David und die Macht: Mut, Schuld und Gottvertrauen

Predigt zur Eröffnung des Projektes „David" in der Stadtkirche Karlsruhe am 09.09.2018

David strahlt Stärke aus, liebe Gemeinde! Er genießt seine Kraft. „Gott traut dir viel zu!“, hat der Pro-phet Samuel ihm gesagt und ihn gesalbt. Aufrecht steht unser David da: stark und lebendig. Ein ener-gisches Kinn, eine hohe Stirn, kräftige Oberarme. Er weiß, was er will. Er weiß, was er kann.

Aber David ringt auch mit der Macht. Sie zieht ihn in ihren Bann. Wie eine Binde legt sich die Macht vor seine Augen und verführt ihn. Wie der Teufel flüstert sie ihm ins Ohr: „Diese Frau würde dir doch auch gefallen. Nimm sie dir doch einfach!“ Oder: „Mach mit deinen Gegnern, was du willst! Du hast sie besiegt.“ Dann tut dieser schmächtige Jüngling mit der großen Haartolle schreckliche Dinge, nicht nur unter seinen Feinden. Am Ende ist er über sich selbst entsetzt.

David freut sich an seinen Möglichkeiten; aber er erlebt auch, wie verführerisch die Macht ist, wenn sie sich verselbständigt, wie schreckliches Unheil sie anrichtet. Beides bringt David vor Gott und vertraut sich Gottes lebendiger und heilsamer Macht an: Alle Macht kommt von Gott und findet bei Gott ihre Grenze. Gott traut uns viel zu. Gott holt uns zurück, wenn wir Grenzen überschreiten. Gott richtet uns neu aus und auf.
Es ist Gottes Macht, die David liebt, mit der er im Gespräch ist, die ihn mutig und stark macht - und seine Macht heilsam begrenzt.
 
I
 
Groß und stark ist unser David. Mit ihm zusammen können wir aufrecht durch die Stadt gehen. Dieses Gefühl mit ihm teilen: „Ich weiß, was ich kann! Mir ist viel anvertraut. Das will ich nutzen und mutig und frei meine Welt mitgestalten.“

So geht David auf Goliath zu. Auch wenn der sechs Ellen und eine Handbreit groß ist, also gute 2 Meter – ein Riese, hochgerüstet mit den besten Waffen.

Es ist manchmal schwer, sich etwas zuzutrauen: „Kann ich das schaffen?“ Bin ich klug genug für diese Schule? Bin ich schön genug, einen Freund, eine Freundin zu finden? Bin ich noch etwas wert in meinem Alter?

„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist.“ Wir vergleichen uns. Wenn uns die anderen dann auch noch klein machen, dann ziehen wir schnell die Schultern ein. Davids Brüder bremsen ihn; sie ärgern sich über ihn: „Was spielst Du Dich so in den Vordergrund, David? Gegen den da hat keiner von uns eine Chance, Du schon lange nicht. Also, Kleiner, geh zurück zu Deinen Schafen.“

„Ein Mensch sieht was vor Augen ist. Aber Gott sieht das Herz an!“ David spürt, was Gott ihm zutraut. Er lässt sich nicht klein machen. „Wir schaffen das!“ Sein Gottvertrauen macht ihn mutig und frei. Sogar gegenüber einem Riesen: „Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Sichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des lebendigen Gottes.“ (1. Samuel 17, 45)

So besiegt der Jüngling den kampferprobten Riesen. Mit dem, was er kann und hat: Kieselsteine, eine Zwille oder Schleuder. Im Vertrauen auf Gottes Beistand. Das große Schwert, mit dem Saul ihn ausrüsten will, lehnt er ab; es ist ihm zu schwer.

Gottes Macht erweist sich in dem zierlichen, feingliedrigen Jüngling als kräftig. So wie später in Jesus; so wie in diesem bunt gewürfelten Haufen aus Alten und Jungen, Frauen und Männern, Armen und Eingeschränkten, die Christus nachfolgen; so wie in den verfolgten und verspotteten ersten Gemeinden.

Mit diesem selbstbewussten starken David möchte ich in den nächsten Wochen durch die Stadt gehen. David macht uns gerade in diesen Tagen der Angst und der Zerrissenheit Mut, unsere Welt friedlicher, gerechter und menschenfreundlicher zu gestalten. „Wir schaffen das!“
Alle anderen zittern vor Goliath: „Und wer von Israel dden Mann sah, floh vor ihm und fürchtete sich sehr.“ Sie versinken in Angst, sind wie gelähmt. Da kommt dieser schmächtige Jüngling David – und fürchtet sich nicht! Lässt sich auch nicht von den großen Brüdern abhalten, die ihn unrealistisch, unvernünftig schimpfen. David sieht die Welt mit Gottes Augen, schöpft Mut und handelt. Da verliert die Angst ihre Macht.

