Ein Lebensraum für die Hoffnung

Predigt über 1.Petrus 3, 8-17 im Festgottesdienst zum 460-jährigen Bestehen der Evangelischen Kirchengemeinde in Bad Dürrheim-Öfingen am 24.06.2018

Liebe Gemeinde,
ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu diesem besonderen Jubiläum: 460 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Öfingen! Wunderbar erstrahlt Ihre Kirche im Glanz der Blumen und der freudigen Gesichter – und unter den Klängen von Orgel, Barockensemble und Musik- und Trachtenverein.

Was für ein Horizont, der sich da öffnet. So weit wie der Blick vom Himmelsberg, wenn das Wetter gut ist: bis in die Schweizer Alpen, und in der Geschichte bis zurück zu den großen Reformatoren Brenz und Schnepf, zu Martin Bucer in Straßburg, zu Martin Luther in Wittenberg.
Und Ihre Kirche selbst erzählt, dass die Geschichte des christlichen Glaubens in Ihrem Ort ja nicht erst mit der Reformation beginnt. Schon dreihundert Jahre früher entsteht eine Kirche hier vor Ort, in dieser Lage. Menschen halten inne und hören auf Gottes Wort. Sie empfangen das Abendmahl; sie lassen sich trauen und ihre Kinder taufen. Sie kommen mit ihren Hoffnungen und ihrer Trauer, ihrem Dank und ihren Bitten und bringen all das vor den dreieinigen Gott.
Wir singen und beten heute in einer langen Tradition! Das Taufnamenprojekt zeigt das auf beeindruckende Weise: 10.550 Menschen wurden in Ihrer Gemeinde seit 1558 getauft. Ihre Namen stehen auf den wunderbaren weißen Leintüchern; ihre langen und kurzen Lebenswege, ihre Gebete, ihre Wünsche und ihre Trauer prägen ihren Ort und diese Kirche. Dankbar gedenken wir an die Menschen, die uns vorangegangen sind, die uns den Glauben weitergegeben haben, uns zur Liebe ermutigt haben und unsere Hoffnung genährt haben.

Wir schauen aber nicht nur zurück. Die Kindergartenkinder haben es uns gerade vor Augen geführt. Wir schauen auch nach vorne, in die Zukunft. Wohin geht der Weg unserer Gemeinde? Ich habe von den Kindern die schönste Einladung zu diesem Gottesdienst bekommen, die ich bisher erhalten habe. Jedes Kind hat ein Bild gemalt, was ihm oder ihr an diesem Ort wichtig ist, was für sie diese Gemeinde auszeichnet. Wir schauen als Kirche dankbar zurück, wir feiern das Heute und wir richten uns nach vorne aus: auf die Zukunft Gottes, auf eine Kirche, die auch unsere Enkelkindern noch stärken und ermutigen wird, dass sie frei und aufrecht für den Glaube, Liebe und Hoffnung eintreten.

I

Was zeichnet unsere Kirche und unsere Gemeinden aus – und wohin sollen sie sich entwickeln?
Heute ist der Tag des Täufers Johannes. Einen Johannes haben Sie auch in dieser Kirche. Es ist der Evangelist, der auf diesem schönen Fresko im Chorraum an seiner Geschichte von Jesu Leben, Sterben und Auferstehen schreibt. Auch der andere Johannes, an den wir heute besonders denken, verweist auf diesen Jesus. Kennen Sie seinen langen Zeigefinger? Auf dem berühmten Altar in Colmar hat Matthias Grünewald ihn mit diesem Kennzeichen gemalt.

