nachbarn versammeln sich auf dem Platz, schauen, mustern, wer da kommt. Man kann die Fragezeichen auf ihrer Stirn sehen: Vertriebene!? Passen die zu uns? Wo wollen die wohnen? Ist doch eh alles knapp!?
Heimat gestalten!
Einführung im ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibung am Weltflüchtlingstag in Pforzheim am 20. Juni 2018
Da kommen der Bürgermeister und der Pfarrer. Und der sagt: „Der Friede Christi sei mit euch!“ „Dieser Satz war für meine Oma entscheidend“, hat mir die Enkelin erzählt. „Wie es jetzt genau weitergeht, das würde sich zeigen, aber dieser Friedensgruß hat sie ankommen lassen. Ja, wir sind aus der Heimat vertrieben worden, aber nicht aus der Gemeinschaft mit Christus!“
„Der Friede Christi sei mit euch“: Wie eine Glocke wölbte sich dieser Satz über den neuen Ort und schloss die beiden Familien mit ein.
Damit war das Dorf noch nicht zur Heimat geworden. Es hat noch lange gedauert, bis sie dazu gehörten, bis beide Seiten mit ihren Unterschieden gut leben konnten, bis sich die ers-ten verliebt und geheiratet haben. Und manchmal heißt es heute noch zu den Enkelkindern: Ihr seid ja Vertriebene, Dazugekommene. Und doch: Unter diesem Bogen des Friedensgru-ßes, der das Dorf und den Stadtteil und die Nachbarschaften überwölbt wie ein Regenbogen, konnten die Einheimischen und die Dazugekommenen anfangen miteinander Heimat zu gestalten!
Heimat gestalten: Unter diesem Motto steht unser Gottesdienst am Weltflüchtlingstag. In ihm gedenken wir der Opfer von Flucht und Vertreibung, den Menschen, die damals und heute ihre Heimat verloren haben, den Menschen, die damals vor dem Krieg und den Folgen des Krieges flohen, und der Menschen, die heute vor Krieg und Bürgerkrieg fliehen, der Menschen, die vertrieben oder verfolgt wurden und werden.
Aber wir bleiben nicht stehen beim Gedenken. Wir sagen auch „danke“ an alle, die sich für die Vertriebenen und die Menschen auf der Flucht engagieren: für ihre Freundlichkeit, für ihre Bereitschaft zu helfen, für ihr geduldiges Mitgehen.
Christus geht mit: auf den schweren Wegen aus der Heimat, mit all den Abschieden und Ver-lusten. Er lässt die Fremden nicht allein und er ermutigt uns zum Helfen. Auch „wir haben ja hier keine bleibende Statt, sondern suchen die zukünftige.“
Im Geist Christi wollen wir unsere Heimat gestalten: mit denen, die seit vielen Generationen hier leben, mit denen, die als Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg kamen, mit denen, die in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren auf der Suche nach Arbeit und neuen Perspektiven hier her gekommen sind, mit denen, die heute bei uns Zuflucht suchen.
Heimat gestalten ist eine Aufgabe für beide Seiten:
für die, die einen Ort suchen, an dem sie in Frieden leben und ihren Lebensunterhalt verdie-nen können, die auf eine neue Heimat hoffen, auf eine Zukunft für ihre Kinder und Enkelkinder.
Und für die, die Sorge haben, was sich dadurch für sie und ihre Orte verändert und ob es für alle reicht.
In diesem Miteinander Heimat zu gestalten ist nicht leicht. Da herrscht Angst voreinander; da sind Spannungen auszuhalten; da gibt es Enttäuschungen über Begegnungen und Krän-kungen auf beiden Seiten. Davon erzählt schon die Bibel in ihren Flucht- und Migrationsgeschichten: nüchtern und realistisch sind diese Geschichten, ohne dass das Schwere weggeredet wird, aber immer voll Vertrauen auf Gott und Jesus Christus, der mit offenen Armen alle empfängt, die fliehen müssen, die fremd sind oder heimatlos.
Über alle Konflikte spannt er seinen Bogen: „Der Friede Christi sei mit euch!“ Er sagt den einen: „Sucht der Stadt Bestes, in der ihr Zuflucht gefunden habt; nur so kann sie eure neue Heimat werden!“ Und die anderen ruft er auf: „Bedrückt die Fremden nicht! Nehmt sie als Menschen an, die Gott euch anvertraut! Was ihr getan habt einem unter diesem Fremden, das habt ihr mir getan!“
Unter diesem Friedensbogen wird die Angst kleiner und unser Vertrauen wächst, dass wir unsere Heimat miteinander gut und lebenswert gestalten können. Unter diesem Friedensbogen ist kein Platz für Fremdenfeindlichkeit, aber es ergeben sich viele Möglichkeiten, Verantwortung für die alte und neue Heimat zu übernehmen. Unter dem Friedensbogen öffnen wir unsere Türen und rufen denen, die bei uns Zuflucht suchen, zu: „Der Friede Christi sei mit euch!“