Aufrecht mit David durch die Stadt gehen. Schauen, wo einer unter die Räuber gefallen ist. Etwas tun, damit das Klima unter den Kolleginnen und Kollegen im Büro besser wird. Dazwischen treten, wenn Unrecht geschieht; wenn einer klein gemacht, wenn eine gemobbt wird. Sich Zeit zum Reden nehmen, wenn es zu Hause wieder ganz nervig ist.
Davids Brüder dachten, er hätte die Herde zu Hause im Stich gelassen, um sich das Schauspiel mit Goliath und ihre Angst anzuschauen. Aber David will nicht dem Krieg zuschauen oder auf die Angst der Anderen gaffen, ihr Unglück gar filmen. David handelt mit frischem Mut im Geist Gottes. Er traut sich was, weil Gott ihm etwas zutraut. So wie uns!
 
II
 
David liebt die Macht! Aber er lässt sich von ihr auch gefangen nehmen. Da werden schreckliche Kriegsgeschichten im 1. Buch Samuel erzählt. David unterwirft alles seinem Willen zur Macht. „Ich bekomme, was ich will! Ohne Rücksicht auf Verluste!“

Aus dem sympathischen jungen Mann wird auf dem Weg an die Macht ein Ehebrecher und Mörder. Damals als Junge hat der Prophet Samuel zu ihm gesagt: „Gott hat dich erwählt!“ Jetzt ruft ihm der Prophet Nathan zu: „Du bist der Mann!“

Als David die schöne Batseba auf dem Balkon des Nachbarhauses sah, wollte er sie „haben“. Er rief sie zu sich und schlief mit ihr. Ihren Mann, Uria, schickte er an die vorderste Front im Krieg, bis er tot war.
Seine Schönheit, sein Charme, seine Zierlichkeit – alles weg. David, der Egoist. David, der bereit ist, alles zu tun, um seine Begierden zu befriedigen. David, der Machtgierige, der über Leichen geht. Die Nacktheit, das Tuch, der Schwung, die Sinnlichkeit – all das scheint nur noch eine Fassade, hinter der sich der Schrecken versteckt.
Dann kommt der Prophet Nathan und erzählt David eine Geschichte. Er erzählt vom reichen und vom armen Mann. Und wie ungerecht der Reiche handelt, indem er das einzige Schaf des armen Mannes nimmt und für ein Gastmahl schlachtet.

König David kann sich in die Geschichte gut hineinversetzen. Das ist die Geschichte von einem, auf den man mit dem Finger zeigen muss: „Unglaublich, diese Bosheit!“ Und wenn man ein mächtiger König ist wie David, kann man seinem Fingerzeig viel Gewicht verleihen. Er ruft: „Der Reiche aus der Geschichte ist ein Kind des Todes; er muss schwer bestraft werden und alles zurückzahlen.“ König David weiß, was gut und richtig ist; er kennt die Gesetze und die Moral.

„Du bist der Mann!“ Dann packt Nathan aus, wie ein guter Detektiv oder Rechtsanwalt in einem Krimi. „Du bist der Mann!“ Und auf einmal wird aus dem jungen König und strahlenden Held ein niederträchtiger Bösewicht: „Jetzt hast du dich selbst überführt! Du warst es doch, der mit all den Frauen nicht zufrieden war, mit denen du dich schon befreundet oder die du schon geheiratet hast. Du musstest unbedingt auch noch Batseba zur Frau bekommen, obwohl sie verheiratet war. Mit Uria, deinem Feldhauptmann. Mit Absicht hast du ihn in den Krieg geschickt, in die vorderste Reihe, damit er fällt und du Batseba heiraten kannst. Du bist der Mann, du hast dir eben dein Urteil gesprochen!“

David ist als Ehebrecher und Mörder überführt! Wie gefangen steht David da in seinem engen Tuch. Wie soll es weitergehen?
„Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN.“ Ein kleiner Satz, nur sechs Worte. David steht zu seiner Schuld. Damit rückt er das, was er tut, in einen Rahmen, in Gottes Ordnung. Alle unsere Macht ist uns von Gott anvertraut. Gott setzt heilsame Grenzen, die wir nicht überschreiten sollen: Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Du sollst nicht töten.
Allmächtig ist nur Gott. Uns vertraut Gott unsere Stärke und unsere Möglichkeiten nur an, damit wir die Welt im Geist Christi gestalten. Wir haben Verantwortung für das Leben der Anderen; das ist die Grenze jeder Macht: Du sollst Gott lieben – und deinen Nächsten wie dich selbst.

