Furchtlos auf dem Weg der Freiheit!

Predigt über Galater 5,25-6,10 im Ordinationsgottesdienst in der Christuskirche in Mannheim am 09.09.2018

Liebe Festgemeinde!
„Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ (1. Petrus 5, 7) Das ist die Überschrift der Woche, die heute beginnt. „Christus sorgt für euch!“ Damit beginnt das christliche Leben; diese Zusage ist das Elixier, das frei macht von Angst und ermutigt, aufrecht zu handeln. In diesem Gottvertrauen ist viel möglich; da kommt Bewegung in uns, da kommt Schwung in unsere Gemeinden, in unsere Kirche, in diese Welt.

Diese Zusage gilt auch und gerade Ihnen, liebe Ordinandinnen! Sie ist der Grundton auf den Ihre geistliche Existenz und Ihre Existenz als Geistliche gestimmt sind. Sich auf Christus verlassen und aus diesem Vertrauen gelassen mit all dem umgehen, was an Herausforderungen auf Sie zukommt, was Sie selbst von sich erwarten; darin soll die heutige Ordination Sie bestärken.
I
 
Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag:
Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. Liebe Schwestern und Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zu Recht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.
Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen. Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.
Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.
II

„Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln!“ Der Galaterbrief führt in die christliche Freiheit. Sie beginnt mit dem, was Gott für uns tut. Wir werden frei, weil wir getragen und geborgen sind. Ein Lebensge-fühl stellt sich ein, dass wir Teil eines Wärmestroms sind, der die Welt neu macht.

Aus diesem Gefühl leben wir: Christus ist für uns da und nimmt unsere Sorgen, unsere Unsicherheit, unseren Neid und unsere Konkurrenz weg, nimmt sie auf sich. Deshalb: „Fürchtet euch nicht!“ Nicht vor dem, was alltäglich zu tun ist, auch nicht vor großen Herausforderungen, nicht einmal vor dem Tod. Die biblischen Geschichten erzählen, wie sich die Welt im Geist Gottes verändert, wie Menschen mitgerissen und befreit werden, wie sie umkehren von falschen Wegen: Da werden Kranke heil, die anderen drängen sie nicht mehr ins Abseits; sie gehören wieder dazu. Menschen, die in ihren Ängsten gefangen waren, werden frei. Fremde werden nicht bedrückt, sondern gastfreundlich aufgenommen. Die Schrecken des Krieges finden ein Ende und aus Schwertern werden Pflugscharen.

Dieses Vertrauen auf Gottes Beistand ist die Basis, die uns trägt und bewegt. Mit ihr beginnt das geistliche Leben; davon leben wir, gerade auch als Geistliche.
 
III
 
„Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln!“ „Im Geist wandeln“, das gilt allen Christinnen und Christen. Was das bedeutet, fasst unser Predigttext mit seinem Schlüsselsatz zusammen: Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Wer im Geist Christi lebt, interessiert sich für die Menschen um sich herum. Er oder sie sieht ihre Kräfte und Gaben, aber auch ihre Lasten. Und kann dann gar nicht anders, als zupacken und mittragen.

Zu diesem „im Geist wandeln“ gehört auch das, wozu Sie heute berufen werden: Das „Fürchte dich nicht!“ der Taufe weiterzusagen; Menschen zuzuhören und sie zu segnen; Freiheitsräume zu öffnen; an den Tisch Christi einzuladen, um Menschen zu stärken; Begegnungen zwischen Personen zu ermöglichen, die sich fremd sind oder sogar feind; für Versöhnung einzutreten und zur Umkehr zu mahnen.
 
Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen. Das evangelische Pfarramt war und ist ein öffentliches Amt; beim Lasten tragen geht es nicht nur um die, die sonntags in die Kirche kommen oder zu unseren Gruppen und Kreisen; es geht auch nicht nur um die Mitglieder unserer Kirche. Christus öffnet unseren Blick für alle, die in Not sind: für die Armen, für die Fremden, und – wie beim barmherzigen Samariter - für die, die unter die Räuber gefallen sind. Das sind heute die Menschen auf der Flucht, die drohen, im Mittelmeer zu ertrinken; das sind die, die einsam alt werden und schreckliche Angst haben, mit ihrem wachen Verstand auch ihre Würde zu verlieren; das sind die, die am Rande stehen und Angst haben, weil sie eine andere Hautfarbe haben, weil sie Jüdinnen oder Juden sind oder Muslime.

Diese weite und öffentliche Orientierung beim Lastentragen schließt eine besondere Verantwortung für unsere Glaubensgenossen ein: Wir werden gegenwärtig von den badischen Gemeinde orthodoxer Christinnen und Christen aus Syrien um Hilfe gebeten. Sie haben, solange das möglich war, Familienmitglieder aus den Kriegsgebieten als Gäste bei sich aufgenommen. Sie haben sie weitgehend selbst finanziert, ihre Wohnung mit ihnen geteilt. Inzwischen sind sie am Rande ihrer Möglichkeiten und brauchen dringend unsere Hilfe. Sie sind uns nah; sie sind unsere Geschwister in Christus; deshalb fühlen wir uns für sie besonders verantwortlich.

IV
 
Die Kirche, die Gemeinden freuen sich auf Sie! Auf Ihren Schwung und Ihre Ideen, auf Ihre Kraft, das Leben vor Ort mitzutragen und zu gestalten. Sie werden die Erfahrung machen, dass Menschen dankbar und erleichtert aus einem Gespräch mit Ihnen nach Hause gehen; dass Sie miteinander Gottesdienste feiern, aus denen viele gestärkt, ermutigt und beschwingt in ihren Alltag zurückkehren; dass Sie mit Ihrer Gemeinde deutliche Zeichen setzen können: für ein solidarisches Miteinander im Geist Christi: dass die Alten nicht rausfallen aus der Gemeinschaft, dass die Fremden gastfreundlich aufgenommen werden.  