„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, ruft er den Menschen zu. „Bereitet den Weg des Herrn und macht eben seine Steige.“ Das ist seine Botschaft. Er weist von sich weg auf den, der da kommt und die Welt neu macht: Jesus Christus! Für ihn will er die Menschen sensibilisieren, sie für die neue Welt Gottes aufrütteln: Schaut doch da ist er! Seine Predigt, seine Gespräche, sein Handeln öffnen einen Raum, damit die Menschen, diesem Jesus begegnen können. „Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünden der Welt trägt.“ „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

An Johannes können wir uns als Kirche gut orientieren: einen Raum zu öffnen, in dem Menschen Gott begegnen können; das ist auch unsere Aufgabe. Das gilt für den Kirchenraum, der möglichst oft offen sein sollte. Das gilt aber auch für die Gemeinde. Sie ist ein Lebensraum, in dem Gottes Regeln gelten: Hier bin ich Gottes Kind mit meinen Stärken und meinen Schwäche – und die da neben mir ist auch Gottes Kind. Wir gehören zusammen und haben einen gemeinsamen Auftrag. Die Hoffnung zu nähren, dass das Gute siegen und der Tod überwunden werden wird.

Dafür sind wir da als Kirche, als Kirchengemeinden: Verlässlich sollen wir das weitersagen, regelmä-ßig diesen Raum zur Begegnung mit Gott und Christus offen halten, Menschen trösten und ermutigen, aber auch herausfordern: Wo liegt deine Verantwortung für die Menschen um dich herum, für diesen Ort und diese Erde?

Diesen Geist des Johannes wollen wir ausstrahlen, eine offene Kirche, die einlädt, deren Lichterglanz ausstrahlt und den Menschen sagt: Auf den müsst ihr schauen und hören. Er ist am Kreuz gestorben, aber Gott hat ihn nicht dem Tod überlassen. Der macht die Welt neu!
 
II

Der Predigttext für den heutigen Sonntag nimmt diesen Ruf von Johannes auf und beschreibt noch genauer, was Kirche auszeichnet:
8 Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. 9 Vergel-tet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt. 10 Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. 11 Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach.
12 „Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber sieht auf die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17). 13 Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? 14 Und wenn ihr auch leidet um der Ge-rechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; 15 heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

  • 1.    Wie wir als Gemeinde miteinander leben, das ist das erste, wie Jesus unter uns Gestalt gewinnt und was in unsere Orte ausstrahlt: Geschwisterlich, mitleidig, barmherzig, demütig, gleich gesinnt.
Sie sind 800 Menschen hier im Ort, 500 gehören zur Gemeinde. Sie wissen voneinander. Wenn eine im Dorf krank ist, soll sie besucht werden: geschwisterlich und barmherzig – so lebt die Gemeinde. Aufmerksam füreinander. Und wenn man selbst nicht gehen mag, dann sagt man es der Pfarrerin.

Sie kennen sich gut: ihre Stärken, auch ihre Schwächen. Da sind sich nicht alle sympathisch; da will man auch nicht mit allen befreundet sind: aber in Christus, als Gemeinde zeichnen wir uns gerade dadurch aus, dass wir gute Wege des Miteinanders auch mit denen suchen und finden, die uns fern und fremd sind. Denn uns ist das Amt der Versöhnung aufgetragen. Auf diesem Weg der Versöhnung geht Jesus uns voran und zieht uns hinter sich her.

Er hat das Böse nicht mit Bösem vergolten; er ermutigt auch uns, das Böse mit Gutem zu überwinden. Wie geht das? Wenn zwei Nachbarn schon lange zerstritten sind - manchmal weiß niemand mehr so genau, warum eigentlich - dann den ersten Schritt tun. Dann Mut machen, sich aufeinander zuzubewegen. Das ist unsere Aufgabe. Dazu ist die Gemeinde da, zum Miteinander zu ermutigen und es einzuüben.