„Ich habe gesündigt gegen den HERRN.“ Mit diesem einen kleinen Satz wird vor Gott alles anders. Gott will, dass David, dass wir umkehren und zurückfinden. Deshalb lässt Gott den Propheten Nathan antworten: „So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.“ Die schrecklichen Konsequenzen seines Tuns sind damit nicht vom Tisch. Davids und Batsebas erstes Kind wird sterben. Das ist schwer zu ertragen und kaum zu verstehen. Aber das ist nicht das Ende: Gott ist gnädig und vergibt! David wird weiter leben - mit Batseba und sie werden einen Sohn haben, Salomo.

In den nächsten Wochen geht David mit uns durch die Stadt:
Als ein Warnzeichen, wie leicht mich die eigenen Interessen gefangen nehmen, wie schnell Menschen sich verführen lassen. Wie blind ich manchmal bin. Wie gebunden meine Augen sind. Wie schnell ich das, was ich will, verwechsle mit dem, was Gott will.

Als eine Aufforderung, die Anderen und Ihr Lebensrecht und Ihre Würde ernst zu nehmen. Sich klar zu machen, dass Gottes Wahrheit uns allen vorausliegt, bereit zu sein, sich freiwillig um der anderen zurückzunehmen.

Als eine Ermutigung: Selbst für diesen schrecklichen David haben Sünde und Schuld nicht das letzte Wort. Ich kann Schuld eingestehen vor Gott und vor anderen: Ich verliere mein Gesicht nicht, denn Gott sieht mich gnädig an.
 
III
 
David macht uns Mut, unsere Gaben zu nutzen. David lehrt uns, wie schreckliches Unheil Macht an-richtet, wenn sie sich verselbständigt. David ermutigt uns umzukehren. Wir sind nicht Gott, wir sind nur Menschen, denen ihre Möglichkeiten und Gaben von Gott anvertraut sind, um sie zum Wohl der Anderen zu nutzen.

Wir gehen in den nächsten Wochen mit David durch die Stadt mit vielen Geschichten von Trauer und Freude, Krieg und Frieden. Mit unseren Hoffnungen, dass Menschen sich gegenseitig mit Respekt begegnen, auch wenn sie einander fremd sind.

David ist nie allein unterwegs, selbst wenn er sich in die Einsamkeit zurückzieht. Das spürt man auch dieser Figur ab. Vieles zerrt an ihm, drückt und bewegt ihn; auch wenn kein anderer Mensch in der Nähe ist.

Gott ist da. Gott hat diesen Menschen erwählt. Gott macht ihn stark, aber er weist ihn auch in seine Schranken. Gott deckt seine Sünde auf und ringt mit ihm. Gott ist zornig über ihn und bleibt ihm doch treu. Gott und der Gesalbte, der berufene König, sie gehören zusammen; so wie Gott sich mit uns in der Taufe verbindet: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du gehörst zu mir!“

Wer mit David in den nächsten Wochen durch die Stadt geht, ist immer zu dritt. Am besten sieht man das an den Psalmen. Viele, vielleicht die meisten dieser Gebete und Lieder werden David zugeschrie-ben. Auch der berühmte 23. Psalm. „Der Herr ist mein Hirte!“

David lebt mit Gott. Ob er will oder nicht. In Freude und Trauer. In den Momenten des großen Glücks und des Erfolgs, aber auch im Scheitern: „Er weidet mich auf grüner Aue und führt mich zum frischen Wasser.“ „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal.“ Immer ist David mit Gott unterwegs. Gott ist da, steht zur Seite, in aller Zweideutigkeit und in allen Herausforderungen. Gott geht mit.
Sehen Sie das auch in der Skulptur, diese Beziehung Davids zu Gott oder besser: diese Verbindung Gottes zu David? Für mich hält Gott diesen David von hinten oben an seinen Oberarmen. Über diese Armen fließt die Energie und die Kraft von Gott in diesen Menschen. Von da aus richtet Gott ihn auf und aus, stärkt ihn, stützt ihn auch in seinen Grenzen, führt ihn aus der Bosheit heraus, die ihn eingefangen hat. „Komm, geh, hab Mut, fürchte dich nicht!“

So geht Gott mit David durch das Leben.
So geht Gott mit David und uns durch die Stadt.