Manchmal werden die Lasten aber auch schwer. Dann lässt der Schwung nach und Müdigkeit breitet sich aus: Wenn Ihnen in der Seelsorge etwas anvertraut wird, was Sie kaum ertragen können. Wenn Sie das Gefühl haben, jetzt müsste sich doch mal etwas ändern, Räume anders genutzt und gestaltet werden, damit junge Leute mehr Platz haben – und die anderen finden Ihren Anstoß nur störend und sagen: „Das geht doch sowieso nicht. Das war doch noch nie so.“ Und manchmal kommen die Belastung und die Müdigkeit auch aus dem Gefühl: „Ich lebe hier und gehöre zu dieser Gemeinde und falle doch irgendwie heraus und bleibe fremd.“

Das sind Lasten des Amtes, auf das Sie sich heute verpflichten und zu dem Sie berufen werden. Aber auch Ihre Lasten müssen und sollen Sie nicht alleine tragen. Es heißt eben nicht: „Die Pfarrerin trage die Last aller anderen Gemeindeglieder; so wird sich das Gesetz Christi erfüllen.“ Sondern im Geist Christi geht es um ein wechsel-seitiges Geschehen, ein lebendiges Miteinander: Ich trage deine Last mit, du trägst mit einem anderen, eine an-dere hilft mir tragen.

Deshalb verpflichten sich in der Ordination nicht nur Sie, sondern auch wir als Kirche und Ihre Gemeinden. Deshalb werden Sie, liebe Gemeinden, liebe Synodale, Mitarbeitende, Kolleginnen und Kollegen und Älteste nachher gebeten aufzustehen und mit Ja zu antworten, wenn Sie gefragt werden: „Seid ihr bereit, diese Schwes-tern, die wir nun ordinieren, als eure Pfarrerinnen anzunehmen, und versprecht ihr, mit ihnen zusammen dem Aufbau der Gemeinde zu dienen?“ Und nach der Ordination hören Sie dann noch einmal die Bitte: „Steht Ihnen bei!“ Das fordert auch der Predigttext, wenn er sagt: Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.
 
V
 
Was hilft Pfarrerinnen und Pfarrern, Ihre Lasten zu tragen? Natürlich die Pause; dass es auch mal genug ist und Sie rauskommen in die Ruhe, sei es in die Stille, sei es in anderen Begegnungen. Dass andere um die besonderen Herausforderungen Ihres Dienstes wissen und für Sie beten. Dass Sie erleben, wie andere Ihre geistliche Last mittragen, so wie ein 86jähriger Kirchenältester mir nach der Beerdigung eines Kindes sagt: „Es war gut, dass Sie auch nicht auf alles eine Antwort wussten. Aber alle haben gemerkt, wie Sie um Hoffnung und Glauben ringen.“

Im Geist Christi miteinander Lasten tragen. Das andere ist die Gemeinschaft. Die Menschen, die Sie getragen haben und auch weiter mit Ihnen tragen: Ihre Familien, Personen in den Gemeinden, aus denen Sie stammen, die Begleiterinnen aus dem Lehrvikariat. Und natürlich ist Kollegialität wichtig. Sie haben sie in Ihrem Kurs im Vikariat eingeübt. Sie waren gemeinsam auf dem Weg und haben die Erfahrung gemacht, wie hilfreich es ist, die Erfahrungen aus der eigenen Gemeinde mit anderen zu teilen, einander in Schwierigkeiten zu stärken und zu stützen, sich miteinander zu freuen. Das hat sich gerade auch in den letzten Wochen bewährt, in denen Sie als Kurs noch einmal kräftig durchgeschüttelt worden sind. Wir hoffen, dass sich für alle von Ihnen am Ende gute Lösungen finden lassen werden. Und wir hoffen, dass Sie auch zukünftig in Ihren Gemeinden, Regionen und Bezirken ein solches Miteinander erfahren, das mit Ihnen trägt.
 
VI
 
„Eine, einer trage des anderen, der anderen Last; so erfüllt ihr das Gesetz Christi!“ Das Pfarramt ist ein geistliches Amt. Es lebt aus der Erfahrung, getragen zu werden. Diese Erfahrung will regelmäßig gestärkt sein; sie gilt es zu pflegen: sich nicht auffressen zu lassen von Erwartungen und Aufgaben; sich selbst Zeit zu nehmen für das Hören; auch für sich selbst Seelsorge in Anspruch zu nehmen. Lassen Sie sich auch von anderen sagen: „Fürchte dich nicht!“

Aus dieser Erfahrung heraus, getragen zu sein, steigt die Bereitschaft, anzupacken und selbst zu tragen. Wächst die Kraft und die Ausdauer, anderen Gottes Zusage zu verkündigen: „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ (1. Petrus 5, 7) In diesem Getragen Sein gedeiht die Gelassenheit, die das, was Gott für uns tut, von dem unterscheidet, was wir mit- und füreinander tun können.
Christus ruft allen Christenmenschen, aber eben auch denen im Pfarrdienst zu: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!“ Bei ihm, unter seinem Kreuz und im Glauben an seine Auf-erstehung wird uns unsere Last leicht und wir werden frei für die Lasten der anderen.

Wir freuen uns auf Sie, dass Sie unsere Kirche nun als Pfarrerinnen mitgestalten und all das mittragen helfen, was an Herausforderungen auf uns zukommt. Wir wünschen Ihnen, wie Sie in Ihrem Dienst getragen werden: von Menschen, Gemeinden und dem dreieinigen Gott.