  • 2.    Wofür wir einstehen, das ist das zweite, was Kirche auszeichnet. Wer sich an Jesus ausrichtet, sich von ihm mitreißen lässt, sucht den Frieden und jagt ihm nach. Im Jagen steckt viel Energie. Frieden und Versöhnung kommen nicht von selbst; wenn wir sie stärken und erhalten wollen, müssen wir etwas tun; Gott traut uns das zu! Eben nicht zu vergelten, sondern aus den Zirkeln der Vergeltung auszubrechen; sich nicht mit Gewalt durchsetzen, sondern das Miteinander auch mit denen wagen, die anders sind.
Eine Kirchengemeinde ist nicht um ihrer selbst willen da; ihr erstes Ziel ist es nicht, dass sie als Organisation mit schönen großen Räumen und viel Personal erhalten bleibt, auch wenn wir uns über jedes neue Mitglied freuen, das uns unterstützt, auch mit Geld. Aber wie Jesus nicht für sich selbst, sondern für uns und unsere Welt da ist, so richtet sich auch die Kirche aus. Sie ist Kirche für die Welt: für einen gerechten Frieden, für Versöhnung statt Polarisierung, für Barmherzigkeit und Anerkennung statt Neid und Abwertung.

  • 3.    Und schließlich zeichnet Kirche aus, dass sie Rechenschaft gibt von der Hoffnung, die in ihr ist. Wie geschieht das? Wir haben es eben mit den Kindern aus dem Kindergarten erlebt. Wir geben die gute Nachricht weiter: Gott behütet uns. Gott macht uns mutig und frei. Gott ruft uns in die Verantwortung füreinander.
Wir leben aus der großen Hoffnung, die mit Christus in unsere Welt gekommen ist. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Macht geht nicht mehr vor Recht. Die Gewalt wird ein Ende haben. Gott ist auf der Seite der Opfer. Das ist seit Ostern die gute Nachricht, die unser Leben in ein neues Licht rückt: unser privates, persönliches Leben, aber auch die große Politik. Krieg ist kein Mittel der Politik; er bringt unendliches Leid über die Menschen und löst unsere Probleme nicht. Menschen auf der Flucht brauchen unsere Hilfe. Sie kennen das hier in ihrer Kirchengemeinde: Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Vertriebene hierhergekommen; das war nicht leicht, weil vieles hier anders war als da; aber sie haben zusammengefunden, neue Wege miteinander, im Vertrauen darauf, dass Gott uns in die Verantwortung füreinander nimmt. (Nach dem Gottesdienst haben wir gehört, dass manche der 10.500 Namen der Getauften französischen oder italienischen Ursprungs sind, weil schon vor dreihundert Jahren Flüchtlinge hierher kamen oder durchzogen; Glaubensflüchtlinge aus den norditalienischen Waldensertälern und Hugenotten, die in Frankreich verfolgt wurden.)

III

Im Deutschen hat unser Predigttext einen auffordernden Klang, er steckt voller Imperative: Sucht, jagt nach, seid so gesinnt, vergeltet nicht! Aber das, was wir machen und tun, kommt eigentlich erst an zweiter Stelle. Entscheidend für unseren Glauben ist, was Gott für uns tut: Gott segnet uns.

Aus diesem Segen erwachsen dann die „Anwünschungen“: Gott wünscht uns die Kleider an, die zeigen, was dieser Segen aus uns macht: barmherzige, freundliche, zugewandte, frei und mutige Menschen. In diesem Geist verändert Gottes Segen uns. Am deutlichsten zeigt das die alte Tradition des Taufkleides: Da stiegen die Täuflinge ins Taufbecken hinab und kamen als neue Menschen heraus. Dann zogen sie das weiße Gewand über und lebten ein neues Leben. Schlüpf hinein in das neue Kleid, das Christus für dich bereit hält: das dich aufrichtet und schön macht, das deine Verletzungen, deine Beeinträchtigungen schützt und umkleidet, das dich stützt und stärkt wie ein Korsett, das dir Bewegungsfreiheit lässt, damit du deinen eigenen Weg gehen kannst; ein Kleid, in dem du mit erhobenen Haupt und Freude anderen begegnen kannst.

Ich wünsche Ihnen, liebe Festgemeinde, weiterhin so viel Kraft und Freude mit Ihrer Gemeinde. Möge Gottes Segen Sie tragen, dass Sie zum Segen werden für diesen Ort, für unsere Erde.